Zillertal bleibt Zillertal, aber das Karwendel?

Sommertour 2008 der Wandergruppe N 

Das hat nun schon Tradition: Wieder sollten die in der Lüneburger Heide gesammelten Bergerfahrungen in den Alpen ihre Früchte tragen.
Die Anfahrt für die Zweiwochentour erfolgt - überwiegend ökologisch durchdacht - mit einer Siebener-Gruppe zunächst bis zum Tegernsee, wo Uwe dazukommt. Dann nach Mayrhofen, weiter bis Hintertux und unzünftig mit der Seilbahn zum Tuxerfernerhaus. Von hier über die Friesenbergscharte zum Friesenberghaus, Aufstieg zum Hohen Riffler, dann auf dem Berliner Höhenweg über die Olpererhütte zum Furtschaglhaus, über das Schönbichler Horn zur Berliner Hütte, schließlich Greizer Hütte und Kasseler Hütte.
In der  2. Woche „Umzug“ ins Karwendel, wo, ausgehend vom Großen Ahornboden (Engalm) das Karwendelhaus, nach dem Übergang über das Birkkar das Hallerangerhaus und die nicht so bekannte Ganalm sowie schließlich die Lamsenjochhütte unser Quartier waren.
Nun kann man hier nicht alles erzählen, was auf so einer Tour alles passiert vom Wettersturz bis zum Frauentausch; trotzdem soll versucht werden, ein wenig darüber zu berichten. Am Schluss stehen dann noch zwei Fragezeichen.

Freitag, 18. 07. 2008
Anfahrt  per PKW (Holger, Christa & Uwe, Mathias) sowie Bahn (Günther, Joachim, Beate leider nur 2. Klasse), und Uwe Böhm als Fachbayer kommt am Tegernsee dazu: Kurzes Intermezzo von Daniel + Erdbeerrolle bei Uwe in Rottach-Egern. Fahrt bis Mayrhofen tief in Tirol, wo wir zwar Berge sehen, aber keiner hat so recht Lust, nach so viel schönem Sitzen in Auto und Bahn noch ein wenig rumzusteigen. Also bleibt es beim Landhaus Carla. Verpflegungsspezialität: Rentnerteller.

Sonnabend, 19.07. 2008
An sich war die Nacht bei Carla „bergstill“, aber irgendwo dahinten rauscht gewaltig, aber unsichtbar der Ziller. In sein Tal wollen wir also.
Der Bus bringt uns mit gefühlten 1000 Mitbergfreunden ins Tuxertal, Schluss ist in Hintertux, dann mit Seilbahn I und II bis oberhalb des Tuxer-Fernerhauses, das wir umwandern. Gegenüber den Gefrorene-Wand-Spitzen  gehen wir über die Ausläufer des Tuxer Ferners, der jetzt im Sommer  laut Holger, der es wissen muss, nur noch ein Schatten seiner selbst ist, eigentlich ein armes Nichts. Wir bestaunen die Flora-Vielfalt und die leuchtenden Farben der Blumen: Arnika, Schusternagel, großer Enzian, zig Steingartengewächse. Eingestreute Schneefelder müssen zum Glück nicht mehr gespurt werden. Die Blumen werden beim Anstieg schnell spärlicher, stattdessen bietet man uns jetzt jede Menge Steinplatten bis zur Friesenbergscharte, von wo wir zurückblicken und wo wir rasten.
Die Scharte ist nur ein ganz enger Durchlass im Fels und ab geschätzter Konfektionsgröße XXL nicht mehr passierbar. Also Vorsicht für Nachmacher ! Aber wegen guter Vorbereitung im norddeutschen Trainingslager bleiben wir unter dieser Maximalnorm und müssen niemanden zurücklassen.
Vor der Scharte ist allgemeines Volkstreffen – einige (natürlich nicht wir) kehren um, als sie sehen, wie steil und ungemütlich es hinter der Scharte runtergeht. Also, wir stärken uns und machen uns dann an dem steilen, oft erdigen Hang über z. T. nasse Steinplatten an den Abstieg. Ach ja, das Seil in der Wand habe ich vergessen, das uns natürlich enorm weiterhilft. Unsere Nachthütte haben wir von oben schon gesehen, das Friesenberghaus ist eigentlich ganz nah. Aber es dauert doch noch, bis wir uns mit Hilfe diverser Seilsicherungen runtergearbeitet haben. Dabei spielt das Wetter, das sich mit blau-italienischem Himmel von seiner schönsten Seite zeigt, eine nette Rolle.
Aber bevor wir die Hütte erreichen, führt der Weg durch umfangreiche Geröllfelder, wo wir schon von Weitem verpfiffen werden: Die Murmeltiere sind auf Zack. Aber dann zeigt sich auch der Chefwächter: Dick und wohlgenährt strolcht er durch die Steinplatten, ist zunächst auch sehr interessiert an unserer Version des Murmeltiersignals, als wir ihm pfiffig antworten; der Wächter behält uns also im Auge, bleibt vorsichtshalber in der Nähe und bezieht, während wir langsam vorbeiwandern, wieder seinen Beobachtungsposten bäuchlings auf dem sonnengewärmten Felsen.
Inzwischen lahmt Joachim heftig aus der Schulter heraus, kann seinen Steuerbordstock gar nicht mehr benutzen, braucht dringend Beistand.
Im Friesenberghaus werden wir zweimal zu viert in Etagenbetten einquartiert und brechen endlich den mühsam mitgeschleppten Rum an. Abends frohe Runde am eigens reservierten Dettmanntisch, nur die Rechnung des Hüttenwirts will nicht stimmen. Stattdessen zieht draußen schon mal eine heftige Regenfront durch, die von mir aufgrund innerer Dissonanzen stündlich vom verschwiegensten Raum der Hütte aus genau beobachtet wird.

