"Eis ist geil!"
Tourenbericht Hochtouren am Mont Blanc, vormals "4000er über Zermatt"
Da die 4000er über Zermatt keine guten Wetteraussichten bieten konnten, kam der nächste Kandidat ins Spiel. Am Mont Blanc Massiv lässt sich immer eine Tour machen. Und so wurden noch schnell Eisgeräte, Eisschrauben und ein Satz Friends auf den Rucksack gebunden, bevor Fachübungsleiter Jens Weiß mit Anja Kleeberg und Jens Wilken in den Nachtzug Hamburg-Basel steigt.
Auf unserem scheinbar endlosen Weg von Hamburg auf die Cosmique-Hütte am Gletscher La Vallee Blanche ist Chamonix die letzte Station. Überragt vom weißen Gebirgsmassiv erledigen wir letzte Einkäufe und ich leihe mir steigeisenfeste Schuhe in einem der unzähligen Ausrüstungsläden. Anschließend bringt uns die Seilbahn zusammen mit einer Hand voll sommerlich gekleideter Touristen auf die Aiguille de Midi. Im Felslabyrinth auf 3842 m Höhe suchen wir uns unseren Weg zum Ausstieg auf den Gletscher: Gefahr, ab hier nur für Bergsteiger warnt die gelbe Tafel an der Absperrung im Eis, vor der wir Eispickel, Steigeisen und Seil startklar machen.
Zum Glück ist es so nebelig, dass wir nicht erkennen können, wie steil und wie tief die Flanken des Grades abfallen, über den wir im langen Bogen auf den Gletschersattel zustapfen. Nach kurzem Anstieg erreichen wir die Refuge des Cosmiques (3613 m) und beziehen unser Lager. Aber wir sind nicht gekommen, um in veralteten französischen Ausrüstungskatalogen zu blättern, und so machen wir noch eine kleine Entdeckungstour an die nächste Eiswand. Nach Standplatzbau mit zwei Eisschrauben zur Zentralpunktsicherung probieren wir die Eisgeräte auf einer kleinen Seillänge aus. Pok-Pok, Tak-Tak. Im Eis kann man sich Rhythmus und Bewegungslängen der Eisäxte und Steigeisen selber vorgeben. Und es gibt auch gleich was zu lernen: frontal im hüftbreiten Abstand mit gesenkten Fersen antreten, Eisgeräte zentral und eng beieinander.
Zurück auf der Cosmique werden wir schon vom aufgeregten Hüttenwirt erwartet. Wir sind etwas zu spät zum Abendessen und wenn mal nicht wie sonst üblich 100 sondern nur 8 Leute auf der Hütte sind, gehört hier Sicherheit mit zur Halbpension.
Damit Schnee und Eis noch schön knackig sind, ziehen wir am nächsten Morgen früh los und werden auf unserem Weg zum Triangle du Tacul vom Sonnenaufgang vor der grandiosen Kulisse der zahlreichen Aiguilles, Dents und Monts begleitet. Fünf Doppelseillängen klettern wir in der schattigen, vereisten Rinne am Hang des Mont Blanc du Tacul dem blauen Himmel entgegen. Immer bemüht, beim Klettern das Atmen nicht zu vergessen und während des Sicherns die Füße einigermaßen warm zu halten. Puh, erst beim Abseilen wird mir klar, wie steil einige Passagen sind bis 90 Grad.
Am Nachmittag steigen wir einen Teil des Cosmique- Grates unweit der Hütte hoch und bauen zur Übung an jeder möglichen Stelle Standplätze und legen Zwischensicherungen.
Die Wettervorhersage für Samstag lässt Schreckliches erwarten und so sehen wir zu, dass wir bei anschwellendem Wind gleich morgens mit der Seilbahn runter zur Zwischenstation (2300 m) fahren. Während sich die Wolken um die Aiguille de Midi verdichten, wandern wir über Geröllfelder und Toteis bis zum Mer de Glace-Gletscher, der eher einem Mer de Gravats (Schutt) ähnelt. Gerade rechtzeitig zum ersten Regenschauer und dem ersten Finisher des North-Face-Ultra-Marathon, der nach 158 km und über 8000 Höhenmetern um den Mont Blanc in Chamonix über die Ziellinie läuft, erreichen wir wieder Chamonix und suchen uns eine günstige Refuge etwas außerhalb.
Für Sonntag haben wir uns die Petite Aiguille Verte vorgenommen. Von Argentière aus nehmen wir die Télépherique auf 3300 m und spuren geradewegs auf die Nordwand des Gipfels zu. Nach 2 Seillängen im Eis und einer Länge Mixed-Kletterei taucht hinter einem Granitblock plötzlich der Gipfel auf: Was für ein Ausblick! Die Wolken brechen auf und wir machen Mittagspause vor dem Panorama der Aiguille Verte und den Drus mit einer französischen und einer amerikanischen Seilschaft, die über den Ostgrat aufgestiegen sind. Ihren Spuren folgen wir auf dem Weg hinab auf den Gletscher. Bevor die letzte Seilbahn wieder nach Argentiere rollt, können wir noch üben, wie wir Fritz, den Rucksack, mit Schneeanker und haufenweise Prusik-Schlingen wieder aus einem bedrohlichen Windkolk bergen.
Am letzten Tag bleibt uns gerade noch genug Zeit, den Cosmique-Grat zu durchsteigen. Mit der ersten Seilbahn um 7:15 fahren wir auf die Aiguille de Midi und sind die ersten, die den Schnee auf dem schmalen Grat zum Gletscher feststapfen müssen. Den ersten Teil der Strecke kennen wir ja schon und sind recht bald an der ersten Abseilstelle. Ab hier wirds richtig spannend. Abseilen durch einen engen Kamin, Querungen an Eis und Granit, senkrechte, z.T. technische Kletterei, bizarr übereinander gewürfelte Felsblöcke und nochmal kurze Eisrinnen wollen bewältigt werden. Zum Schluss stehen wir direkt vor der 4 m Stahlleiter, die uns direkt auf die Aussichtsplattform der Aiguille de Midi-Seilbahn und damit ins Schussfeld der digitalen Kameras bringt. Ein spektakulärer Abschluss!
Jens Wilken





