Angebot, Ausbildungskurse

Vorsteigen in alpinen „Plaisir“-Routen im Bergell (CH)

Bericht von einem Kletterkurs für Fortgeschrittene

„Plaisir“ – das klingt nach Urlaub, Erholung und Genießen. Den Untertitel der Kursausschreibung – „Kletterkurs für Fortgeschrittene“ – las ich so nebenbei. Als einzige weibliche Teilnehmerin des Ausbildungskurses bei FÜL Klaus Kaps (Hamburg) habe ich mich dennoch vorsichtshalber mit Konditionstraining und verstärkter Hallenkletterei vorbereitet. Doch das half nur bedingt gegen die Unwägbarkeiten und Gefahren, die einem im alpinen Bereich begegnen können.

Am 21. Juli 2007 war es dann soweit: unser Ausbilder holte uns am Bahnhof von St. Moritz ab und verbrachte uns zur Talstation der Luftseilbahn Pranzaira-Albigna im südlichen Bergell im Kanton Graubünden. Jon, Fred und ich wurden binnen Kürze in eine fremde Welt katapultiert: nach einem Marsch über die 760 m lange Krone des Albigna-Staudamms und einem kurzen Aufstieg zur SAC-Hütte Capanna da l'Albigna (2336 m) richteten wir uns auf den Minimalismus ein, der uns auf einer professionell betriebenen Hütte, die 94 Gäste unterbringen kann, erwartete: Drei Quadratmeter persönliche Zone pro Person für Schlafen und Gepäck auf dem Acht-Bett-Zimmer „Dal Päl“, ein variabler Tischplatz im Gastraum, sauber gehaltene Waschplätze im Keller, Heißduschen nur gegen Gebühr.

Am ersten Kurstag sahen wir uns ersten Startschwierigkeiten ausgesetzt. Ein leichter Nieselregen ließ uns an heimatliche Gefilde denken, doch konnte uns nicht davon abhalten, auf den Seeplatten unterhalb der Hütte (140 m hoch) erste Versuche in Reibungskletterei auf Granit und Mehrseillängen-Touren im Schwierigkeitsgrad bis zu 5+ zu machen. Schmerzlich vermissten wir dabei Griffe und Tritte, nur kleinste Quarzeinlagerungen und ein ausgewogenes Gleichgewichtsgefühl brachten uns voran. Beim Abseilen im Doppelpack fehlten uns dann gleich sieben Meter, aber unser Kursleiter, der sich wie ein wendiges Kätzchen in den Bergen bewegte, brachte uns am Ende sicher zu Boden. Sicherheitshalber übten wir zum Abschluss noch gleich den Krankentransport.

Am zweiten Tag wurde es dann ernster: der SW-Grat des Torre dal Päl, der vorgelagerte Turm des Piz dal Päl (2618 m), wollte in einer Länge von 185 m bestiegen werden. Meine neuen Kletterschuhe überzeugten auch Klaus davon, dass ich bereit zum Vorstieg war. Auch in Standbau, Selbstsicherung und Seilhandling machten wir weitere Fortschritte, sodass wir noch ein bisschen am Piz dal Päl kletterten, bis der Hunger uns hinab zur Hütte trieb. Das Essen war sehr zum Bedauern des jährlich wiederkehrenden FÜL nicht Gourmet-, aber doch solider Hüttenstandard: reichlich, abwechslungsreich und mit frischem Salat angereichert. Nur die Hütten-Vollbelegung – es war Hochsaison – führte zu unruhigen und luftarmen Nächten: so mancher Zimmergenosse fand in heiterer Bierseligkeit sein Bettlager erst verspätet und hatte wohl länger keine Gelegenheit gefunden, seine verschwitzten Hemden zwischendurch mal auszuwaschen. Gegen störende männliche Schlafgeräusche waren wir mit Ohrstöpseln ausgerüstet.

Am dritten Tag zwangen uns die Wetterverhältnisse - starke Schauer und Gewitter -, einen „Kulturtag“ einzulegen. So trainierten wir unsere Waden mit dem Auf und Ab im Inneren des Albigna-Staudammes (115 m hoch), wo wir in die Sicherheitsüberwachung einer Gewichtsstaumauer eingeführt wurden. Mit der Seilbahn ins Tal gefahren, besuchten wir das betörende Dörfchen Soglio mit seinen historischen Gebäuden und ausladenden Edelkastanienwäldern, speisten beim Italiener in Bondo und besuchten das städtische Museum in Stampa in der „Ciäsa Granda“, von der weltberühmten Maler- und Bildhauerfamilie Giacometti erbaut. Mit der letzten Seilbahn erreichten wir am Abend wieder den wolkenverhangenen Albigna-See.