Hoher Riffler

Sonntag, 20. 07. 2008 -  Hoher Riffler -
sieht uns bei Sonnenschein am Frühstückstisch. Der Hüttenwirt will offenbar gleich putzen, rät uns daher, sofort loszugehen, solange es draußen noch so schön ist. Na gut, wir nehmen den Hohen Riffler in Angriff, zu siebt, Joachim macht Schultertraining auf einer flacheren Strecke. Beim Anstieg sehen wir noch einmal die Wand unterhalb der Friesenbergscharte, durch die wir gestern recht happig abgestiegen sind. Rechts ab geht es zum Petersköpfl, das auf seinem flachen Gipfelplateau eine Versuchsfläche für zeitgenössische Steinmandlkultur bietet: Wir sehen im Vorbeigehen eine Unzahl verschiedenster Steinmandl-Modelle, häufig im markanten Ein-Zack-Obeliskstil. Und Günther gesteht, dass auch er vor zehn Jahren hier in dieser Kunstsparte mitgearbeitet hat. Unser weiterer Anstieg ist auf beiden Seiten immer wieder von den bizarrsten Steinmandl-Varietäten gesäumt. Unterwegs haben wir nach Süden einen wunderschönen Überblick über unser Aktionsfeld der nächsten Tage, wenn wir über den  Berliner Höhenweg parallel zur italienischen Grenze über die Zillertaler Alpenpässe gehen wollen.
Der Hohe Riffler, 3231 m hoch,  versteckt sich unter Unmassen Geröllplatten und hat, weil es dadurch beim kräftezehrenden Anstieg einfach spannender wird, noch ein paar Vorberge eingebaut, die man gern schon mal als ultimativen Gipfel hingenommen hätte. Schließlich stehen wir aber am Kreuz; daneben hat jemand einfühlsam für uns Küstengebirgler eine Art Strandburg aus Steinen gebaut, die wir sofort als Ruhelager für die Gipfelrast in Beschlag nehmen.
Der Abstieg ist – wie so oft – nicht besonders beingelenkfreundlich, aber unsere Führung behauptet, mit Hyaluronsäure lässt sich jeder schlappe Knorpel leicht wieder aufpeppen. Ein Hagelschauer versucht, uns einzuschüchtern, was ihm natürlich nicht gelingt.

Montag, 21.07. 2008 Friesenberghaus – Olpererhütte – Schlegeisspeicher – Furtschaglhaus.
Draußen ist es ungemütlich mit Tendenz zu etwas Sonne, aber es ist recht kalt. Wir steigen zum gegenüberliegenden Hang hoch, auf dem wir schon viel „Verkehr“ beobachtet haben. Nachts hat es geschneit, orkanartig gestürmt und auf dem Zickzackweg, den wir von der Hütte sehen konnten, geraten wir in dünnen Schneebelag. Wir laufen wieder auf dem Weg 526, den wir schon an der Friesenbergscharte kennengelernt haben. Die Wetterentwicklung geht jetzt Richtung Wolken, aus denen sich auch bald und ergiebig Feuchtschnee entleert. Unterwegs quaken Frösche oder auch nicht, denn so etwas kann doch wohl nicht angehen in dieser Höhe. Selbst unsere Führung ist für einen kurzen Augenblick ratlos, einigt sich dann aber auf  turtelnde Schneehühner, was wir im Nebel mit gut 5 m Sicht nicht nachprüfen wollen. Schafe tauchen gespensterhaft auf, auch zwei Bergfrauen im Regenumhang rauschen vorbei. 
Und dann steht die nagelneue Olpererhütte ganz plötzlich vor uns, an sich – wie wir dem Bild auf der Speisekarte entnehmen– mit phantastischem Blick auf Schlegeisspeicher und das Dahinter-Panorama. Zumindestens wissen wir also, was die milchigen Wolkenmassen uns verbergen. Weil wir draußen nichts Bewegendes sehen, suchen wir drinnen in der Hütte nach ihrer Atmosphäre. Aber – wo ist die? Ist hier noch alles einfach zu neu nach dem Wiederaufbau? Wir wärmen uns kurz auf, dann geht es 500 m bergab. Dabei wird es schnell wärmer, die Flora bietet wieder Grünliches, dann Blattgewächse und bald sogar Bäume. Die Hüttenwirtin überholt uns mit ihrem ebenso blonden Schäferhund, will wohl noch etwas Wichtiges für die Olperer-Küche kaufen.
Fast auf Seehöhe reißt der Himmel auf, der Speichersee mit seiner Staumauer ist nicht ganz klein, in seinem Hinterland sehen wir – wie glänzende Silberbänder – die Seezuflüsse.
Die Jausenstation ist leider geschlossen, wir leben aus dem Rucksack und folgen dem Weg am See entlang (was für ein Genuss, mal wieder ganz eben zu laufen!), aber dann geht es auch schon aus dem breiten Gerölltal des Schlegeisbaches links hoch, und zwar die eben verlorenen 500 Höhenmeter  wieder hinauf zum Furtschaglhaus (2295 m), wo uns nach den ersten Bestellungen die Küche und auch die Organisation begeistert. Dafür haben wir aber enorme Schwierigkeiten, unsere pottwichtigen SMS abzusetzen.
Zum ersten Mal schlafen wir alle in einem Raum zusammen. Besonders beeindruckend ist hier die in allen Tonlagen quietschende Tür zum Lager, aber der Wirt will es richten, wenn wir weg sind.

