Verwall querbeet
Freitag, 10. 09. 2010: Anreise Kreuzeck/Wetterstein nach Pettneu am Arlberg
Für die meisten von uns ist es der zweite Teil einer Alpenwanderung: Nach einer guten Woche im Zugspitzgebiet und kurzer Rast in einem offenbar nicht nur in Hamburg bekannten Schinkenladen sammeln wir uns in Pettneu am Arlberg im Haus Birgit. Manfred, frisch eingetroffen vom Großglockner, ganz frisch jubiläumsgratgestählt, und Sven, leider frisch beschädigt am Knie, kommen dazu, abends Einkehr bei Leena aus Finnland zu Rentier und Elchwurst, dann Saisonschlusskonzert der Pettneu Allstars mit vielen Bläsern und einem Spitzenschlagzeuger, dazu Fassschnaps satt. Aber wir wollten ja in die Berge...
Samstag, 11. 09. 2010: Bus St. Christoph/ Arlbergpass – Berggeistweg - Kaltenberghütte
Unser Bus spuckt Scharen von Wanderern aus, die aber alle – vielleicht wegen des spukigen Namens – nicht auf dem Berggeistweg mitwandern, wir haben ihn bald für uns allein. Der Weitblick zeigt uns bei blauem Himmel unten im Tal viele Stromleitungen, gefüllt mit dem gegenüber im Lechquellengebirge erzeugten Strom, beim Anstieg kommt immer mehr „Gegend“ heraus, kurze Einblicke in Verwalltal und Fasulbachtal, ganz hinten wird ein Gipfel von der Leitung zum Hohen Riffler erklärt, der Adler über uns sieht alles noch viel besser.
Rechts wollen die beiden Maroiseen fotografiert werden, aber richtig filmreif ist links das Maroital , zwei kleine Hütten verlieren sich hier in den Wiesen der zum Bach hin abfallenden Maroialpe. Am Albonagrat warten mehrere Lifte auf den Winter, man berichtet uns, dass hier die Saison am 1. Dezember wieder ausbricht, zur Zeit ist Sommerruhe, was übrigens für das gesamte Verwallgebiet gelten soll. Wir Sommertouristen sind die Lückenbüßer für die schneefreie Zeit. Das soll uns recht sein.
Am Oberen Maroijöchle teilen wir uns auf, weil einige von uns noch über die Maroiköpfe zur gleichnamigen Spitze steigen möchten. Hier kommen wir dem Kaltenberg und seinem Gletscher schon näher, aber den werden wir uns morgen noch genauer ansehen. Viele markante Gipfel stehen um uns herum, aber leider kann keiner von uns so richtig Gipfelflunkern, also bestimmen, wer nun der Patteriol ist oder vielleicht die Kuchenspitze.
Die Kaltenberghütte erkennen wir auch schon, daneben den kleinen See, nach dem steilen Abstieg begrüßt sie uns hoch über dem Klostertal mit Terrassenmusik, mit Scharen von spielenden Kindern und sehr persönlich mit dem eigens antretenden Hüttenwirtspaar. Das hätten wir nicht gedacht!
