Wandern im Wetterstein 2010 – rund um die Zugspitze
Freitag, 03.09.2010
Anreise wieder multikulturell aus Hamburg, Rostock, Kassel, Tegernsee.
Dabei sind diesmal: Klaus, Christa und Uwe, Angelina, Gundula, Ulrike und Manfred, Uwe, Holger, Mathias. Kurzer Halt bei den Assoziierten in Füssen, die aber nicht da sind. Ein Gruß wird trotzdem übermittelt, weil Holger beim Klingeln an der Haustür von der Nachbarin genetisch eindeutig als Vater seines Sohnes identifiziert wird. So trifft Heike uns doch noch in der „Krone“, einem Restaurant der besonders urigen Art, wo wir von mittelalterlich gekleidetem Personal (ganz unten mit Reebok-Schuhen ausgestattet) bedient werden. Nächtliche Regengüsse haben das transparente Leinwanddach über unseren Häuptern mit durchhängenden Wasserpfützen belastet, die der Azubi zu unserer Unterhaltung zwischen Vorsuppe und Haxen mithilfe eines Wasserbesens neben uns runterplattern lässt. Im Klo werden uns dann beim Händetrocknen durch einen Megaföhn fast die Finger weggeblasen; als der Erste von uns das ausprobiert hat, müssen gleich alle mal. Aber eigentlich wollten wir ja ins Wettersteingebirge...
Die Talstation der Kreuzeckbahn ist offenbar nur für Tapfere zu erreichen, die auch mal etwas wagen: Am letzten Bahnübergang bleibt die Schranke für uns auch nach Passieren des Zuges geschlossen, dazu blinkendes Rotlicht, für den Gegenverkehr allerdings geht die Schranke schon mal hoch. Ratlosigkeit hüben und drüben, alle bewahren vorschriftsmäßige Ruhe. 300 km weiter südlich hätte sich wahrscheinlich ein gewaltiges Hupkonzert entfaltet. Aber nicht hier in Bayern, hier herrscht Ordnung. Nach gefühlter Viertelstunde – kein Zug kommt – traut sich ein Fußgänger, dann noch einer, auch ein Radler emanzipiert sich gegenüber dieser unwürdigen Behandlung, schließlich fahren Autos mit dem GAP-Kennzeichen, offenbar mit dem Insiderwissen um solche Naturereignisse, ja, und dann auch wir.
Die Kreuzeckbahn bringt uns schmerzlos hoch auf 1650 m, allerdings jeden zu einem unterschiedlichen Preis, hier gibt es ja vielleicht eine innerbetriebliche Preislogik.
Auf der Hüttenterrasse zieht es kühl, dafür ist aber noch keiner unserer Mitwanderer da. Beim Apfelstrudel taucht dann aber doch die Sektion Rostock auf, flankiert von Tegernsee-Uwe, alle drei haben angeblich schon den Gipfel gegenüber bestiegen; und zum Abendessen sind wir komplett.
Wir lernen den besonderen Charme dieses Hauses während der Essens-Stoßzeit kennen, den sollte ein Besucher dieser Gegend sich mal selbst ansehen und antun. Jedenfalls wurden wir satt. Uwe, unser Spezialist für alles, was man essen kann, lernt eine ihm bisher nicht bekannte Machart des Wurstsalates kennen. Und die blaubunte Kuh vom Kamin haben wir auch nicht mitgehen lassen, obwohl diese nippes-mäßig kaum zu überbieten ist. Geschlafen wird in diesem Riesenhaus im tiefen Keller, und noch zwei Stockwerke darunter, also irgendwo tief im Felsen, kann man sogar duschen. In diesem Labyrinth freut sich anfangs jeder von uns, wenn er zur Gruppe und zur Erdoberfläche zurück gefunden hat.
Kreuzeck – Rinderscharte – Höllentalangerhütte
Samstag, 04.09.2010
Frühstück als Büfett. Christa und Uwe hatten in der letzten Nacht sogar ein Dreibettzimmer, dritter Bewohner war die Hausmaus, die allerdings wegen allgemeiner Dunkelheit nur zu hören war.
Draußen zeigen sich viele Gipfel, die Zugspitze hält sich aber noch bedeckt. Auf breiten Wegen mit viel Begleitung treffen wir auf die oder das Alpspix, ein Stahlungetüm, das sich, kühn und fast fliegend über einem Abgrund, als doppelte Aussichtsplattform und Fotografierrampe für jedermann anbietet und den kleinen Grusel gleich mitliefert, weil man nämlich durch die grobmaschigen Bodenplatten komplett hindurch sieht.
