Bericht über eine nicht ganz alltägliche Reise: Bodensee - Meran
Durch fünf Länder, zu Gast auf unseren Hütten, der Niederelbehütte und dem Ramolhaus.
Der Bodensee und Meran, beides sind klangvolle Begriffe, die eines gemeinsam haben: nahezu jeder Mensch aus unseren Breitengraten hat zumindest irgendwann schon davon gehört.
Für mich haben diese Namen gleichzeitig den Hauch des Mediterranen in Verbindung mit dem Element Wasser. Das milde Klima des Bodensees, auch das schwäbische Meer genannt, und das südliche Meran mit seinen Thermen, kommen jeweils auf ihre Art diesem Gefühl sehr nahe. Doch dazwischen liegen auf fast direktem Weg: fünf Länder mit unterschiedlicher Kultur und Brauchtum, tiefe Taleinschnitte, Wanderwege und Hütten zu den Bergketten mit ihren eindrucksvollen Gipfeln. Dieses zu erkunden, dafür habe ich mich auf den Weg gemacht.
Unsere Niederelbehütte im Verwall und das Ramolhaus im Ötztal sind die einzigen Fixpunkte, die ich mir für meine Wanderung über den Alpenhauptkamm nach Meran vorgenommen habe. Waren die Wege und Hütten im Rätikon vielfach recht gut frequentiert, so bin ich jetzt im Verwall Tag um Tag fast alleine unterwegs. Nur auf den Hütten, die meist gute Talzugänge haben, ist mehr los. Wo die Menschen am Tage bleiben. ist mir ein Rätsel. Ich genieße diese Bergeinsamkeit in vollen Zügen und lasse mich auf die Herausforderungen dieser stillen Hochgebirgspfade ein. Droben an der Kieler Wetterhütte lichtet sich das Wolkenmeer und ich kann mein Ziel, die Niederelbehütte hoch über Kappl und dem Paznauntal ausmachen. Eine Gruppe mächtiger Steinböcke heißt mich eine halbe Stunde vor der Hütte schon mal willkommen, bevor ich als später Gast an diesem Abend in der gemütlich warmen Gaststube von Martha und Hubert, den Hüttenwirtsleuten, herzlich mit einem Gläschen Obstler begrüßt werde. Durch das Blumental geht es nach Ulmich im Paznauntal. Längst sind die Unwetterschäden der Trisanna wieder beseitigt, von denen dieses Tal im August 2005 mit fortgerissenen Häusern und Brücken so verheerend getroffen wurde.
Wieder ist eine Schlechtwetterperiode angesagt, die mir die Zeit gibt, auch die zweite Kamera zu überprüfen, also das ähnliche Ritual wie schon einmal: Diesmal geht es von Landeck aus mit dem Zug nach Lüneburg. Zu Hause werden die Kameras ausgetauscht, wieder achtzig neue Filme eingesteckt, alle möglichen Hausaufgaben erledigt und ab geht es wieder zurück nach Kappl, denn dort wartet noch der Eckpfeiler und zugleich die höchste Erhebung im Verwall, der Hohe Riffler auf meinen Besuch. Der Empfang in Kappl ist sehr ernüchternd, es gießt in Strömen, ich quartiere mich erst einmal in der Krone ein, zu meiner Überraschung sehr preiswert bei hervorragender Bewirtung. So lassen sich selbst die kommenden Tage gut aushalten. Endlich macht der Regen eine Pause und schon bin ich auch los. Ab der Dias Alpe nieselt es wieder, aber auch solche vernebelten Tage haben ihren besonderen Reiz. Man hört sie zwar schon lange, sieht die Bagger und das, was sie in dieser sensiblen Landschaft hier oben an- und herrichten, Gott sei Dank erst wenige Meter vorher - alles zum Wohle der Wintersportgäste. Jenseits der Schmalzgrubenscharte wird es lichter und als ich die Edmund-Graf-Hütte betrete, wird mir schnell klar, dass ich nicht der einzige bin, der am nächsten Tag zum Hohen Riffler hinauf will.
Meine bewährte Taktik greift auch an diesem Morgen, heute sogar nur mit Fotoausrüstung und drei Müsliriegeln in der Tasche, breche ich mit der ersten Morgenröte zum Gipfel auf. Ohne den schweren Rucksack auf dem Rücken, gehe ich diesen Berg mit einer Leichtigkeit an, die mich selbst verblüfft. Und wieder gehört der Gipfel mir ganz alleine. Über einem geschlossenen Nebelmeer fühle ich mich wie der Kapitän eines Ozeanriesen, der im Weltenmeer die erhabenen Klippen von den Lechtaler Alpen bis hin zur Silvretta fachkundig umschifft, die Klippen des Verwalls bereits hinter sich lassend. Jetzt kommen die nächsten Gipfelstürmer, mich stören sie nicht mehr. Am Nachmittag liegt viel Sonnenschein und gelöste Stimmung über der Hütte.