Furtschaglhaus

Dienstag, 22.07. 2008 Furtschaglhaus – Schönbichler Scharte – Berliner Hütte
Frühstück wieder in dem freundlichen hellen Hüttenraumanbau. Heute geht es sehr früh los, und zwar gleich in einer Karawane, weil offenbar alle zur Berliner Hütte wollen. Na gut, nach und nach überholt man uns, zugegebenermaßen sind wir etwas älter als der Rest hier am Berg. Aber – ebenfalls nach und nach wird das Wetter sehr unfreundlich über die bekannten Zwischenstadien vom Nieselregen zum ungemütlichen Regen, gefolgt von zarter Schneeflocke, die von heftigem Schneetreiben abgelöst wird. Das ist es denn auch, was die ersten Leute vor uns zum Umkehren bestimmt. Denn es wird dabei gleichzeitig unangenehm glatt. Als wir dann im Bereich der größeren Felsplatten steigen, legt das Wetter noch einmal zu: Penetrante Schneehagelkrümel versuchen, unsere Gesichter zu erreichen, die Sicht geht gegen Null. Wenn es mal kurzzeitig etwas heller wird, sehen wir auf dem Grat hoch über uns mühsam sich vorwärts kämpfende Nebelgestalten, die offenbar auch nicht mehr so rasch vorankommen.
Schließlich, als der Schnee schon zentimeterhoch liegt und einfach nicht mehr schmelzen will, legen einige von uns ihre Grödeln an. Unterstützt von der Seilsicherung auf den letzten 75 Höhenmetern, erreichen wir ungerutscht die Schönbichler Scharte. Die Vorhut guckt noch schnell auf das Schönbichler Horn (3134 m), um zu klären, ob auch dort O-Sicht zu genießen ist. Im Führer steht etwas von „unvergesslicher Dreitausenderschau“ von oben. Na, heute aber nicht!
Die Scharte ist grad jetzt einer der  ungemütlichsten Plätze auf Erden, ein guter Grund, dass wir uns bald in den wiederum seilgesicherten, sehr steilen Abstieg über die Ostflanke zum Schönbichler Grat stürzen. „Stürzen“ ist hier wirklich das richtige Wort, denn es geht tollkühn an diesen Seilen nach unten, wobei die in unerfreulichen Abständen vorhandenen Felstritte wegen ihrer Glätte nur mit Vorsicht zu genießen sind. Im Führer steht dazu ganz anregend: „Die Felsen sind nicht überall stabil.“ Na Prost, leider sieht man unter dem Schnee die  Felsen gar nicht und kann sie also nur am Seil hängend auf ihre Stabilität prüfen. Aber auch das geht schließlich. Hier am Seil holen wir auch wieder einige Gruppen aus der Karawane ein, die uns am Morgen überstiegen haben.
Wegen Konzentration auf das Bergabgehatsche hat keiner Zeit, sich über Hunger, Durst, Kälte und das Was-Wollen-Wir-Hier-Überhaupt  Gedanken zu machen. Häufiges Stehenbleiben, wenn wir auf das vorsichtige Trittsuchen des Vorangehenden warten müssen, lässt uns nicht gerade wärmer werden, dabei sind die Hände in den klatschnassen Handschuhen  sowieso schon am Abfrieren. Dann klebt am Seil und im Schnee auch noch echtes Bergsteigerblut – nur weg hier, ist die allgemeine Meinung.
Aber der Abstieg zieht sich wegen der Glätte noch hin, erste Meutereien drohen, irgendwann verlassen wir den Grat zwischen Schönbichlerkees und Waxeggkees dann doch und sehen, als vorübergehend die Sonne sich einzuschmeicheln versucht, unser heutiges Tagesziel, die Berliner Hütte. Ermüdender Abstieg, ausgepfiffen von den Murmeltieren, immer wieder Regenschauer, nur ganz kurze Rast mit Graupelschneeunterhaltung, dann laufen wir noch lange auf der Seitenmoräne des Waxeggkees entlang. Auf einem schmalen Steg wird der Gletscherabfluss überquert, ein weiterer Steg bringt uns über den Hornkeesbach, überall in der Umgebung und unter unseren Füßen flach und glatt geschliffene Felsen: Was mag sich hier in den letzten Jahrtausenden gletschermäßig abgespielt haben? Das Eis soll bei der Gründung  der Berliner Hütte noch bis hier herunter gereicht haben. Jetzt zieht es sich in jedem Jahr um durchschnittlich 30 m weiter zurück.  
Der kurze Wiederanstieg zur Hütte wird erschwert durch einen Schwierigkeitsgrad der besonderen Art: Die beiden Hüttenschweine, die hier offenbar Hausrecht haben – und ausüben, und die irgendwie etwas gegen Uwe haben. Da schützt nicht einmal das Gehen auf ordnungsgemäß markierten AV-Wegen vor Angriffen. Aber auch hier helfen die Wanderstöcke...
Die Berliner Hütte ist beeindruckend mit ihrem Kaiser-Wilhelm-Charme und steht unter Denkmalschutz: Großzügiger Hüttenraum mit viel Handgeschnitztem an den Holzwänden. Innen eine Art Empfangshalle mit halbumlaufender Galerie, verspielte Treppchen, an den Wänden Bilder mit Werbung für Hapag-Lloyd vom Anfang des letzten Jahrhunderts, insgesamt entsteht ein wenig der Eindruck, als wäre man „an Bord“: Was war da los, als dieser Bau, immerhin hoch in den Alpen, geplant wurde ? Jedenfalls genießen wir es, hier gastronomisch versorgt zu werden und wundern uns, dass sogar zwei Berliner mit riesigen Rollkoffern nebst üppigem Begleitgepäck hier auftauchen. Diese Berlin-Enklave im Hochgebirge versucht offenbar, an die Großartigkeit unserer Hauptstadt anzuknüpfen.

Mittwoch, 23. 07. 2008. Eigentlich Übergang zur Greizer Hütte, stattdessen Abstieg: Grawandhütte – Breitlahner – Ginzling-Dornauberg
Es hat über Nacht heftig geschneit, schneit noch und – so, wie es durch die Hüttenfenster aussieht – wird es ewig weiterschneien. Was tun? Jedenfalls, nach dem Vorgeschmack der gestrigen Tour, versuchen wir uns vorzustellen, wie ein Übergang über den Mörchenpass aussehen könnte. Umfragen am Frühstückstisch ergeben, dass heute keiner auf den Berliner Höhenweg will, auch nicht die harten Sachsen, die wir auf den wechselnden Hütten immer wieder treffen. Also – bergab geht’s bei strömendem Schneeregen, aber Spaß macht es nicht gerade. Vor und hinter uns schleichen, geduckt in ihre Regencapes, frustrierte Eigentlich-Bergsteiger.
Dagegen der Zemmbach, an dem entlang wir absteigen, ist glücklich über jeden Tropfen, der ihm von überall zufließt. Links stürzt von einer Felswand über viele Meter ein Kaskadenwasserfall, und so ähnlich sieht es unterwegs durchgehend aus, auch unser Weg ist Teil des allgemeinen Flussbettes.
Weiter unten kurze Schreie, als tatsächlich für Minuten imposante Gipfel über uns aus den Wolken treten: Wie muss es hier imponierend aussehen, wenn mal „vernünftiges“ Wetter ist! Aber wir leben weiterhin wie schon seit Tagen von der Einbildung der Bergwelt um uns herum und von Bildern, die in den Hütten hängen.
Am Breitlahner gibt es Busverkehr, wir kehren kurz ein, dann ab nach Ginzling-Dornauberg, wo Uwe entschlossen ein gemütliches Gasthaus für uns aussucht, nicht ohne vorher die junge Touri-Info-Dame „ein wenig“ geschockt zu haben. Aber... der Wetterbericht meint, alles wird besser.
Ortsrundgang durch Ginzling-D. Lässt uns staunen, was diese kleine Doppelgemeinde alles vorzeigt: Natürlich die Kirche, dann die beiden Zemmbachbrücken, eine davon eine spannende Hängebrücke (bitte nur fünf Personen gleichzeitig rübergehen !), von oben sieht man Forellen in strömungs-schwachen Buchten stehen, schließlich geraten wir noch in ein Naturparkmuseum mit der Ausstellung „Gletscherwelten“.
Gegenüber unserem Gasthaus „Alpenland“ geht es direkt in das Floitenbachtal, wohin wir morgen, sicher bei unerträglichem Sonnenschein, zur Greizer Hütte aufbrechen wollen.