Der Einstieg zur Rinderscharte, wohl auch Höllentor genannt, ist schwierig zu finden, Wegweiser fehlen offenbar, während der Suche unterhalb der Lawinensprengschnur, die Holger uns zeigt, verschaffen sich die tief hängenden Wolken Erleichterung und lassen es ein wenig regnen. Links zieht die Ferrata im Dunst nach oben Richtung Alpspitze, wir nehmen lieber die hölzerne Lignata und steigen endlos in diesem Halbrund zwischen Höllentorköpfl und Alpspitzausläufern ins Höllental ab. Hier haben Wegebauer unzählige Querhölzer in den steil absteigenden Pfad eingelassen, der sonst bei Regen sicherlich schnell unpassierbar werden würde.
Noch weit oberhalb der Talsohle gehen wir im Dauerregen auf einem Galerieweg weiter bergab, viele Wanderer kommen entgegen, dann ein tiefer Felseinschnitt mit darin tosend abstürzendem Bach aus dem Matheisenkar, die Wucht des Wassers hat hier nahe der Brücke tiefe Töpfe in den Fels gegraben. Wasser stürzt jetzt aber auch vom Himmel, für die Alpensalamander am Weg gerade das richtige Milieu, ein kleines Eckchen Wald schützt kaum vor der Nässe. Und dann stehen wir unvermittelt vor der Hütte, vor der trotz des Wetters viele kleine Grüppchen unter den Terrassenschirmen sitzen und palavern.
Nach kurzer Reha mit Stärkung im Trockenen gehen fünf von uns noch weiter talabwärts zur Höllentalklamm: Was für ein Naturspektakel! Im Bach, der hier in seinem schmaler werdenden Bett rasch beschleunigt, liegen große Betonbrocken und Reste von Stahlkonstruktionen herum, früher wurde hier mal Strom produziert. Der Himmel ist zwischen den schwarzen Felswänden unerreichbar weit entfernt, neben dem halb gefluteten Weg verläuft unter dem Felsdach am Rand eine lange Tunnelstrecke parallel, in der man aber genauso wie neben dem Klammbach immer wieder voll im Spritz- oder Tropfwasser steht.
Zurück in der Hütte gelingt es uns, durch unmerkliches, aber beharrliches und gekonntes Alpinistenmobbing in diesem völlig überlaufenen Haus den Clubraum zu besetzen, wo wir uns als Gruppe in aller Enge vorzüglich wärmen können. Später passen sogar noch ein paar Leute mehr hinein.
Höllentalangerhütte – Riffelscharte – Wiener Neustädterhütte
Sonntag, 05.09.2010
Was für eine Nacht! Das Lager ist, wie die gesamte Hütte, hoffnungslos überbelegt. Von unserem Matratzen“deck“ führt für sechs Schläfer genau eine Leiter auf den Boden nach unten, zu erreichen nur über den schlafenden Nachbarn hinweg. Beim nächtlichen Gang zum Klo stolpert man im funzligen Notlicht über Kinder, die auf dem Flur schlafen. Wegen der Hitze, die durch die übertriebene menschliche Nähe entsteht, schlafen alle bei geöffneten Türen, man sollte hier mal akustische Schnarchstudien machen, jedenfalls ist es ein Schlaflabor der besonderen Art.
Abmarsch ist trotzdem recht pünktlich um 7:45 Uhr, wir gehen im Höllental jetzt bachaufwärts, wobei von Bach eigentlich nicht die Rede sein kann. Der Höllentalferner liefert kein Wasser, oder das wenige, was abschmilzt, versickert schnell im breiten, aber knochentrockenen Bachbett. Aufstieg immer mit Hüttenblick, wenn wir zurück sehen, wir wenden uns dann, nachdem links der Weg auf die Zugspitze über die Reste des Höllentalferners abgezweigt ist, gegen den Talabschluss – zunehmend kletternd – nach rechts. Dabei haben wir uns weit auseinander gezogen, es macht einfach Spaß, über diesem Tal mit weitem Blick nach rückwärts rasch höher zu kommen. Allerdings – bei der ersten Tafel, die hier mit Namen, Bild und Datum eines Verunglückten in der Wand eingelassen ist, rücken wir rasch enger zusammen.
Im Riffelkar stehen „Unmengen“ Gämsen, die kaum scheu sind. Die Finger werden wund vom Fotografieren, die Tiere kümmern sich weiter sehr selbstbewusst um ihr Frühstück, sind vermutlich von unseren Blicken nicht gerade begeistert, aber bei zehn Metern Abstand zu uns scheint ihnen der Appetit nicht zu vergehen.