Der vierte Tag war ganz der meine: ein strahlend blauer Himmel, die Sonne kräftig und die Sichtverhältnisse „super“, wie man im Berg-Jargon sagt. Voller Elan brachen wir zeitig auf zum höchsten Gipfel des Kursprogramms, dem Piz Balzet (2869 m). Nach einem steilen Zustieg stiegen wir in den Südgrat des Berges und kletterten bis in den 5. Grad vornehmlich über Platten und großblockiges Gestein. Zwölf schöne Seillängen waren zu bewältigen und gelerntes Wissen über Selbstsicherungen (Friends, Keile, Schlingen) anzuwenden. Meine Feuerprobe kam etwa zwei Seillängen vor dem Gipfel. Ich stieg vor und legte eine Schlinge, dann noch einen Friend, bevor ich die letzte Platte vor dem Standplatz erklomm. Plötzlich brach mein rechter Fuß weg. Ein lauter Ruf „Achtung ich falle!“ und schon gings ab: erst mit dem Hintern auf einen größeren Block, dann seitwärts weiter und kopfüber an der Felswand entlang. Gott-sei-Dank hielt mein erster selbstgelegter Friend und ich pendelte dank Seildehnung nach ca. 10 m Fallhöhe weich ein – unverletzt aber pochenden Herzens. Klaus war gleich zur Stelle und nicht minder froh, dass ich sogleich weiter klettern wollte. Der Gipfel war bald erreicht, und die Sicht auf drei verschiedene Gletscher war fantastisch. Doch fortan hatte ich einen neuen Begleiter: die blanke Angst. Und einen angeschlagener Steiß. Der Abstieg war für alle nicht ganz einfach, eine Mischung aus Abklettern und Abseilen in unklarem Terrain. Glücklich kamen wir abends unversehrt in der Hütte an.

Der fünfte Tag war für alle ein Abenteuer. Eigentlich war der spektakulärste Felsen, die „Fiamma“ an der Spazza Caldeira (2487 m) projektiert, aber schon von weitem sahen wir, dass zahlreiche Seilschaften den Berg bereits in Besitz genommen hatten. So entschieden wir uns zum Aufstieg zur Vergine (2708 m). Dort erwartete uns eine extrem ausgesetzte und zerklüftete Felsenlandschaft, die mich stark an C.D. Friedrichs „Eismeer“ erinnerte und mir – trotz konsequentem Nachstieg – nicht selten den kalten Schauer über den Rücken jagte. Dazu kam eine unsichere Wetterlage, immer wieder bildeten sich dunkle Wolken und zwangen uns, zügig weiter zu klettern. Doch es blieb trocken, dafür war unsere Kleidung von innen nass und das Abendessen bei Rückkehr bereits kalt.

Der letzte Klettertag führte uns zum alles dominierenden Gipfel des Gebiets: den Punta da l'Albigna (2824 m), den meistbesuchten Bilderbuch-Berg. Schon vor sieben Uhr aufgebrochen, haderten wir bereits am Einstieg von „Moderne Zeiten“ (14 Seillängen, bis 5. Grad) und schon bald mit Seil-Turbulenzen. Einige Plattenquerungen und komplexe Felspassagen forderten auch Jon, der bisher eher gelassen vorstieg, bis an seine Grenzen. Dramatisch wurde die Rettungsaktion seines eingeklemmten Friends durch nachfolgende Bergfreunde. Am Ende der Route teilten wir uns den Vorgipfel mit einer munteren Schweizer Jugendgruppe und folgten ihnen dann im Abstieg, unterdrückten angesichts der fortgeschrittenen Stunde unser Gipfelfieber. So war noch genug Zeit, die Abreise für den nächsten Morgen vorzubereiten und mit dem Kursleiter auf die gelungene Ausbildung anzustoßen.

 Fazit: Schwere Rücksäcke, tiefe Abgründe und kühle Höhenwinde erhöhen den Schwierigkeitsgrad immens, wobei das Klettergerät stets sachgerecht mitgeführt und eingesetzt werden sollte. Knoten im Seil und an älteren Schlingen sind zu vermeiden, Stand- und Selbstsicherungen mit Bedacht zu legen. Die vielgelobte „Ruhe in den Bergen“ ist in der Hauptsaison eher Mangelware, und von „Wellness“ kann beim „Plaisir“-Klettern am alpinen Granit nur bedingt gesprochen werden.

 Charlotte Brinkmann

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