Die Hütte selbst ist rappelvoll, zum Abendessen wird Hirsch serviert, Wirt und Wirtin fragen angenehm herum, ob's auch wirklich schmeckt. Wir fühlen uns sehr wohl. Später wird noch lange auf zwei Akkordeons musiziert. Trotzdem stehen am nächsten Morgen,
Sonntag, 12. 09. 2010: Kaltenberghütte – Krachelscharte – Gstansjöchli – Konstanzer Hütte
die Hüttenwirtsleute nach dem Zelebrieren des Frühstücksbü
Montag, 13.09.2010
Konstanzer Hütte – Schönverwalltal – Heilbronner Hütte
Konstanzer Frühstück sehr o.k., aber ohne Kerzen. Nachts ist oben viel Schnee gefallen, Gipfel sind nur zu ahnen, es regnet Bindfäden, also alles, wie vorhergesagt. Warum reißt so'n Föhn überhaupt ab ? Wir verpacken uns voll in Goretex und Ponchos und verlassen das Wäldchen an der Hütte auf der Schotterfahrstraße. Und gehen damit nicht unseren geplanten Weg über das Wannenjöchli auf dem Fasulkamm, der Patteriol muss ohne uns klar kommen, ohnehin ist von ihm nichts zu sehen. Wir wandern flussaufwärts an der Rosanna entlang, der Fluss hat wenig Gefälle, entsprechend bleibt uns genügend Luft zum Schnacken und auch Zeit, um in das wahrscheinlich wunderschöne Tal zu schauen. Schließlich heißt es Schönverwalltal. Aber zu sehen ist nichts. Irgendjemand hat rätselhafterweise ein paar Wanderstiefel in einem Entwässerungsrohr am Straßenrand deponiert, so was passiert eben, wenn der Föhn abreißt. Wir machen eine wunderschöne Rast – im Stehen in einer offenen Betongarage, am Häuschen daneben steht Grüß Gott und ein paar Preise, aber hier ist alles gottverlassen. Wir gehen inzwischen nicht mehr auf der Fahrstraße, vorbei an einem sinnlos herum stehenden Häuschen, überqueren die Rosanna über eine Brücke, die wir nur mit Mühe finden. Es geht im Wiesengelände steil hoch, der vermutete Matsch ist gar keiner trotz welliger Grasflächen und kleiner Flüsschen, einmal rafft der Fluss sich sogar zum Mäandern auf. Im Nebel geht rechts weit oben vor uns ein Mensch, wir fragen uns, wohin der geht, weil es dort nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte, und es also nirgends hingeht. Wir sehen ihn später nicht wieder - aber der Föhn...
Der Regen ist inzwischen in leichtes Schneetreiben übergegangen, die Hütte kommt in Sicht, die wie eine Ritterburg auf der Zwischenmoräne liegt oberhalb der beiden Hüttenseen. Biker von hinten und von vorn, in die Hütte gelangt man durch die Fahrradwerkstatt, die Liegestühle lagern unter der Treppe und bleiben dort auch heute. In dieser Hütte scheint alles neu zu sein, besonders der Trockenraum ist hochmodern mit Trockenschränken ausgestattet, das spart sicherlich Energie. Heute sind nicht viele Leute da, wir essen Montafoner „Marend“ und trinken Hausbrand. Aber Berge haben wir heute noch nicht gesehen. Allerdings – der Wirt sagt Schönwetter voraus – da hat er sich offenbar wieder zusammen gerissen, der Föhn.
Dienstag, 14.09.2010: Heilbronner Hütte – Muttenjoch – Gaisspitze – Friedrichshafener Hütte
So ist es: Blauer Himmel über allen Gipfeln, Aufstieg noch im Morgenfrost, der Boden ist sehr hart unterm Schuh, die Steine überfroren, wir rutschen und passen auf. Dann, nach einer halben Stunde steigen wir in die Sonne und genießen die erste Wärme. Der Weg führt streckenweise durch Felsblöcke, hier irgendwo hat Uwe vor sechs Jahren eine – geliehene – Jacke verloren, unsere Suche ist aber vergeblich, wahrscheinlich haben Murmeltiere das gute Stück in ihren Bau geschleppt und murmeln sich damit in den Schlaf. Wir kommen höher, immer entlang des Rosannabaches, Rast in der Sonne, beim Aufstieg zum Muttenjoch schwitzt keiner und keiner friert, ein alpinistischer Idealzustand. Der Schnee liegt hier oben höher, schließlich schnallen wir die Grödeln an: Erster Versuch mit diesem „Schuhwerk“ für zwei von uns. Schließlich sind wir an der Rosannaquelle, die aus einem kleinen Bergsee entspringt. Rast auf dem Joch, vier wollen auf die Gaisspitze steigen, wegen des vielen Schnees mit Grödeln, wobei wir sehr froh darüber sind, dass wir die mitgenommen haben, weil es doch sehr rutschig ist. Aber – auf halber Höhe kommt uns ein Alleingeher entgegen, der ohne alles da oben war: Wir sind einigermaßen erstaunt.
Unser Kletterweg ist stellenweise mit Ketten gesichert. Von oben sehen wir auf das Muttenjoch, wo die Drei auf uns warten und winken. Nach Süden zeigen sich, schon in Italien, schneebedeckte Gipfel im Überfluss: Die Silvretta. Der Abstieg ist nicht so einfach zu bewerkstelligen, Grödeln sind ja ganz schön zu haben, aber im Fels, der sich hier unter Neuschnee versteckt, zumindest gewöhnungsbedürftig.