Auf dem Plateau oberhalb der Riffelscharte kommen wir allmählich wieder zu Luft und werden gleichzeitig um den wieder gewonnenen Atem gebracht von diesem, ja, dafür gibt es in unserer Sprache genau diesen Ausdruck, von diesem atemberaubenden Anblick der tief unter uns liegenden Landschaft, die uns heute im Sonnenschein und in sonntäglichen Farben für diesen Aufstieg belohnen will. Dieses türkisfarbene Wasser rund um die kleinen Inseln im Eibsee, wer hat sich das ausgedacht? Zum Schwärmen haben wir allerdings eigentlich gar keine Zeit, hier muss erst mal der Kalorienhaushalt ausgeglichen werden. Wir bemühen uns, die selbst geschmierte Stulle mit diesem Anblick irgendwie in Einklang zu bringen.
Die Ernüchterung hat uns wieder, als wir die folgende Wegstrecke vor uns sehen: Wir müssen am Steilabfall der Riffelwand in derselben über viele hundert Meter schräg nach links absteigen, allerdings tatkräftig unterstützt durch die fortlaufende Seilsicherung. Das müsste eigentlich gehen. Wir sind hier zunächst allein, werden also nicht gehetzt. Als später eine ebenfalls größere Gruppe nachsteigt, sehen wir, dass man dort auch so seine Schwierigkeiten hat. Der Blick auf die Landschaft unter uns kommt natürlich zu kurz, weil man hier in der Wand sehr genau hin sehen muss, wo man anfasst und wo man hin tritt, aber sonst kämen wir hier nicht heil heraus. Nach der Karte vermuten wir unmittelbar hinter den Felsen, die unsere Seilversicherung tragen, den Tunnel für die Zahnradbahn auf die Zugspitze, aber zu hören ist hier nichts. Am Ende der Querung wird dann noch ein größerer Absatz mithilfe von Uwes Seil überwunden, die Öse dafür steckt schon im Fels.
Das anschließende Geröllfeld aus Minischotter ist steil genug für eine kleine Abfahrt, auf halber Strecke machen sich allerdings zunehmend die eindringenden Steinchen im Stiefel bemerkbar, und das Dekor unseres Schuhwerks zeigt für die nächsten Tage noch genau, wo wir gewesen sind. Unten stehen wieder Gämsen im Hang, eine stößt fast mit dem vorausgehenden Holger zusammen. Die uns entgegenkommende Männergruppe will sich durch diesen weichen, fast fließenden Untergrund hoch kämpfen, wir beneiden sie wirklich nicht.
Jetzt erreichen wir lockeren Nadelwald, der Abstieg über das Geröllfeld wird leider verpasst, dafür stehen wir aber plötzlich an der Haltestation Riffelriss der Zahnradbahn, die gerade persönlich vorbeikommt, beladen mit eifrig fotografierenden Zahnradtouristen. Wir leisten unseren Pflichtbeitrag zu deren Zugspitzfotostrecke („Guck mal, die gehen noch zu Fuß“), dann verschwindet der Zug im Tunnel und fährt tief im Fels nach oben und genau dort vorbei, wo wir gerade an der Versicherung hingen. Eine eigenartige Vorstellung.
Rast an der österreichischen Grenze mit entsprechendem Schild an einer idyllischen Weggabelung im dichten Wald. Hier beginnt unser Wiederanstieg zur Hütte, zunächst auf Geröll, dann in einer einladend wirkenden Scharte, die wir aber, als sie zu steil wird, lieber auf ihrer rechten Flanke weiter begleiten. Dabei müssen wir an steilen Engstellen sehr mühsam klettern, unsere Pulsfrequenz klettert gewaltig mit und zwingt zu einer etwas gemächlicheren Gangart. Hier entsteht der auf Deutsch nicht ganz korrekte Ausspruch, dass das ganze Rumgestiegen „irgendwie zerklopft“ sei, dieser zweite Anstieg heute verlangt uns aber auch alles ab. Dabei könnte man, wenn man nur wollte, den völlig neuen Ausblick von hier oben auf das wie auf einem Teller liegende appetitliche Gerwald durchaus genießen, z. B. von der Miniwiese aus, die sich hier oben trotz der Enge eine Nische erkämpft hat. Mehr zermürbt, als zerklopft, liegen wir kurz im Gras; aber – da oben wartet noch ein Hüttenwirt auf uns.