Ginzling

Donnerstag, 24.07.2008 Ginzling – Floitenbachtal – Steinbockhütte - Greizer Hütte
Na bitte, es geht auch ohne Regen, als wir morgens aus dem Fenster sehen, wobei man allerdings wirklich steil nach oben blicken muss. Dieses Muster-Bergsteigerdorf hat von November bis wohl Ende Januar überhaupt keine Sonne, so steil sind die Berge rundum. Sehr gemütliches Frühstück, diesmal kein Büfett, Abschied von diesem empfehlenswerten Haus und seiner Wirtin.
Das Floitental beginnt mit Asphaltstraße zwischen steilen Felswänden und abschüssigen Schutthalden. Hier ist es noch sehr grün und unübersichtlich, wobei wir uns vorstellen können, dass sich hier die Floitenbachstaude, eine junge Mutter, die am Anfang des 20. Jahrhunderts sich und ihre beiden Kinder mit Wilderei ernähren musste, gut durchschlagen konnte. Jetzt wird ihre Geschichte im Tal als Theaterstück unter die Leute gebracht, von denen einige das Original noch fast gekannt haben dürften.
Am Wegrand taucht eine Art Sennerei auf mit Kompressor und einem harkenden Senner: Das Haus hinter ihm droht bald zusammen zu brechen. Aber die Viehwirtschaft wird hier wohl auf einfachstem Niveau betrieben. Wir hören auch immer wieder Kuhglocken neben unserem Weg, von Kühen, die hier auf steinübersäten Hängen mühsam etwas zum Wiederkäuen suchen. Etwas weiter taleinwärts arbeitet oben unter den Felswänden ein großer Bagger; wie wir erfahren, „säubert“ er die Weideflächen vom immer wieder aus den Wänden abstürzenden Gestein.
Erste Pause ist bei der Steinbockhütte, wir sitzen draußen, freundlich bedient von einer jungen Wirtin, die vielleicht – so wie sie aussieht – mit der berühmten Floitenbachstaude verwandt ist, und die hier in der Alpenwalachei eine Minihütte betreibt.
Der Weg wird zum Pfad, wir fotografieren Wasserfälle, die das in diesen Tagen reichlich vorhandene Wasser zu Tal stürzen lassen, es wird steiler, mühsamer; dann stehen links auch mal zwei Hochlandrinder, ihre Haufen finden sich netterweise vorwiegend auf unserem Pfad. Und es gibt hier Bergsteiger, die auch inmitten der feuchten Weiche eines solchen Fladens ihre Trittsicherheit mit dem satten Abdruck ihrer Vibramsohle unter Beweis stellen.
An der Talstation der Materialseilbahn finden wir heuer das erste Edelweiß, groß und vielleicht schon über den Höhepunkt seiner Schönheit gediehen.
Der Talabschluss rückt nun doch näher, oben ist fast alles weiß vom Neuschnee, ein für uns ganz ungewohntes Bild: Jetzt sehen wir die Dreitausender im leichten Dunst gegen den – ich muss es wiederholen, weil wir bisher nicht vom Wetter verwöhnt wurden  - italienisch-blauen Himmel.
Wir ahnen mit steigender Höhe, wo unser Weg von der Berliner Hütte über den Berg gekommen wäre: Unten nah am Floitenbachgrund steht eine Leiter am Fels, dahinter sehen wir dann nach einem kurzen Steilanstieg durch Fels einen endlosen Zick-Zackweg über die Wiesenregion bis in den Steingürtel. Unterhalb der Mörchenscharte (3000 m) entdecken wir in einem sehr steilen Schneefeld einige bergab steigende Gestalten. Wir erfahren von der Greizer Hüttenwirtin, dass gestern bei dem Miesewetter etwa vier Leute über diesen Weg kamen ...und wir sind nachträglich mit unserem Verzicht unter diesen Bedingungen sehr zufrieden.
Die letzten 400 Höhenmeter unseres Anstiegs werden nicht gerade gemütlich, aber in der Greizer Hütte empfängt uns die freundliche Hüttenwirtin vor der wirklich beeindruckenden Kulisse der umgebenden Berge: Großer Löffler & Co, zwischen den Felsspitzen finden sich noch breite Gletscherfelder, die sich aber nach unten sehr bald in nichts auflösen.