Die Friedrichshafener Hütte ist schnell erreicht, sie hat eine vorgebaute Veranda, die wie eine Kommandobrücke 600 m über dem Paznauntal schwebt. Hier wird der erste Durst gelöscht mit einem Bergsteigergetränk, das voll lecker aussieht, aber nach nichts schmeckt. Wir fragen lieber nicht nach dem Rezept. Im Laufe unseres Hüttentages werden wir hier noch umfassend über die Normalität bestimmter Verhaltensweisen informiert: Als wir um Teewasser mit sechs Tassen bitten, erfahren wir, „normal san zwa“ (Tassen). Beim Nachbestellen des Teewassers, dazu bitte viel Zucker, heißt es von der Bedienung ganz automatisch und gar nicht mal als Belehrung gedacht, „normal ist ohne“. Aber der Zucker kommt doch. Im Bettenlager schlafen wir mal alle zusammen. Serafino, der Hüttenwirt, versucht sich mit einer Lampenreparatur, aber trotz unserer Hilfsbeleuchtung will das nicht gelingen. Für die zehn Tage bis Saisonende wird es aber wohl ohne ausreichen. Im Matratzenlager liegen wir zu elft, alle routinierte Schläfer und Schnarcher.
Mittwoch, 15.09.2010
Friedrichshafener Hütte – Konstanzer Hütte
Frühstück in der Gaststube, als gegenüber gerade die Sonne aufgeht. Wir machen einen kleinen Umweg zunächst auf dem Ludwig-Dürr-Weg und wollen über die Dürrscharte zum Matnaljoch. Links von uns geht der einsame Wanderer mit dem weißen Hut auf einem Parallelweg, die Hütte bleibt hinten lange sichtbar, die Gipfel der Silvretta werden aus dieser Höhe noch eindrucksvoller. Hinter der Scharte sehen wir auf einem kleinen Plateau reichlich Quellen, Bäche und kleine Seen, aber keinen Weg, der uns zum Matnaljoch führt. Durch Blöcke und auf sehr steilen Schotterstrecken suchen wir lange nach irgendeiner Markierung, dann höher im tiefen Schnee, der hier mindestens 50 cm hoch liegt, aber keine Spuren aufweist. Nur einer hat hier den Überblick, nämlich ein Steinbock – der erste auf dieser Tour, der uns von hoch oben bei der Wegsuche zuschaut, mindestens eine halbe Stunde lang auf seinem Grat hin und her läuft und sich wahrscheinlich ziemlich amüsiert, bis Uwe endlich im Schnee ein Durchkommen nach oben findet, sehr steil, das Spuren strengt an.
Oben belohnt uns dann der Rundblick des Tages in alle Richtungen, während aus dem Fasultal ein kalter Wind durch das Joch streicht. Rast in der Sonne an einem kleinen See, der aus einem eigenen Minigletscher sein Wasser auffüllt. Eine Hochebene führt uns zum Schafsbichljöchli, und vorbei am naturtrüben Schottensee erreichen wir schließlich das Fasultal, in das wir kilometerweit abwärts sehen können. Der Bach sammelt hier alle Rinnsale auf, die den Fasulgletscher verlassen und hat sich dabei eine eigene Landschaft geschaffen, fließt auch mal unsichtbar in einer tiefen Klamm neben uns her, verborgen hinter Felstürmen, und im Hintergrund grüßt uns der Patteriol mit seinem markanten Profil. Irgendwo da drüben ist der Anfang des Bruckmannwegs, auf dem wir eigentlich den Fasulkamm queren wollten, bevor der Föhn einen Riss bekam.
Das Tal wird immer breiter, der Bach hat hier einen flachen Boden aufgeschwemmt und eine Holzbrücke in der Mitte geknickt, eine Hütte wurde vorsichtshalber auf ein kleines Podest gesetzt. Vor der Konstanzer Hütte durchqueren wir wieder das kleine Wäldchen, und weil wir hier jetzt schon wieder auftauchen, werden wir sofort erkannt, der Wirt gibt einen aus und steckt uns heute Nacht alle mal in einen Raum. Es wird früh dunkel. Wir finden im Bücherregal einen interessanten Bericht von Schülern über den Gletscherursprung in den drei hier zusammentreffenden Tälern (Pflunbach-, Fasulbach-, Schönverwalltal) und über alles rund um die Hütte.