Nach kurzer Erholungspause, die wir jetzt nach Aufteilung der Gruppe immer mal wieder einlegen, geht es dann doch weiter. Die Kabinenbahn von Ober moos/Gerwald schwebt elegant über unseren Köpfen, drinnen sieht man die nicht so Zerklopften, die aber, während sie so auf uns herab schauen, vielleicht ja gern hier unten mitmachen würden, wer weiß das so genau. Jedenfalls kommen uns zwei Leute entgegen, die uns erzählen, dass der Hüttenwirt schon nicht mehr mit uns – „mit den Zehn“ – rechnen würde: Das motiviert, denn – dem Manne kann geholfen werden. Die letzten hundert Steigungsmeter sehen uns im Schnee, sehr rutschig, da schon angetaut, die Hütte liegt im Wolkennebel, ist aber da.
Nun wird der Kachelofen angeworfen, gepresste Hobelspäne, wie Apfelringe geformt, macht uns schnell wieder warm und trocken, wobei die Stange oben vor dem Ofen der „Trockenraum“ ist. Der Wirt, eine vollbärtige Urgestalt in kurzen Hosen und barfüßig in seinen Latschen, entzündet alle Kerzen auf einem Riesentisch. Wir werden abgefüttert, genießen die besondere Atmosphäre dieses Hauses als einzige Gäste in dieser völligen Einsamkeit, finden das Plumpsklo, das Jesu lein über der Tür weist uns den Weg ins Obergeschoss in die sehr kleinen Schlafräume, wo wir die Etagenbetten auch mal ohne Licht finden müssen.
Alle schlafen wie Steine, angeblich heult nachts der Sturm.
Montag, 06.09.2010
Wiener - Neustädterhütte – Ehrwald – Ehrwalder Alm – Gatterl - Knorrhütteerst mal recht kalt ist im Haus, aber dann wirft der Wirt wieder seinen Kachelofen an. Das Brot wird vom Chef persönlich von Hand geschmiert, wir dürfen aber sagen, was darauf sein soll, es ist hier irgendwie wie bei Muttern u n d Vatern. Sein Rat: Wir sollten lieber nicht zur Zugspitze aufsteigen, weil sehr viel Neuschnee gefallen ist. Deswegen war auch schon gestern die uns entgegen kommende Bergsteigerin umgekehrt, nachdem ihr beim Anstieg der Schnee bis über die Knie reichte.
Also Abstieg, der einen weiten Umweg bedeutet und uns einmal um die westliche Hälfte des Zugspitzmassivs herumführt. Der Weg geht bei +1° auf der gleichen Strecke zurück wie beim gestrigen Aufstieg, vorbei am Lawinenschutz, hinter Stelze 4 der Obermoos-Kabinenbahn ist es dann weniger rutschig, durch das Gamskar, Latschen, dann durch Nadelwald und schließlich auf einer breiten Skischneise bis zur Gamsalm, wo wir nach einer Stärkung (ein sehr früher Wein musste aus Frustgründen einfach mal sein) und holländischer Beratung über den Koppensteig durch einen Bilderbuchwald die Talstation der Ehrwalder Almbahn erreichen. Hinter uns ist über der Zugspitze eine tieftintenblaue Wolke aufgezogen.
Keiner möchte direkt unter der Seilbahn zu Fuß hochsteigen, der Weg ist auch so noch weit genug, was wir aber erst so allmählich merken. Mittagsrast auf der Hochfeldern Alm, hier ist noch Tourismus Trumpf. Wir sehen beim Essen unseren weiteren Tagesweg durch kleine Latscheninseln nach links am Hang ansteigen, alles sehr übersichtlich, wir werden also beim Anstieg auch von den satten Kaffee-und-Kuchen-Essern von hier unten genüsslich durch die Ferngläser beobachtet werden, wenn der Schweiß rinnt.
Die tintenblaue Wolke hat sich inzwischen mit der Sonne auf Schönwetter geeinigt. Am Anfang des Aufstiegs wird die Sektion Rostock immer schneller, um dann nach einigem Abstand von den Gaffern da unten plötzlich im Latschengrund zu verschwinden. Die Alm-Buttermilch zeigt Wirkung und gewinnt, aber die Aussicht in das Gaistal lenkt die beiden schnell von ihrem Innenleben ab. Gegenüber in Richtung Hochplattig gehen laut knallend Steinlawinen ab. Entgegenkommer sind per Bahn auf die Zugspitze „gestiegen“ und gehen jetzt fast nur bergab. Vom Feldern-Jöchl, wo wir unseren höchsten Punkt für heute erreichen, haben wir noch mal den ultimativen Blick nach gegenüber auf die Mieminger Kette, die Hohe Munde ist „in Reichweite“, die Sektion Rostock, inzwischen wieder rundum erleichtert am Berg, kennt da drüben jede Schneise. Ein Motorflieger huscht sehr klein am Gaisbach entlang zwischen den Felsmassiven hindurch.
