Botanischer Wegweiser des Ramolweges

Wenn man von Obergurgl, dem mit einer Höhe von 1910 m höchstgelegenen Kirchdorf der Ostalpen, ins Gurgler Tal schaut, kann man das Ramolhaus hoch oben auf einem Sporn des rechten Talhangs erkennen. Für den Weg von Obergurgl bis zum Ramolhaus in 3006 m, der höchsten Alpenvereinshütte des Gurgler Tals, müssen allgemein 4 Stunden als Aufstiegszeit angesetzt werden.

Der Weg bietet einen imposanten Eindruck von der Gebirgslandschaft des Ötztals, der die Mühe von 1100 Höhenmetern auf alle Fälle lohnt.

Dieser Weg bietet verschiedene alpine Vegetationsstufen mit unterschiedlichen Pflanzen. Wegen der nicht unerheblichen Hangneigung von ca. 30° bis 35° sind an verschiedenen Stellen vegetationslose Abrutschflächen entstanden, die Blaiken.

Wie im Großteil der Zentralalpen trifft man auch hier auf so genanntes Urgestein, meist Gneise und Glimmerschiefer. Der vielfach enthaltene braunschwarze Glimmer verwittert am leichtesten, die Färbung des Bodens ist wegen des unterschiedlichen Eisenanteils braun bis rotbraun. Es handelt sich dabei um sauren Silikatboden, der als Grundlage für spezifische Pflanzengesellschaften dient.

Die inneren Täler der Zentralalpen haben einen kontinentalen Klimacharakter, den man nicht ohne weiteres im "Gebirge" erwartet. Die Jahresniederschläge liegen hier bei ca. 500 mm, das ist etwa nur ein Drittel der Beträge in den Bayerischen Alpen. Es gibt sehr kalte Winter, andererseits relativ warme Sommer. Dieses Klima ist in den österreichischen Alpen im Ötztal am stärksten ausgeprägt. Der Ramolhang weist als Südost-Hang (genauer OSO-Hang) eine Besonderheit auf. Er erhält eine längere tägliche Sonnenbestrahlung, wodurch er gegenüber der anderen Talseite begünstigt ist. Darüber hinaus bekommt er geringere Niederschläge als die andere Talseite, da er bezüglich der Hauptwindrichtung auf der Leeseite liegt.

Diese Erscheinungen haben beträchtliche Auswirkungen auf die Vegetation dieses Hangs:

Vegetation und Vegetationsstufen liegen hier höher als in vielen anderen Alpenregionen.

Ein Teil des Bergwaldes in höheren Lagen wurde schon im Mittelalter gerodet, weil die Talbevölkerung mehr Weidegebiete für das Vieh benötigte. Dafür bot sich die im Sommer wärmere Talseite, hier also der Ramolhang, an. Deshalb findet man am Ramolweg keinen Bergwald. Ein Teil des unteren Hanges wurde und wird von den Bergbauern durch ein System abgeleiteter Kanäle bewässert, um ertragreiche Mahdwiesen zu bekommen.

Pflanzliche Lebensformen der Gebirge werden in Vegetationsstufen eingeteilt, die durch charakteristische

Pflanzengesellschaften beschrieben werden. Längs des Ramolweges finden wir drei dieser Stufen für Silikatböden, nämlich die mittlere alpine Stufe, die obere alpine Stufe und die subnivale Stufe. Wir beziehen uns hier auf die Einteilung des Innsbrucker Botanikers Herbert Reisigl, dessen Klassifikation durch viele Forschungen im Inneren Ötztal abgesichert ist.

I. Mittlere alpine Stufe

a) Bürstling-Weiderasen und Bermähder

Diese Zone reicht vom Weganfang in Obergurgl bis kurz hinter die Schäferhütte auf etwa 2350 m. Der Bürstling-Weiderasen (Nardetum) ist ein Magerrasen auf steinigem und bodensaurem Boden. Dieser Rasen ist durchzogen von Alpenrosensträuchern und Besenheide. In den flacheren, und steinlosen Abschnitten findet sich die landwirtschaftliche Nutzung mit Mahdwiesen. Gleich zu Beginn des Weges befindet sich eine steilere Passage, in der die Mahd wieder aufgegeben wurde und sich Grünerlen angesiedelt haben.

In der Grünerlenzone findet man auch viele Knabenkrautarten (Orchideen), Steinbreche und Zwergsträucher.