Donnerstag, 16.09.2010:Konstanzer Hütte – Kuchenjöchli - Darmstädter Hütte
Aufbruch etwas zögerlich wg. Regen, am Himmel Wolkenjagen, der Patteriol „zeigt“ sich verhüllt, die Brücke über den Fasulbach sollen wir nicht betreten, also bringen wir sie schnell hinter uns. Eintausend Meter geht es jetzt hoch, zunächst durch nerviges Grünerlengebüsch, wo die warme Luft am Hang steht, dann auf Grasboden, letzte Rückblicke ins Fasultal mit unserem gestrigen Weg, bevor uns die Felsausläufer der Kuchenspitze die Sicht versperren. Der Regen hat uns schon wieder unsere Ponchos aufgezwungen, darunter entwickelt sich im Anstieg ein tropisches Klima.
Beim Rückblick stehen hinter uns fast auf unserem Weg plötzlich zwei Steinböcke, neugierig und völlig unerschrocken über diese bunte Ponchokolonne. Die Scharte macht es uns nicht leicht, wir steigen unaufhörlich durch große Felsblöcke, die steilen Felszacken rechts kommen schon sehr nahe und zeigen uns die Richtung zur Kuchenspitze.
Auf dem Jöchli pfeift ein kalter Wind, aber es ist endlich trocken. Wir blicken in einen völlig anderen Teil des Verwalls, rechts neben uns der Kuchenferner, der in seinen Ausläufern in der Tiefe von Riesenwackern und verstreutem Gestein bedeckt ist und sich jetzt mit Neuschnee farblich etwas aufgehellt hat.
Links soll unser Weg angeblich weiter gehen, man sieht nur nichts von ihm, stattdessen bietet sich eine fast senkrechte Felswand an, die sich offensichtlich im fortgeschrittenen Zerfall befindet. Hier kommt Manfred mit seinem Helm groß raus, mit Vorsicht gelangen wir an der Versicherung entlang nach unten, immer aus sicherem Abstand beobachtet von zwei Typen, die weit vor uns gegangen waren und sich hier wohl auch viel Zeit gelassen haben.
Unten führt der Weg (warum heißt der eigentlich Apothekerweg ?) wieder auf langer Strecke durch Felsblöcke und gibt den Blick frei auf die Riesenkegelbahn, über die der Große Kuchenferner und seine Umgebung offenbar vor Urzeiten gewaltige Wacker auf die Reise nach unten geschickt haben. Einmal liegen diese ordentlich aufgereiht, als habe hier eine Menschenhand eingegriffen, an anderer Stelle ist ein mindestens LKW-großer Klotz mittendrin gespalten worden, das zweite genau passende Stück liegt ein wenig entfernt: Vielleicht entstanden durch solche Naturphänomene ja die uralten Sagen über Riesen und ihre Taten. Weniger sagenhaft wirken ein paar nicht ganz kleine Metallteile, vielleicht aus Aluminium, die hier in Spalten zwischen Felsblöcken herumliegen. Hier soll im letzten Krieg ein Flugzeug abgestürzt sein, das Recycling hat wohl noch nicht ganz gegriffen – und mein Rucksack ist auch ohne Schrott schon voll.
Die Hütte haben wir bereits kurz von oben gesehen, der Blick erfasst gegenüber mehrere Joche, die über die umliegenden Bergketten führen, je nach Wetterlage werden wir morgen eines davon aussuchen. Hinter einer Bergstufe stehen wir dann direkt vorm Haus. Andy, der Wirt, begrüßt uns herzlich und merkt sich alle Namen. Auf seiner Terrasse ist es sehr kalt, Nebelfetzen wehen vorbei und hüllen hier unten alles ein, während man oben einige Gipfelzacken vor blauem Himmel sieht.
Die Hütte ist ein alter Holzbau, verwöhnt uns mit einem gemütlichen Trockenraum sowie Sicherungshaken an der Treppe, nur Manfred – diesmal ohne Helm – wird im Waschraum fast von der Sitzbank erschlagen. Beim Einschlafen gewöhnen wir uns an den Charme quietschender Holzdielen, als sich im Stockwerk über uns das Matratzenlager bevölkert.