Abstieg durch sehr matschige Wiesenwege unter den felsigen Ausläufern der Gatterlköpfe, rechts nach unten liegt der Grund eines halbrunden Felsstadions, durchflossen von einem winzigen Bach, der an einem Punkt namens Kaltwasser entspringt, prompt finden wir in diesem Bergtheater auch die Gämsen vom Dienst, man muss nur mal ein wenig suchen.
Dann stehen wir auch schon unterhalb des Gatterls, müssen nur noch ein wenig über Fels klettern, die beiden entgegen kommenden Biker lassen uns den Vortritt, denn es ist hier sehr eng und vor allem steil. Als wir oben sind, wollen wir doch mal sehen, wie die da so runterkommen! Aber die Biker machen das sehr gekonnt: Esel auf die linke Schulter, rechts ist der Fels, auch ein wenig Versicherung. An sich sind es einarmige Alpinisten, sie wirken sehr mit ihrem Vehikel verwachsen und meinen bescheiden beim Vorübergehen, nachher könnten sie ja auch mal wieder fahren.
Das Gatterl! So stellt sich der kleine Max eine Grenze vor: Ein Maschendrahtzaun mit eingelassener Tür sowie ein pfiffiger Wiederverschließmechanismus durch einen „gefangenen“ Stein. Ein paar Schilder sorgen für Information, die beiden letzten Holländer des Tages passieren in Gegenrichtung, und schon sind wir wieder im Land unserer Väter. Die Tür hinter uns schlägt hörbar zu.
Vor uns liegt der Reintalabschluss, tief unten soll irgendwo die Partnach entspringen, wir gehen auf dem Plattsteig am Rand einer kilometerbreiten Steinwüste und können die Knorrhütte schon seit Passieren der Grenztür sehen. Hoch darüber ragt der legendäre Jubiläumsgrat in den düsterer werdenden Nachmittagshimmel. Bevor es ganz eintrübt, müssen wir aber noch den Blick auf das Zugspitzplatt und seine Immobilien ertragen, wie kann man nur! Der Weg ist länger als gewollt, schräge, nach unten weisende Felsplatten, stellen uns mehrfach vor die Entscheidung, ob es sich auf allen Vieren nicht besser, oder jedenfalls sicherer gehen ließe. Zu allem rauscht die Partnach immer deutlicher tief unter uns, aber dann sind wir mit den ersten Tropfen in der Hütte.
Wegen des großen Andrangs kämpft man hier offensichtlich mit der Organisation, um die innerbetrieblichen Menschenströme sinnvoll zu lenken. Wir müssen Stornogebühren für ein nicht genutztes Bett bezahlen und sind darüber sehr verärgert. Nach eingehendem Studium des Kleingedruckten (das scheint hier am Berg immer wichtiger zu werden!) wird die Diskussion um das Abgezocke noch mal neu eröffnet, und siehe da, die Hüttenleitung ist geneigt, die Hälfte der verlorenen Gebühren wieder raus zu rücken.
Dienstag, 07.09.2010
Knorrhütte – Rotmoosalm - Wangalm
Trotz allen Ärgers: Der Knorrschlaf tat gut, jeder diesmal mit einer ganzen Matratze für sich. Es regnet nachts heftig, wir merken am nächsten Morgen, wie viel da runter kam. Gundula müht sich nach einem schmerzhaften Geröllsturz gestern mit uns zurück zum Gatterl auf dem bekannten Weg bis zur Gabelung, wo wir zum Steinernen Hüttl abzweigen. Der Weg ist unglaublich matschig, dabei kann man leicht nach links abrutschen, wir sind hier gar nicht glücklich. Auf dem zugigen Wannigjöchl fühlen wir uns von Gämsen eingekreist, die uns aber zum Hüttl absteigen lassen. Murmeltiere am Weg, eine verlassene Feuerstelle, dann kurze Einkehr, der Wirt ist sauer, weil wir auch Mitgebrachtes verzehren. Von der Terrasse fällt der Blick durch eine schmale Felslücke fast 600 m tief ins Gaistal. Wir müssen aber wieder hoch, die Haflinger am Weg schauen uns nach, der Predigtstein bleibt von uns unbestiegen. Auf der Rotmoosalm ist man schon netter, nach links oben zeigt sich die Scharte, über die unser weiterer Weg zieht, das Niderle, die Hohe Munde liegt inzwischen noch näher direkt gegenüber.