Freitag, 25.07. 2008  Übergang Greizer Hütte - Lapenscharte – Elsenklamm - Kasseler Hütte
Wir verlassen die Greizer Hütte ungern, schon allein wegen der netten Hüttenwirtin, stehen  aber mal wieder früher abmarschbereit vor der Hütte als verabredet, eine sehr interessante Eigenschaft dieser Gruppe, die sie sich vermutlich in mühsamer Mini-Mobbingarbeit gegenüber jedem etwa „nur“ pünktlich kommenden Bergmitarbeiter über Jahre ernörgelt hat.  Vorbei am Hühnerstall und seinen Bewohnern geht es in Richtung Gigalitz, den wir aber – so gestern Abend der Rat des Hüttenwirtes – lieber nicht besteigen sollen, das sei bei diesen Immer-Noch-Neuschnee-Verhältnissen zu schwierig. Auch so schon sind wir bald wieder im Schnee, gehen in großen Serpentinen unmittelbar unterhalb der Gigalitz-Steilwand entlang. Zurückblickend sehen wir die Greizer Hütte und gegenüber den Anstieg zur Mörchenscharte Richtung Berliner Hütte. Abends hören wir noch von zwei jüngeren Wanderern, dass sie am Gigalitz umkehren mussten: Zu steil, dabei ausgesetzt und eben sehr glatt bei Neuschnee.
Bis zur Lapenscharte (2700 m) bleiben wir im Schnee. Und endlich sehen wir pünktlich zur Rast auf der Scharte zwei Steinböcke nicht sehr weit über uns. Sie ruhen weiter wie wir auch, wir kauen, sie kauen wieder, haben dabei ein Auge auf uns, drehen und wenden ihr imposantes Gehörn. Dieses gehörnte Profil sehen wir noch lange beim Abstieg hinter der Scharte.
Schon wenige Meter unterhalb der Scharte erblicken wir auch unsere Abendbleibe, die Kasseler Hütte. Auf einem Riesenpanoramaweg umschreiten wir die gesamte Talrunde, über rasch schmelzende Altschneefelder, die jetzt doch sehr löchrig und als Weg nicht sehr Vertrauen erweckend aussehen, über Steinplattenplateaus, immer nur wenig, aber doch zermürbend rauf und runter, so dass die Arbeit nimmer endet. Bei der nächsten Rast werden wir von drei Schafen unterhalten, die sich unbedingt ganz nah am Abgrund rangeln müssen, es scheint mal wieder um eine Frau zu gehen.
Spannend wird es noch mal in der seilversicherten Elsenklamm, wo wir z. T. sehr ausgesetzt an der Wand entlang schrapen. Das Tal breitet sich aus der Vogelperspektive vor uns aus, der Stilluppbach leuchtet aus dem Stilluppgrund in großen Bögen, verstreute Wohnsiedlungen im absteigenden Tal stören nicht die Ruhe, die aus dieser Höhe über allem  liegt. Ganz im Hintergrund zeigt sich – sehr grün – der Stillupp-Speichersee. Wir machen angesichts dieses Panoramas immer wieder Halt, schauen nach oben und hinter uns auf die Zacken des Großen Löffler mit Kollegen, und dann wieder nach vorn in die Weite: Hier möchte man bleiben, einfach nur am Abgrund die Beine und ansonsten die Seele baumeln lassen. Man kann von hier oben gut verfolgen, wie sich aus diesem Panoramarund durch viele Bäche der Stilluppbach füllt, und wie der Neuschnee sich allmählich zur Donau aufmacht.
Der Weg führt uns auf schmalen Stegen und einer Seilbrücke über diese gut gefüllten Bäche, die Kasseler Hütte rückt allmählich doch näher und zeigt sich auf einem Felsvorsprung, umweht von einer frischen Brise. Und auf der Hütte ist ab 21 Uhr Selbstbedienung, jetzt wissen wir es!

Samstag, 26. 07. 2008 Abstieg von der Kasseler Hütte zur Grüne Wand Hütte – Autofahrt in die Eng
Weckversuch mit Handy (hat Holger uns beigebracht, wie das geht) gelingt nicht ganz, weil wir wieder früher aufwachen. Das Panorama von gestern ist noch da, wir sehen von oben, wohin wir müssen: Dieses Stillupptal ist wirklich empfehlenswert, aber ich wiederhole mich. Einige Zeit sehen wir noch das Lapenjoch mit den Steinböcken (haben jetzt aber ausgekaut und grasen woanders) und den Steinhasen im Profil. Bergab geht es sehr rasch, die 600 Höhenmeter sind schnell geschafft, wobei wir rückblickend die Höhenlage des Panoramaweges bald weit über uns sehen. An der Materialseilbahn beginnt die Asphaltstraße. Einkehr bei der Grüne – Wand – Hütte, wo schon einige Biker aus Mayrhofen ihr Frühstück verdrücken.
Der rote Bus fährt uns recht abenteuerlich zu Tal, enge Tunnels, ganz einfache Almsennereien liegen am Weg; dann überfällt uns Mayrhofen und seine Carla samt Landhaus. Der Kulturschock wird  nur gering abgemildert durch einen Besuch der Erlebnissennerei, wo wir alles über Grau- und anderen Käse erfahren. Beate verabschiedet sich wegen dringender Termine, wir wechseln die Destination in Richtung Eng, wo Monika als Austauschfrau versuchen will, die Damenlücke zu füllen. Übernachtung im Bergsteigerlager unterm Dach im „Alpengasthof Eng“. Unsere erste Alpenwoche wird durch ein reinigendes Gewitter (und was für eins!) abgeschlossen.

Eng

Sonntag, 27. 07. 2008 Eng – Falkenhütte – Kleiner Ahornboden – KarwendelhütteIm „Alpengasthof Eng“ finden wir uns - allerdings nicht ganz allein - zu einem Wahnsinns-Frühstücksbufett ein, von dem wir allerdings gar nichts für unterwegs mitnehmen dürfen, auch Monika nicht. Der Himmel hat sich beruhigt, wir steigen rasch höher und blicken aus den saftigen Wiesen der Eng zur Hotelanlage zurück, umgeben vom vieltönigen Geläut der Engalmkühe. Es wird heiß, schon zwischen den Engalmhütten fallen alle Jacken, und auch unsere Zipphosen werden bis auf Reste verkürzt. Hier steht noch viel lichter Wald, der streckenweise den Weg beschattet. Auf dem Anstieg sehen wir die endlosen Geröllhalden, die von den steil aufragenden Wänden in den Enger Grund gerutscht sind. Erste Rast nach 600 Höhenmetern auf dem Hohljoch, unmittelbar unter der Dreizinkenspitze. Dann geht es weiter unter den Laliderer Wänden, für Kletterer wahrscheinlich Arbeit für alle Wochen-enden eines Jahres. Bis zur Falkenhütte müssen wir noch mal wieder deutlich hoch auf dem Weg, der sich im Geröll immer unmittelbar unterhalb der Steilwände hinzieht. Diesen Weg teilen wir uns schon seit einiger Zeit mit den häufiger werdenden Bikern, die hier aber wegen des groben Schotters überwiegend schieben müssen. Zwei Biker werben trikotmäßig für Sebamed; ob das was bringt oder eher das Gegenteil bewirkt? Die Kuhherde versperrt uns fast den Zugang zur Falkenhütte, von wo wir schon bald durch nervige Rauchmelderalarme wieder vertrieben werden. Ob wir die Stille der Bergwelt hier im Karwendel noch finden?Ein sehr blumenbestandener Waldweg (sogar Türkenbund) bringt uns, vorbei an lästigen Bikern, zum stark erhitzten Kleinen Ahornboden. Auch hier Biker und nochmal Biker, das Herrmann von Barth-Denkmal steht vornehm-distanziert etwas im Schatten, Blick nach unten auf die Ladiz-Alm, daneben ein Geröllabbauplatz, ein Hubschrauberlandeplatz nahe der Wand, für Kletteropfer ? Über den Bergspitzen links „kocht“ es, ein Gewitter traut sich nicht über den Kamm, es entlädt sich zum Glück erst, als wir beim Essen in der Karwendelhütte sitzen. Die Hütte ist voll, besetzt - na, wer rät es - mit zig Bikern.