Freitag, 17.09.2010
Darmstädter Hütte – Schneidjöchli – Niederelbehütte
Regen, Wolken, Nasenbluten: Das fängt ja gut an. Andy, der Wirt, der unsere Namen immer noch kennt, hat ein tolles Büfett im Nebenraum angerichtet, die Hausbibliothek entdecken wir jetzt erst hinter einem roten Vorhang, schade. Abstieg auf der Fahrstraße, Regen zwingt uns unter die Keeps, geduckt wandern wir am Kartell-Speichersee entlang, der vor sechs Jahren noch nicht fertig war und jetzt von überall her gefüllt wird. Die Berge: Nicht zu sehen, vorm Staudamm müssen wir rechts hangaufwärts auf dem Sepp-Jöchler-Weg. Vorher beraten wir die Männer mit den angeklebten Hüten (O-Ton Uwe, weil sie die Dinger auch in der Hütte nicht vom Kopf los bekommen haben), die mit einem Riesenfernglas eine (!) Gämse beobachten, wo sie gleich ganze Rudel dieser Tiere vor die Linse bekommen können. Wir denken dabei an das Gämsen-Gedrängel im Wetterstein vor einer guten Woche.
Der Weg führt hoch über Kuh-zertrampelte Wiesen, die allgemeine Stimmung versinkt im gemeinen tiefgründigen Matsch. Anstieg über eineinhalb Stunden, wobei die letzte halbe Stunde auf Felsplatten und Schotter fast als Belohnung empfunden wird, obwohl es auf dem Feinschotter sehr steil und rutschig wird. UU marschiert vorneweg, über uns im Nebel wie der Glöckner von Notre Dame mit langsamem, unerschütterlichem Tempo, alles tropft: Nasen, Stöcke, Kapuzen. Der Anstieg dauert länger als hier beschreibbar, die Scharte ist zu ahnen, oben schwebt im Dunst eine Felsformation wie ein großer Geier. Eine sehr tiefe Rinne, ausgewaschen, als habe hier eine Tiefbaufirma mit schwerem Gerät geschafft, wird überquert. Dann der Pfahl mit Schildanzeige auf der Scharte - erstmal geschafft. An einer kurzen ungesicherten Kletterstelle wundern wir uns, wie individuell unsere Klettertechniken sind. Über große Platten und kleinere Steinfelder – gut zu gehen, aber z. T. gemein kippelig – gelangen wir auf eine lang gestreckte Moräne, die tief eingekerbten Steinfelder beiderseits verraten uns wieder, dass sich hier gletschermäßig mal viel abgespielt hat.
Die nächste halbe Stunde bringt uns im Nebel, zuletzt am schwarzen Wasserschlauch entlang, zur Niederelbehütte, wo kräftig gebaut wird. Das gefährliche Kippbord im Heide-Zimmer dürfen wir mit Leihwerkzeug selbst reparieren und sind gespannt, ob unsere Schrauben bis zum nächsten Besuch halten.
Uwe und Holger sind hier schon stadtbekannt, Familie Böhm hängt in Bildern an der Wand über unserm Tisch, Uwe kennt bereits die vierte Hüttenwirtsgeneration der Familie Rudigier, die fünfte wurde gerade geboren. Zum Abendessen wird für alle Leberkäs, von Martha bereitet, durch die Klappe gereicht, Uwe kommentiert fachmännisch, auch was den Bierschaum anbelangt.
Unser Schlafraum ist wg. Umbau nur über verwinkelte Treppen zu erreichen, wo wir die oberen Stockbetten nach kurzer ausgesetzter Kletterei entern.
Samstag, 18.09.2010: Niederelbehütte – Kieler Wetterhütte und zurück
Morgens ist die Umgebung dicht in Wolken gepackt, die für heute vorgesehene Kreuzjochspitze schminken wir uns ab. Aber die Kieler Wetterhütte wäre einen Besuch wert. Der alte Rudigier erzählte uns vom Bau dieser Biwak-Notunterkunft, dass man 1958 zu Fuß 50 kg Zement- und Kalksäcke dorthin hoch geschleppt hätte, zeitweilig wurden für solche Arbeiten auch Haflinger eingesetzt, die aber 180 kg tragen mussten und das auch nur zwei Jahre lang durchhielten. Verständlich, immerhin sind es 500 Höhenmeter bis nach oben.