Beim weiteren Aufstieg werden wir durch ein besonderes Spektakel unterhalten: Nach rechts wird auf Felsausläufern eine neue Straße zur Rotmoosalm gebaut, die Betonierung von Fundamenten bewerkstelligt man per Hubschrauber. Dazu muss sich dieser mit darunter hängendem Betonbehälter immer wieder im Tal den Nachschub besorgen, den er dann oben zielgenau über einer von hier gut erkennbaren Verschalung entleert. Elegant, wie der Hubi mit weit zurück schwingendem Betonkübel die Kurve nimmt, man sorgt hier eben für große Unterhaltung am Berg. Der Lärm begleitet uns noch eine ganze Zeit lang.
Parallel und sehr nah an den links steil aufragenden Reintalschrofen gehen wir jetzt kilometerweit unter dem ein wenig bedrohlich wirkenden Teufelsgrat über den Schafleger, aber wir sehen allenfalls Gämsen. Der Weg führt uns dann schon bald nach dem Telfer Leger rasch abwärts zum Scharnitz-Tal, wo wir unser Nachtquartier auf der Wangalm beziehen und die Bequemlichkeit einer Fast-Tal-Herberge sehr genießen. Das Haus verfügt nur über wenig Elektrizität, abends bemerken wir die Umschaltung auf Akkustrom, der tagsüber von Solarzellen eingefangen wurde, der Kachelofen wird aber noch konventionell betrieben und trocknet unsere doch recht feuchten Sachen, die wir hier überall ausbreiten dürfen.
Von der Wangalm zur Meilerhütte
Mittwoch,08.09.2010: Wangalm – Puittal – Leutascher Platt – Meilerhütte
Wir beschließen am nächsten Morgen, dass diese Wangalm ein echter Gewinner ist, Essen, Wirtin, Quartier alles sehr überzeugend, dabei hat Holger hier nur aus Verlegenheit wg. der geschlossenen Wettersteinhütte gebucht, die in unmittelbarer Nähe liegt. Na gut, Reisen bildet und Holger besteht auf Frühstück um 7 Uhr: Das verheißt für das bevorstehende Tagespensum nichts Gutes.
Der Weg führt zurück wieder im Scharnitz-Tal hoch, unser Wegweiser zeigt uns am riesigen Ehrenfriedhofsstein den Weg ins Puittal über das Scharnitzjoch, das wir nach Steilaufstieg erreichen. An solchen Strecken kommt Angelina groß raus, weil sie mit ihren inzwischen rundum getapeten Füßen eigentlich nur noch bergauf gehen kann, denn ihre allmählich durch Rutschen im Stiefel kürzer werdenden Zehen schlagen beim Abwärtsgehen heftig Alarm . Aber – keiner will sie tragen. Ulrike hat sich heimlich abgesetzt von der Gruppe und sich in der Erinnerungshütte umgesehen, niemand erfährt, an was sie sich da eigentlich erinnern wollte.
Das Puittal entschädigt gleich für mehrere Aufstiege, so idyllisch und friedlich ist es zwischen zwei kilometerlange, sehr steile Felswände eingebettet, fast eine kleine Welt für sich. Wohin man auch blickt: Die Landschaft ruht in sich und gibt diese Ruhe auch an uns, die wir hier ein wenig stören, weiter.
Die Gämsen haben offenbar auch Gefallen an diesem besonderen Tal gefunden: In jedem Geröllfeld, an jedem kleinen Gebüsch, hinter jedem Felsblock stehen sie und lassen es sich schmecken, und Uwe erfindet den völlig neuen Fotowettbewerb, für den sich jeder bemühen soll, hier ein Bild vom Tal zu schießen, auf dem mal keine Gämse drauf ist. Das hat übrigens nicht geklappt.
Im Süden begleitet uns lange Zeit die Gehrenspitze, wir bleiben aber hier unten und kämpfen ein wenig mit dem Matsch auf dem Weg, dem wir immer wieder nach hangaufwärts ausweichen mit dem Ergebnis, dass wir nur in noch mehr Matsch stecken bleiben. Die längst verdiente Rast muss erst durch plötzlich um sich greifendes, intensives Suchen nach einem entsprechenden Platz thematisiert werden, was sich in den Stunden danach aber als eine sehr weise Aktion der hungernden Gruppenbasis erweist.
Denn Holger hat noch einiges mit uns vor: Er sucht nach links in der Steilwand nach dem 818-Weg, der uns mal eben 650 m höher führen soll auf den Söller-Pass. Und auch ohne einen vernünftigen Wegweiser hier im Tal findet er weiter oben doch gleich den entscheidenden Hinweis, dass es hier nahezu in Falllinie nach oben gehen soll. So findet das Puit-Tal-Idyll ein jähes Ende, wir keuchen und kreuchen rechts und links einer tief eingekerbten Rinne, die wohl in Schneeschmelzzeiten viel Wasser führt, nach oben in Richtung auf eine Scharte, die sehr weit über uns vielleicht einen Durchstieg durch diese abweisende Wand ermöglicht, eine Wand, die in der Karte nicht einmal einen Namen trägt.