Montag, 28.07. 2008 Karwendelhütte – Schlauchkar mit Sattel – Kastenalm – Hallerangerhaus
Eigentlich sehr frühes Wecken, aber die Wirtsleut (echt wienerisch: „Setzen S' Ihnen gaanz entspaant hin!“ - wenn wir direkt an der Küchenluke bestellen wollen) lassen sich nicht zum zeitigeren Frühstück überreden. Halb Acht sind wir versammelt, los geht’s direkt oberhalb der Hütte an reichlich Seilversicherungen hängend und vorbei an gigantischen Lawinenschutzanlagen. Leider sind die feuchten Felsen hier noch sehr glatt vom gestrigen Gewitter. Nach dem ersten Anstieg bekommen wir  Einblick ins Schlauchkar, das uns bis zum Gipfel bzw. zum Joch noch heftig “schlauchen“ wird. Wer kommt eigentlich auf so  passende Geländenamen?
Hier lernen wir gründlich die verschiedenen Qualitäten von Gebirgsgeröllwegen kennen, die uns bis zum Nachmittag beschäftigen: Feines Geröll ohne Grund darunter, d. h. man findet eigentlich keinen Halt, vor allem, wenn es heftig bergauf geht; dann Geröll unter Faustgröße – ist auch rutschig, wir gehen viele Schritte doppelt, und das Stiefelprofil versagt sowieso auf solchem Untergrund. Oberhalb des sich lang hinziehenden Weges durch das Kar grasen (Gras? Eigentlich sieht man aber gar nichts Grünes) drei Gämsen – endlich können wir sie abhaken in unserem diesjährigen Sehenswürdigkeiten-Pflichtkalender. Sie lassen sich – nur gut 30 m über uns -  in ihrem Frühstücksgeschäft nicht stören.
Der Vormittagsaufstieg geht über 1000 Höhenmeter, eine Rast bei zwei Dritteln der Strecke baut uns wieder auf, die umliegenden Gipfel und die Birkkarspitze grenzen sich gegen den blauen Himmel ab. Oben ist es etwas verzwickt zu klettern, abrutschen darf man hier nicht, weil man nicht sehen kann, wo und ob man überhaupt wieder zum Halten kommt. Mehrfach geht es über sehr weiche, steile Schneefelder, die ihre Saison beenden möchten; auch hier ist Abrutschen verboten wegen des ungewissen Ausgangs.
Im Kar, auf dem wir dann doch sehr rasch stehen, ist es recht zugig. Die Birkkarspitze schenken wir uns, weil – das sagt jedenfalls die Führung – die heutige Tagestour noch sehr lang ist. Und dieser Hinweis war sehr weise, denn jetzt kommt erst einmal eine  sehr steile Abwärtsstrecke, die über ca. 200 Höhenmeter seilversichert ist. Sehr abwechslungsreich steigen wir am Seil herab, kleine Eisenleitergriffe helfen an sonst schwer bezwingbaren Kletterstellen, ein großer Haken schwankt gemeinsam mit seinem Befestigungsstein, ein anderer Haken ist ausgerissen; aber wir können dabei die verschiedensten Abstiegstechniken üben, ab und zu auch mal rückwärts.
Tief unten sehen wir inzwischen unsere Führungsgruppe mit einer seltsamen Gangart und ohne die sonst übliche Eleganz: Es sieht aus wie eine Art „Eiergang“ im haltlosen Geröll, breitbeinig und trotzdem schwankend und dabei extrem langsam. Das verspricht nichts Gutes! Und jeder, der dann unterhalb der Seilstrecke ins Geröll muss, wundert sich über gar nichts mehr: Man kann sich hier kaum auf den Beinen halten, so „rollig“ ist es unter den Stiefeln. Aber – hier gibt es über die nächsten zwei Stunden nur diese Geröllstrecke, die wir begehen dürfen, unterbrochen von steilen Schneefeldern, die wir queren müssen. Dabei gibt es eine gewollte, aber auch eine ungewollte Steilabfahrt, man muss eben alles einmal ausprobieren. Weiter unten wird das Geröll tiefer, die Stiefel versinken, aber dafür ist es auch steiler, und wir können endlich versuchen, begleitet von der gesamten Halde lustvoll abzufahren. Arme Stiefel !
Noch weiter unten geraten wir ins Flussbett des Birkkarbaches, wo es schon fast unerträglich heiß wird. Noch einmal plagt uns ein schwieriger Abstieg über die steinharten Schneefelder im Bachbett, die eigenartig löcherig aussehen – später hören wir, dass hier eine gewaltige Lawine niederging und manche Wanderer sich wegen der Vertiefungen und angedeuteten Spalten nicht rübertrauen.
Nach der Querung gräbt sich rechts der Bach immer tiefer in die Landschaft ein und fließt zum Tal hin fast klammartig unter uns. Die Reststrecke führt steil bergab durch Wald zum Talboden, der wie eine locker mit Fichten bestandene Schneefläche wirkt, aber das Weiß ist ganz aus Stein, der offenbar viel Kalk enthält. Diese Fläche haben wir schon von sehr weit oben bewundert.
Nacheinander treffen wir auf der Kastenalm ein, „leicht“ schwitzend nach 1400 Abstiegsmetern, die Führung ist nach Sturz etwas angeschlagen, die Stimmung aber ungebrochen. Leider heißt es, dass unsere Nachtherberge noch einmal einen Wiederanstieg von 700 m von uns sehen möchte. Wer sich sowas immer ausdenkt! Aber zunächst Rast auf der lauschigen Kastenalm. Der Wirt mit prächtigem Rauschebart päppelt uns getränkemäßig wieder auf, erzählt fröhlich, dass er hier mit seinen Kühen und Familie inklusive Kleinkind lebt.
Das Tagesgewitter hat uns inzwischen eingeholt, wir warten noch ein wenig, gehen dann doch bei Regen los und erreichen nach etwa zwei Stunden das Hallerangerhaus, wo wir bis zum Einschlafen genügend Zeit haben zum Wundenlecken nach diesem etwas heftigen Bergtag.