Wir gehen am Winterlager vorbei einen Grashang auf schmalem Weg hoch, die Hütte ist schnell außer Sicht, alles trieft auch ohne Regen. Holger bleibt stehen und legt den Finger auf die Lippen, weil vor uns eine Schneehuhnfamilie den Weg besetzt, grau gefärbt mit weißen Einsprenkeln, hätten sie sich nur hingehockt, wir hätten sie im exakt gleichartig grauweiß gefärbten Gestein sicher übersehen. Aber nun laufen sie lange vor uns her, wirken ziemlich unerschrocken, aber plötzlich können sie auch fliegen. Sind sie Nestweglocker, alles nur Ablenkung ? Jedenfalls nimmt Holger den Finger wieder aus dem Gesicht, der steile Wiesenpfad führt uns näher an den Fels heran, über Blockgestein und 45°(mindestens)-Schutthalden queren wir dieses lange Geröllfeld, das Felsmassiv darüber, das offenbar den Steinnachschub in Form von Steinschlag liefert, ist nur zu ahnen. Im Schnee wird es auf dieser steilen Strecke noch rutschiger, kurzes Spuren, es geht weiterhin schnell aufwärts, alle passen sehr auf. Die Gipfel sind nun doch zu sehen, zeigen sich noch mal etwa 200 m höher, wirken enorm abweisend und zackig, die Karte nennt sie Fatlarzähne, und so sehen die auch aus, wir fragen uns, ob wohl alle schon mal bestiegen wurden.
Aber dann steht auf einem kleinen Zwischenplateau die Minihütte, halb in den Fels gebaut und bewusst sehr flach ausgeführt: Wie uns der alte Rudigier erzählte, wurde die erste Hüttenversion schon nach einem Jahr von einer Lawine weggerissen, den Neubau hat man beim Wiederaufbau durch viele Felsbrocken an der Hinterwand mit dem Felsen verbunden.
Und hier, wo wir sie wirklich brauchen, ist die volle Sonne da, vorher, also weiter unten, hatte sie sich schon immer mal durch Wolkendecken kurz gezeigt.Sie bietet uns freie Sicht in den Süden, die Silvretta winkt, vor uns und näher beeindrucken bizarre und völlig schwarze Felszacken, aber 100 m unter uns ist Schluss mit der schönen Aussicht. Vesper, Fotos mit den drei Mädchen und einem Mann, die zur Darmstädter Hütte gehen, und die Andy, den Hüttenwirt mit der Bergsteigernamenfestplatte im Kopf von uns grüßen sollen, mal sehen, ob er uns schon gelöscht hat.
Die Wolkendecke steigt langsam auf, wir nach einem gehörigen Sonnenbad ab, sind schnell wieder in der Wettersuppe und laufen die lange Geröllstrecke unter dem hoch aufragenden Schuttgrat zurück. Runter geht es doch sehr viel leichter als gedacht. Der Hüttenwirt hatte uns erzählt, wie er hier einmal eine Dame in Halbschuhen an seinem 50m-Seil runter gerutscht hat: Sie war über Nacht oben auf der Wetterhütte geblieben, um von hier aus den Sonnenaufgang zu sehen – leider kam nächtlicher Neuschnee dazwischen. Durch heftiges Anorakschwenken an der Hütte war jemand auf die Gestrandete aufmerksam geworden. Weiter unten sind die Hühner jetzt weg, im dichten Nebel könnte man sie eh kaum sehen, und an der Hütte würde man in 20 m Abstand glatt vorbei laufen.
Die Kalbsbacken zum Abendessen stimmen selbst Uwe zufrieden, wir werden von Martha und Hubert sehr individuell behandelt wg. unserer beiden Stadtbekannten. Im Bücherregal finde ich einen Report über die Deutsche Werft (damals auf Finkenwerder), Werke von Gorch Fock (wenn der alte Seefahrer das wüsste, so was hier am Berg...), Hermann Löns – hier kann man ruhig mal einschneien.