Hinter uns kriecht ein schnelleres Bergsteigerpaar mit kleinem Gepäck durch das Gebüsch, im Vorbeikeuchen wird geklärt, dass beide Nordlichter sind wie wir und sich schon in Bargteheide auf diesen Anstieg gefreut haben. Weiter oben führt die Route dann im Fels ohne Sicherung über ausgesetzte Strecken, die zu denken geben und wo Einfallsreichtum gefragt ist, um heil über die abwechslungsreichen schrägen Steinstufen zu kommen. Aber es geht.
Eine kurze Rast auf einer ebenen Wegstrecke haben wir redlich verdient, hier besetzen spontan alle wie die Hühner auf der Stange eine Art Seitenmauer am Weg, endlich mal ein lohnendes Gruppenbildmotiv. Wir unterhalten uns wie so oft mit heiterem Gipfelraten, das Stubai ist in Sicht, soweit besteht noch Einigkeit, aber ob nun Habicht oder Zuckerhütl rübergrüßen aus den Wolken, so entscheidend wichtig ist das doch eigentlich gar nicht, oder doch ? Jedenfalls lehnt die Führung das Gipfelflunkern einfach ab.
Die letzten 200 Höhenmeter werden für uns noch mal richtig sauer, weil das Kühlwasser eh schon kocht. Der Himmel bezieht sich unmerklich, und die Helligkeit nimmt trotz der Höhe langsam ab. Schließlich kriecht einer nach dem anderen auf die Höhe des Söller-Passes - geschafft in jeder Hinsicht !
Die Landschaft, die sich oben vor uns ausbreitet, nämlich das Leutascher Platt, hätte ich allerdings hier oben nicht vermutet: Man könnte denken, irgendwo auf dem Mond zu stehen. Durch irgendwelche finsteren Urzeitkräfte ist hier eine Art schräggestelltes Hochplateau entstanden, dessen Oberfläche aus lauter kleineren Buckeln besteht und vielleicht ein wenig wie ein überdimensionaler Streuselkuchen aussieht, der in diesem Licht grau in grau und sehr tot wirkt. Da müssen wir also rüber, um die Meilerhütte zu erreichen, die uns gegenüber in gut eineinhalb Kilometern Entfernung auf der anderen Seite des Streuselkuchens steht und dort auf dem Gebirgssaum, der das gesamte Plattl einrahmt, völlig am Ende der Welt und am Ende von Deutschland von reichlich unerschrockenen Bergfreunden errichtet wurde. Und da steht also mein Bett für die kommende Nacht - kaum vorstellbar.
Wir machen eine kurze Rast auf diesem Mond, er ist aber doch belebt, weil nämlich Angelina ihr Brot vor einer Maus in Sicherheit bringen muss. Und später im Weitergehen kommt von weit hinter uns eine klägliche Schafsstimme über den Pass gekrochen: Da hat jemand seine Bezugsgruppe verloren und blökt jetzt hinter uns her. Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass dieses Tier wohl ernstlich Anschluss sucht an unseren Verein. Aber so ganz ohne Mitgliedschaft ? Es fängt an zu tröpfeln, dann aber auch richtig zu regnen, gerade als wir auf dem letzten halben Kilometer vor der Hütte eine jetzt unangenehm glatte Wand queren müssen, die zwar für uns gut seilgesichert ist; aber auf das Schaf, das immer näher gekommen ist, wirkt das Ganze nicht so attraktiv. Es zieht sich unter lautem Protest zwischen schützende Felsbrocken zurück, wo sein Fell wohl als Schutzhütte herhalten muss.
Die Hütte, mit 2366 m die höchst gelegene auf dieser Tour, ist eigentlich besetzt von einer Gebirgsjägergruppe, die aber gerade absteigen will, weil der Föhn zusammengebrochen ist – nun bekommt der schon eine menschliche Diagnose. Der Wetterwechsel und das blökende Schaf sind Begleitzeichen dieses Föhnleidens gewesen, und zum Beweis steht das Windrad auf der Hüttenscharte demonstrativ still, hier oben wohl ein seltener Anblick.
Wir finden also reichlich Platz in diesem dunklen Holzhaus, das uns sofort mit seiner Gemütlichkeit umfängt. Der Vorraum dient als Trockenraum und wird von einem Riesenersatzföhn warm ventiliert – wenigstens der macht nicht schlapp. Wir sind bald die einzigen Gäste, dauernd geht das Telefon, alles Absagen. Für uns gibt es Hüttenbier und Eierspeisen in jeglicher Variation.