Hallangerhaus

Dienstag, 29. 07. 2008 Hallerangerhaus (1768 m) – Isarquelle – Überschalljoch (1912 m) -  Vomperloch – Ganalm (1189 m)
Diesen Tag haben wir als Ruhetag angesetzt, eine ganz leichte Tour sollte es werden, im Vomperbach-Tal nur immer geradeaus, auch die 1:25 000 – Karte verriet nichts Schlimmes.
Und das ist draus geworden: Spät geht es los vom Hallerangerhaus bei blendendem Wetter, wir wandern gemütlich über die Almwiesen, die sich aus dem Tal sehr grün nach oben ziehen. Am Überschalljoch haben wir einen Fernblick bis zur Mieminger Kette und dem Wettersteingebirge  nach Westen, im Osten geht der Blick Richtung Inntal. Vorher kurzer Abstecher zur Isarquelle, um Monika, die einzige Münchnerin in der Gruppe, mit Isarwasser zu taufen. Das wurde aber auch mal Zeit! Hinter dem Überschalljoch geht es ins Vomperbachtal, wo wir mal hoch drüber, dann wieder unten dicht am Flussbett laufen. Rast am Jagdhaus „In der Au“, eingezwängt direkt zwischen ansteigendem Wald und Flussbettgeröll, im Übrigen  unbewirtschaftet, wo wir noch einigermaßen fröhlich sind. Dann geht es in den „Triefenden Wald“; hier beginnen wir zu ahnen, was dieser Weg noch mit uns vorhat. Wir steigen, was die Karte nicht direkt verrät, auf einem sehr schmalen Pfad steil hoch durch ein Bachkar,  dann wieder runter, im gut durchfeuchteten Wald, der den teilweise felsigen Weg zur Rutschtour macht. Ohne es recht zu bemerken, befinden wir uns wenig später weit oberhalb der Bärenklamm, wo der Vomperbach tiefe Rinnen und mit heftig sprudelndem Wasser gefüllte Töpfe eingegraben hat. Atemberaubend, hier herabzublicken, aber eigentlich muss jeder sehr genau auf seine Tritte achten, so eng und ausgesetzt ist der Weg. Nach gegenüber zweigt der Knappensteig ab, da steht es wenigstens dran: Nur für Geübte und Schwindelfreie; und was ist hier mit unserem Weg? Ist es dort etwa noch schlimmer? Wir finden, dass man auch hier nur „knapp“ unbeschadet durchkommt, wenn denn der Knappensteig aus diesem Grund so benannt wurde.
Fast hätten wir den Abzweig zur Gan-Alm verpasst, weil wir die roten Buchstaben am entscheidenden Baumstamm für eine Schmiererei halten. Also wieder steil nach unten, um ein weiteres Bachkar herum, wo der Weg schon mal fehlt, stellenweise hat man hier vor Zeiten  Seile angebracht, nun möchte der Rost diese aber holen. Mit den Füßen stehen wir auf einem vielleicht noch wenige Tage durchhaltenden horizontalen Holzteil, das hier irgendwie an die senkrecht abfallende Bergwand montiert ist und uns über die Ewigkeit nachdenken läßt. Aber dazu ist eigentlich keine Zeit, weil wir echt aufpassen müssen, um hier – immer am Abgrund – nicht doch in der Tiefe zu landen. Mit mulmigem Gefühl kommen wir alle heil durch, aber irgendwann, und zwar bald, passiert hier was.
Auch nach der Vomperbach-Überquerung  über eine kleine, auch nicht mehr so ganz frisch wirkende Holzbrücke geht es im Wald auf rutschigem, kaum erkennbaren und hoch über dem Vomperbach-Abgrund liegenden Steig weiter. Inzwischen hat keiner mehr recht Lust zu diesem „Ruhetag“ der besonderen Art. Müde, aber hochkonzentriert, schaffen wir noch etliche Höhenmeter, wollen aber nur raus aus diesem Vomperloch. Als wir endlich das steile Waldstück am Fluss verlassen, stapfen wir noch ein wenig durch hüfttiefes Kraut, die Stiefel suchen Halt auf glitschigem Lehm, aber hier kann man wenigstens nicht mehr tief herabstürzen.
Und dann stehen wir plötzlich an einer bikerfähigen Waldstraße. Aufatmen, durchatmen, Uwe weiß, dass es von hier nur noch fünf Minuten weit ist, er war schon mal hier, aber auf dem friedlichen Weg vom Inntal her.
Die Gan-Alm liegt auf einem Wiesenvorsprung oberhalb des Vomperbaches mit Blick bis zum Inntal. Wir werden sofort in die Familie aufgenommen, Marianne und Werner lassen bitten, Enkel und Sohn helfen und verbringen hier ihre Ferien zusammen mit Hund Sarah.
Als wir dann unser Bettenlager sehen, nach dieser Tour, werden einige Gesichter aber doch lang: Dass es keinen Strom gibt (hier hat es nur eine sehr kleine Solarzelle) macht erst mal nichts, aber die Schlafstube mit vier Betten hat einen Annex, in dem dicht unter dem Dach drei von uns schlafen sollen, wobei der Hintenschläfer seine Matratze nur kriechend über die beiden Vordermänner erreichen kann. An sich idyllisch und einfach, eben wie auf der Alm. Joachim schläft bei den Kindern in einem anderen Dachverschlag. Nach etwa dreimal kräftig Runterschlucken wird das Quartier akzeptiert und unter der Rubrik „sowas hatten wir noch nicht“ als Erlebnisübernachtung abgebucht. Selbst das Klo ist zu finden, gleich hinterm Stall nach kurzem Weg über zwei Bretter, die die Kuhfladen überbrücken...Wir sind sehr gespannt auf die Nacht. Vorher gibt es noch ein leckeres Goulasch, liebevoll zubereitet vom Wirtspaar auf dem alten, nur mit Holz betriebenen Küchenherd. Und danach erst der Kaiserschmarrn!
Die Jungen rufen uns an die Brüstung, weil auf der Wiese unterhalb der Alm zwei Gämsen grasen. Über der Lamsenspitze zieht sich am Abendhimmel schwarz ein Gewitter zusammen. Beim ersten Regen dürfen wir in die „gute Stube“, wo uns Marianne viel über diese Alm mit ihrer Kapelle, ihre Geschichte, die Besitzverhältnisse und die nicht ganz einfache Logistik erzählt, wenn hier oben mal größere Gesellschaften zusammen kommen. Jedenfalls, das erfahren wir noch zu unserer Beunruhigung, ist vor wenigen Tagen auf genau unserem Weg im Vomperloch jemand abgestürzt und konnte nicht mehr gerettet werden. Und seinerzeit war auch Bruno, der Bär, genau hier, hat sich mit Sarah angelegt und für Verwirrung gesorgt. Beim Erzählen donnert es kurz und heftig, wodurch es eher noch gemütlicher wird. Bald grollt es schon weiter weg, und wir hören am nächsten Tag, dass in Tirol und besonders im Innsbrucker Land heftige Verwüstungen entstanden sind.