Sonntag, 19.09.2010
Niederelbehütte – Schmalzgrubenscharte – Edmund-Graf-Hütte
Nach dem leckeren Frühstücksbüfett persönlicher Abschied und Abstieg zur nah gelegenen Straße, wo die Hüttenwirtsautos stehen, und weiter auf dem Kieler Weg. Die Diasalpe mit ihrem Lifttrubel wird so schnell wie möglich umrundet, unschöne Erinnerungen an die Dresdner Hütte und ihre Umgebung kommen auf. Im Winter und unter einer dicken Lage Schnee mag dieser Skizirkus ja zu ertragen sein, jetzt stehen die Beschneiungsköpfe wie Riesenmikrofone in der Landschaft, die eher zur Arena geworden ist. Über eine Versorgungsstraße geht es links hoch zur Schmalzgrubenscharte, über der schon ein leuchtend blauer Himmel lacht, jawohl, es ist ein ganz anderes Rumlaufen hier, wenn man etwas sieht, wenn alle Farben voll ausgeleuchtet sind, und wenn die blühende Natur um uns herum sich zeigt, anstatt sich vor Kälte und Lichtlosigkeit zu verkriechen. Später am Tag auf der Edmund-Graf-Hütte verstehen wir auch, warum heute so ein Sonntagswetter ist.
Anstieg zur Scharte in Serpentinen, sieht heftig aus, bringt uns aber schnell nach oben, wo beim Blick nach Norden hinter und unter Felsgraten Pettneus Häuser im Spielzeugformat auftauchen: Wir blicken hier 1500 m nach unten. Hier haben wir auch Einblick ins Malfonbachtal, sieht sehr idyllisch aus. Über Felsplatten und einen Grat queren wir zum Schmalzgrubensee, in dem sich kristallklar die Felsen mit ihren Rinnen, Spalten und Strukturen spiegeln. Aus einiger Entfernung könnte man bei diesem Licht vergessen, dass das da unten ein See ist, so naturgetreu ist das Bild. Wir machen Rast in voller Sonne, genießen die Wärme, dösen vor uns hin bis – ja, bis wir sozusagen die Engel im Himmel musizieren hören. Ganz leise hab ich da was im Ohr, mehr eine Ahnung von Musik, Manfred blickt irritiert umher, und als ich etwas ungläubig sage, ich höre Musik, aber nur ganz kaum, geht es ihm ebenso: Hier kommt Musik vom Himmel, die man mehr ahnt als hört. So stelle ich mir Kontakt zu den Jenseitigen vor, aber es muss doch einen diesseitigen Grund geben, oder sind wir dem Himmel zu nahe gekommen ? Offenbar kommt die Musik wie von einer Orgel gespielt von der Felswand gegenüber, die hinter dem See aufragt, durch die Schmalzgrube zu uns. Allmählich glauben uns, die wir hier Stimmen hören, auch die anderen, man hört jetzt etwas deutlicher, dass da etwas Musikalisches abläuft, also die himmlische Theorie erstmal verlassen werden kann. Dann glaubt man auch, eine Stimme zu vernehmen, und beim langsamen Weitergehen klärt sich das Ganze nicht als eine späte Wiederholung der alttestamentarischen Szene auf dem Sinai, sondern es ist nur die Stimme des Vorsitzenden der Sektion Niederelbe, der da anlässlich der 125-Jahr-Feier der Edmund-Graf-Hütte gut 400 m unter uns passende Worte findet. Tief unten sehen wir auf ein buntes Gewusel von Menschen, eine Blaskapelle, also keine Orgel, ist angetreten und bläst sich durch ihr Festtagsprogramm. Bruchstücke der aktuellen Rede wehen hoch zu uns, wir erfahren so, was unsere Sektion zum Jubiläum überreichen möchte, nun wissen wir auch das. Man muss am Berg eben nur die Ohren offen halten. An der gesamten Szenerie, der wir hier life und aus so großer Ferne beiwohnen, ist etwas Unwirkliches, wir sind fast dabei - aber doch irgendwie ganz weit weg.
Unter uns können wir den Weg durch das mit Schotter und großen Gesteinsbrocken bedeckte Hochtal verfolgen, im Abstieg erkennen wir die ersten Melodien, aber „Rosamunde“ wurde angeblich schon am Vortag gespielt. Kaffee und Kuchen, Holger wird auch hier schon wieder erkannt, wir prüfen das überreichte Geschenk, ein Buddelschiff – die „Rickmer Rickmers“ - auch das würde Gorch Fock interessieren.
Am sonnigen Spätnachmittag klingen die Restfeierlichkeiten ab, betagte Gäste dürfen mal mit der Materialseilbahn zu Tal fahren, Restgeplauder mit der Urbevölkerung über die ach so wortkargen Nordseeanrainer, die Promille verwirren einen älteren Herrn, der im Waschraum die Wasserrinne zweckentfremden will, mit offenem Hosenstall schafft er dann noch die Kurve ins Damenklo. Abends sind wir mit dem schwarzen Mann zusammen die einzigen Nachtgäste.