Die Wirtin hat viele Wollmützen gestrickt und in einer kleinen Vitrine ausgestellt, heute Abend arbeitet sie an einer schwarzgelben Art Kappe. Schwarz – Gelb ? Der Trottel ist gelb ! Setzt sich die Hüttenwirtin hier oben am Ende der Welt auf diese Weise mit den bundesdeutschen Politikverhältnissen auseinander? Gemütliches, aber eigentlich kaputtes Zusammensitzen, draußen stürmt und schüttet es, wir mögen nicht an Morgen denken. Kleine Zimmer, Plumpsklo im Mittelflur, der Waschraum in Form einer eimergestützten Frischwasseranlage soll sich draußen hinter der Hütte befinden, aber nur zwei von uns haben sich dort zu deodorierenden Aktivitäten durchringen können. Der Rest schläft im Bettenlager unterm Dach im 2. Stock, wo der Regen lautstark trommelt, und im Laufe der Nacht brauchen wir erst eine, dann zwei und später auch gern drei Wolldecken.
Von der Meilerhütte ins Verwall
Donnerstag,09.09.2010: Meiler – Schachen – Kreuzeckhaus
Morgens ist hier oben alles weiß, Hüttenwirt und -wirtin steigen vor uns ab, nach der ersten steilen Felsstrecke ist der Schnee aber auch schon bald verschwunden. Über Vorberge und Wiesen erreichen wir den Schachen, eine ehemalige Ludwig II-Residenz, wo er dreimal im Jahr Hof hielt und sich lt. Führer auch Bericht erstatten ließ über die Münchner Politikgeschehnisse, seinen aktuellen Kontostand aber nicht erfragte. In jedem Raum überbordender Prunk als später Hinweis auf seine geistige Verfassung, sogar die Hofküche inklusive Personal musste hierher mit umziehen. Er arbeitete wie üblich nur nachts, zwei Diener wedelten ihm hierbei mit Pfauenfedern frische Luft zu, das mit Samt gepolsterte Königsklo besuchte er hoffentlich allein.
Abstieg ins Oberreintal durch Zirbenbestand, Wasserfälle überschütten den sehr steilen, nicht überall gesicherten Kletterweg, Angelina tapet sich tapfer nach unten. Wieviel wohl von den Zehen noch übrig ist ? Auf 1000 m Meereshöhe an der neu entstehenden Bockhütte Überquerung der Partnach und gegenüber Wiederanstieg bis auf 1500 m, damit wir besser ins Reintal blicken können mit dem noch jungen Fluss im tiefen Grund. Der Weg zieht sich endlos, nah vorbei an der Stuibenhütte, der Bernadeinhütte (nichts los hier) und auf einem langen Panoramaweg oberhalb des Stuibenwaldes, bis wir endlich die bekannten, gefühlt sechsspurigen Wege vor dem Kreuzeckhaus erreichen. Von der Kreuzeckterrasse haben wir einen unglaublichen Rückblick bis zur Meilerhütte, wo wir heute Morgen noch im Schnee gestartet sind und die sich jetzt im Dunst, aber doch gut erkennbar, in 6 ½ km Entfernung präsentiert. Dass wir das geschafft haben!
Zum Abendessen empfängt uns das normale Kreuzeckchaos mit seinem speziellen Charme, die heute verbrannten Kalorien müssen im Laufe des Abends mithilfe von Flüssigkonzentraten wieder aufgefüllt werden. Klaus zeigt eine Fotogesamtschau von dieser Tour, die er mit seiner voluminösen und vor allem äußerst gewichtigen Fotoausstattung lückenlos eingefangen hat, was hat der Mann da alles über den Berg geschleppt ! Eigentlich ist bei diesem Bildmaterial gar kein Bericht mehr nötig.
Freitag,10.09.2010: Kreuzeckhaus – Verwall
Abschied von Klaus, der aus seinen Bildern wahrscheinlich einen Kurzfilm machen wird, von Ulrike und Manfred, die noch die Hohe Munde besuchen wollen, und von Angelina und den Resten ihrer Füße.
Die übrigen Sechs ziehen um ins Verwall, um dort die Revival-Tour der vor sechs Jahren durchgeführten Wanderung zu starten. Bei der Gelegenheit soll auch gleich nach Uwes geliehenem und damals verlorenem Pullover gesucht werden.
Matthias Rink