Am Mittwoch, 30. 07. 2008,
ändern wir nach der gestrigen Erfahrung im Vomperloch unseren Plan und steigen nicht, wie ursprünglich geplant, wieder ins Vomperbachtal ab und dann über das Zwerchloch und Lamskar zur Lamsenjochhütte auf, sondern wechseln ins Touristikfach: Abstieg nach Vomp bis zum Hotel „Bergblick“, dann per Taxibus zur Station Jenbach, von wo uns mitten im Touristentrubel die Dampf-Zahnradbahn bis zum Achensee bringt. Hier wird fast der gesamte Zuginhalt umgeladen in ein Ausflugsschiff; diese Gaudi geht dann bis Pertisau. Den Ort durchlaufen wir schnell, der Nostalgiebus kann nur Holger zum Mitfahren verführen.
Wir anderen gehen über die Falzthurnalm sehr eben und streckenweise im Wald zur Gramaialm. Hier erfolgt eine kleine Stärkung, dann finaler Aufstieg zur Lamsenjochhütte (1953 m), insgesamt immerhin 1000 Höhenmeter. Man sieht den Weg von weit unten, lange geht es durch endlich mal wanderfreundliches Geröll. Die Hütte ist fast zu einhundert Prozent von Felsklamotten umgeben, überragt von der Lamsenspitze und dem imponierenden Grat zur Schafkarspitze. Wie wir erfahren, ist man als Hütte gerade 100 Jahre alt geworden, hat sich jetzt hochmodern eingerichtet mit gasbetriebenem Block-Heizkraft-Werk – wenn man vor die Tür blickt auf die alpine Einsamkeit, mag man das kaum glauben.

Donnerstag, der 31. 07. 2008, sieht uns auf dem Abstieg Richtung Eng, allerdings nicht ohne vorher noch kurz vom westlichen Lamsenjoch über den z. T. seilversicherten Grat auf die Hahnkamplspitze (2080 m) zu steigen, wobei wir zurückblickend den gestrigen Zick-Zackweg zur Lamsenjochhütte unter uns sehen. Auf dieser Wegstrecke werden wir auch gebührend und zünftig aus den Alpen verabschiedet durch eine etwa 20-köpfige Gamsherde, die sich nah am Weg eine saftige Almwiese zum Frühstück schenkt. Abstieg über den Binssattel zur Binsalm, wo wir uns, bereits wieder tief im Touristenrummel, erneut stärken. Bis zur Eng ist es nicht mehr weit. Gegen Abend beobachten wir den Tages-Almabtrieb: Etwa hundert Kühe trotten gemütlich, aber zielstrebig in die jeweils eigenen Ställe, die hier in den kleinen Engalmhütten in einer Art Sennereimeile angeordnet sind. Später verbringen wir unsere letzte Nacht in den Etagenbetten unterm Dach - das wird uns im Norden doch sehr fehlen.

Freitag, 01. 08. 2008
Rückfahrt gen Heimat mit nur zwei Lichtblicken: Einmal der schier unverwüstliche Fahrer, der wohl nur rastet, wenn sein Auto mal nicht mehr kann, und dann noch die unvermeidliche Einkehr im Trainingscamp Döhle, wo die diätetischen Mangelerlebnisse und Entbehrungen der beiden letzten Wochen sehr rasch und reichhaltig wieder ausgeglichen werden.

Fragezeichen

Am Schluss noch zwei Fragezeichen (siehe auch in der Überschrift): Unsere gesamte Tour kann hier nicht beschrieben werden. Nach dem Zillertal gab es im Karwendel insofern einen Kontrast, als wir dort insgesamt auf mehr Zivilisation gestoßen sind, insbesondere in Form der Mountainbiker. Diese unsere Bergkollegen trifft man jetzt wohl doch überall dort, wo die Straßenanbindung einigermaßen gut ist, und das scheint im Karwendel so zu sein. Die Begegnung auf steilsten Wegstücken, wo das Bike doch geschoben werden muss, oder auf  grobsteinigen Felswegen, wo man den Bikerblick nicht vom Boden nehmen kann – oder man stürzt – verwundert denn doch. Haben Biker eigentlich noch Zeit mal rumzugucken, durch welche Landschaft sie da fahren, können sie eine Pflanze, ein Tier erkennen beim Vorbeirauschen? Man bedauert ja schon beim Normalgehen, dass man sehr auf jeden Tritt achten muss, aber per Rad? Das fragt hier einer, der selbst sehr gern Rad fährt, aber eben nicht im Gebirge auf markierten Wanderwegen. Das zweite Fragezeichen ist eigentlich mehr eine Einladung: Warum mag nicht auch mal jemand, der nicht unbedingt der Wandergruppe N angehört, auf so eine Bergtour mitfahren? So wie ich es verstanden habe (ich war zum ersten Mal mit der Gruppe in den Bergen), ist diese Gruppe kein Exklusivverein und würde sich über jede personelle Bereicherung freuen.
Mathias Rink

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