In der Zwischenzeit ist es bereits Mitte September geworden. Im Schnalstal sind die Bauern dabei, die letzte Mahd einzubringen und hoch droben über dem Vernagtsee werden Tausende Schafe von ihren Sommerweiden im Ãtztal über die schöne Aussicht und das Niederjoch am Similaun wie eh und je wieder ins Schnalstal zurück getrieben. Dieses Schauspiel in dreitausend Meter Höhe lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Zugleich lockt von der Similaunhütte aus das Gipfelkreuz des Similauns. Mit dreitausendsechshundert Meter wird es der höchste Punkt meiner insgesamt vierundsiebzig Tage sein, (die Unterbrechungen nicht eingerechnet) die ich auf meiner Bodensee  Meran Erlebniswanderung unterwegs bin. Also schnalle ich mir nahe der Hütte die Steigeisen unter die Stiefel und nach gewohntem Standart bin ich längst vor den Anderen am Berg. Der Schnee ist noch hart und das Eis griffig, beste Vorraussetzungen, um ohne groÃe Mühe über den Gipfelgrat mein Ziel zu erreichen. In der Ferne kann ich im südlichen Morgendunst die vielen Gipfel ausmachen, die sich um die Königin der Dolomiten, die Marmolada, scharen. Der Ramolkogel, der sich über dem kleinen Bergsteigerdorf Vent erhebt, ist zum Greifen nah. Die Ortlergruppe und die Bernina sind leicht auszumachen. Während sich diverse Seilschaften noch mit dem Berg auseinander setzen und der Gipfel sich immer mehr hinter Wolkenschleiern versteckt, bin ich schon längst zum ausgiebigen Frühstück zurück auf der Hütte.
Von Vent aus geht es steil hinauf zum Ramoljoch, und beschwerlich noch dazu, zumal ich an diesem Spätnachmittag im oberen Teil immer wieder im tiefen Schnee versinke. Was sich um die Wildspitze herum zusammen braut, lässt nicht viel Gutes ahnen. Oben im Joch angekommen, verabschiedet sich die Dämmerung in Richtung Nacht, es ist höchste Zeit, um über die seilversicherten Felsen hinab auf den Ramolgletscher zu gelangen. Ãber mir dunkle Nacht. Vom Tal leuchten plötzlich die Lichter von Obergurgl herauf, als wären sie nur einen Katzensprung entfernt, die Hütte muss also viel mehr rechts sein. Es geht wieder bergan! Ob ich wohl richtig bin? Zweifel kommen auf, da leuchtet kurz ein Licht auf, um auch gleich wieder zu erlöschen, es muss die Hütte sein und tatsächlich als ich kurz davor stehe, tauchen ihre Umrisse vor mir auf, ich trete in die dunkle Hütte und mache mich polternd bemerkbar. Das Licht geht wieder an und etwas verschlafen werde ich mit den Worten: Âja wo kommst du denn her? vom Koch empfangen: ÂWir sind schon schlafen gegangen! Der Koch und die Bedienung? Ich frage ihn nach der Uhrzeit: ÂKurz vor Neun ist seine Antwort. Dann sollte ich auch noch etwas zwischen die Zähne bekommen. Er schüttelt immer wieder den Kopf, geht in die Küche und richtet mir etwas zum Essen her. ÂWo willst du schlafen? fragt er mich. Im Lager, da ist am meisten Platz und viel Luft, ich bin ja eh der einzige Gast. DrauÃen hat sich der Wind gelegt, es fängt an zu schneien, bis zum nebelverhangenen Morgen werden wieder mindestens dreiÃig Zentimeter der weiÃen Pracht dazu gekommen sein. An diesem Tag werde ich wohl auch der einzige Gast bleiben. Mein Mittagessen verdiene ich mir mit Schneeschippen. Einer sternenklaren Nacht folgt ein traumhafter Morgen. Statt gleich ins Tal zu spuren, entschlieÃe ich mich, mich wieder hinauf auf das Ramoljoch zu bewegen und jenseits den Weg in Richtung Martin-Busch-Hütte einzuschlagen, um all das Versäumte vergangener Tage, diesmal im besten Licht nach zu erleben, und um in der südlichen Wärme der späten Septembertage in Dorf Tirol, in den Trauttmansdorffer Gärten und in der Laubengasse von Meran langsam Abschied zu nehmen von (m)einem langen, ereignisreichen Sommererlebnis.
Die Bilder und mehr zu meiner Wanderung - vom Bodensee nach Meran - gibt es in meiner neuen Diaschau am Mittwoch, 27. Februar um 19 Uhr im Philosophenturm in der Uni-HH zu sehen und zu erfahren.
Bis bald Euer
Andreas Kögel