  • Auf den Mahdwiesen gibt es vor der Mahd noch verschiedene Glockenblumen oder Habichtskrautarten.
  • An den Bächen sieht man einige alte Ableitungen für die künstliche Hangbewässerung, dort gibt es manchmal Steinbrechpolster von Bach- oder Stern-Steinbrech.
  • In einem oberen Bereich kommt ein flaches Hangstück mit deutlicher Vermoorung, wo sich Wollgras und schöne Binse befinden.

b) Bürstling-Weiderasen

Diese Zone beginnt beim "Küppele" auf ca.2350 m und endet hinter einer markanten Felszone auf ca. 2550 m. Gegenüber der Zone a) ist der Bürstlingrasen ist hier beherrschend, es ist weniger feucht. Die wärmeliebenden Zwergsträucher klingen langsam aus, dafür taucht an einigen Stellen schon der Krummseggenrasen (siehe II.) auf.

  • Am Schafweidehang hinter der Küppelehütte hören die MahdBürstling-Weiderasen mit bärtiger Glockenblumewiesen auf, es gibt nur noch den Bürstling-Weiderasen. Sehr auffällig sind der Berg-Hahnenfuß, der Berg-Nelkenwurz (beide gelb) und die Alpen-Wucherblume (weiß)
  • An einigen Stellen sieht man noch Alpenrosen und Besenheide.
  • An Blaiken (Abrutschstellen) finden sich viele Moose und Steinbreche.
  • Dicht an die Oberfläche gedrückt sind Zwergweiden. Dies sind die höchsten Bäume, die auf den ersten Blick kaum als Bäume erscheinen.

II. Obere alpine Stufe

Diese Zone reicht von 2550 m bis 2840 m, bis zur zweiten Abzweigung zum Hochwildehaus.

Es lassen sich drei Hauptbereiche unterscheiden, nämlich der Krummseggenrasen (Curvuletum), die Schneetälchen und einige Schuttflächen. Die Vegetationszeit von unter 6 Monaten ist für den Bürstlingrasen hier schon zu kurz.

In manchen Mulden hält sich der Schnee lange, die Vegetationszeit sinkt hier auf 2 bis 4 Monate, sodass sich nur noch Schneetälchen-Pflanzen halten können. In einer großen Mulde kam viel Schutt von einer Steilpassage zum Stehen, hier konnte sich bisher kein tragfähiger Boden bilden, sodass markante Blockschuttflächen das Bild beherrschen.

  • Der Krummseggenrasen hat seinen Namen von den frühzeitig absterbenden, gekrümmten Blatt-Enden, was diesem Rasen einen fahlen, bräunlich-grünen Farbton gibt. Diese Erscheinung rührt von dem Befall der Blattspitzen mit einem Schlauchpilz.
  • Im Zusammenhang mit dem Krummseggenrasen treten häufig die Alpen-Wucherblume (weiß), der Berg-Nelkenwurz (gelb), Krautweiden und die Gemsheide auf.
  • Charakteristische Pflanzen für die Schneetälchen sind Eisglöckchen (Soldanellen) und Zwergprimeln.
  • In den Schuttflächen kann man häufig die Safranflechte mit dem orange-farbigen Rand finden. 

III. Subnivale Stufe

Diese Zone umfasst den letzten Wegabschnitt von der letzten Abzweigung in 2840 m Höhe bis zum Ramolhaus in 3006 m.

Wir haben hier noch einzelne Rasenfragmente sowie einige Schutt- oder Felsbereiche, in denen noch einige Polsterpflanzen auftreten.

  • Wie in der tieferen Zone finden sich auch hier noch die Krautweide, die Alpen-Wucherblume und verschiedene Primeln.
  • Hinzu treten der kriechende Nelkenwurz, Enziane, stengelloses Leimkraut und andere Steinbreche wie der Moos- oder der Furchen-Steinbrech.
  • In den Schuttflächen gibt es häufig den Schneeampfer.

In der folgenden nivalen Stufe gibt es keine Rasenfragmente mehr.

Viele Blütenpflanzen finden sich noch oberhalb des Ramolhauses, in der SO-Flanke des Hinteren Spiegelkogels, bis zum Gipfel in 3460 m Höhe, z.B. den kriechenden Nelkenwurz, den Gletscher-Hahnenfuß oder den Roten Steinbrech.

Vorsicht: Die Berge beim Ramolhaus sind keine Wanderberge. Die Besteigung dieser Berge erfordert das entsprechende alpinistische Können sowie die entsprechende Ausrüstung.

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