Montag, 20.09.2010: Edmund-Graf-Hütte – Hoher Riffler - Pettneu
Zwei wollen langsam absteigen, die restlichen Fünf laufen im noch sehr kühlen Sonnenschein über den Gras-Höhenrücken hinter der Hütte Richtung Riffler. Von oben sieht die Hütte heute fast verlassen aus, keine Musik, im kleinen Teich daneben dümpelt ein kleiner Kahn. Rechts hoch über uns zeigt sich auf dem Grat zunächst ein Steinbock, dann sind es gleich sieben, die offenbar hier ihre Frühstückswiese verspeisen. Am Berg schon ziemlich weit oben sehen wir den schwarzen Mann, auch später in der breiten, steilen Rinne kommen wir ihm nicht näher.
Wir gehen hier auf Schotter, der diesmal gut zu gehen ist, weil er noch fest gefroren am Boden haftet. Die Felsregion ist seilversichert, wenig anstrengend geht es dann auf den schneebedeckten Sattel, wo nach links der Weg zum kleinen Riffler abzweigt, rechts zum Greifen fast indiskret nah das Blankahorn und vor uns der Gipfel-Steinkegel des Hohen Rifflers, eigentlich ein Trümmergrundstück aus Großgestein, heute Morgen noch mit eingestreuten Schneeflecken.
Beim Aufstieg ist es stellenweise recht glatt und durchfroren, obwohl die Sonne jetzt etwas wärmt. Der schwarze Mann kommt schon zurück, benennt uns einige Berge, u. a. den Piz Bernina. Auf dem Gipfel stehen wir vor dem bodenlosen senkrechten Spalt, der uns vom nahen Nordgipfel trennt. Man kann auch dort hin, Haken zum Rüberseilen sind vorhanden, man muss nur wollen. Wir wollen nicht.
Der Rundblick ist überwältigend, alles, was Rang und Namen hat in der näheren und ferneren Umgebung, zeigt sich im wärmenden Sonnenschein, am schönsten ist vielleicht das immer noch sehr nahe Blankahorn. Und für unsere Statistik: In gemütlichen zweieinhalb Stunden haben wir die 760 Höhenmeter geschafft, das ergibt, geteilt durch unser Lebensalter und multipliziert mit unserem Bergoptimismus, einen kleinen Einblick in das, was wir uns noch vornehmen möchten.
Wg. der Kälte ist unser Dasein auf dem Gipfel nicht von großer Dauer, wir rasten unterhalb, auch weil einer von uns über die eigenen Beine stolpert und diese sortieren muss. Der schwarze Mann zeigt sich ein letztes Mal tief unten, wir genießen den Ausblick, dann Abstieg durch die immer noch gefrorene Rinne, oben – jetzt links von uns – zeigt sich ein Bocksgehörn, das offenbar weiterhin die Frühstückswiese bearbeitet.
Auf der Hütte gibt es die letzte Saisonsuppe von Edmung-Graf, wir waren hier in diesem Jahr die letzten Gäste, die Hütte wird von einer Handwerkerkolonne übernommen.
Abstieg in das Malfontal, das auch aus der Nähe seinen wilden Reiz behält, den man von hoch oben nur ahnen konnte. Einkehr auf der Malfonalm, wo der Rotwein eine Gruppe von Franzosen bereits auf die harten Holzbänke flach gelegt hat, der Rest versucht spritzend, sich mit eiskaltem Malfonbachwasser in die nüchterne Realität zurück zu holen.
Beim weiteren Abstieg sehen wir eindrucksvoll, was der jetzt fast friedliche Bach auch alles kann: Weggespülte Uferteile müssen bearbeitet werden, die Straße hat durch Wasser sehr gelitten, eine ganz neue Brücke wirft die Frage auf, wie lange sie denn wohl hält. Der Abend sieht uns wieder bei Leena und ihrer Wurst, die
Rückfahrt am Dienstag, 21.09.2010 führt uns an unsere eingefahrenen
P- und Rekreationsstellen entlang der Autobahn: Ellwangen, Kassel, Döhle.
Und die waren dabei: Holger, Christa und Uwe, Gundula, Manfred, Uwe und Mathias.
Mathias Rink







