Uwe geht nie mehr mit uns
Sonnabend, 27. 08. 2011
Morgens finden wir die Wäscheleine, quer durch den Schlafraum gespannt, zerrissen am Boden. Wir geben die Schuld den Schnarchern, zu denen nach näherer Analyse wohl alle gehören. Beim Blick aus dem Fenster sehen wir den Wettersalat, der uns seit Tagen als Wechsel angesagt wurde: Der Himmel ist bedeckt, Windböen jagen um die Hütte, kleine Regenschauer sorgen für Ungemütlichkeit. Uns tun die 28 aus der Steiermark leid, die extra für dieses Wochenende zur Venedigerbesteigung mit großem Equipment angereist sind: Sie werden den Berg heute zufrieden lassen müssen.
Unsere Tour von hier zur St. Pöltener Hütte erscheint möglich, für später am Nachmittag soll allerdings das Wetter eher schlechter werden, so ist die Ansage. Wir starten daher vorzeitig, verärgert durch einen kleinen Streit mit dem Hüttenwirt, der uns trotz unserer gebuchten Halbpension mit zusätzlichen Brotscheiben für unterwegs nicht unterstützen möchte. Dann eben nicht !
Abstieg zur Alten Prager Hütte, die schnell erreicht ist. Der Regen zwingt uns aber schon nach den ersten 100 Metern direkt unter der Hütte zum Regenponcho-Antakeln, was einige nur halbherzig betreiben, weil es eigentlich ziemlich warm ist. Musste uns das stutzig machen ? Jedenfalls sind einige von uns bald wieder ohne Regenschutz, Gerhard ist so einer, der sich heute Morgen dauernd aus- und anzieht und meint, er möchte sich die echt dichten Klamotten erst anziehen, wenn es sich auch wirklich lohnt. All diese Ungewöhnlichkeiten trugen später dazu bei, dass wir große Mühe hatten, zur rechten Zeit die richtige Kleidung schon angezogen zu haben, weil das dann fast unmöglich wurde.
Der Venediger Höhenweg
führt uns in weitem Bogen an den Viltragenbach, zu dem wir leicht kletternd fast 300 Höhenmeter absteigen müssen, um die stabile Bretterbrücke zu erreichen. Ein einzelner Wanderer kommt uns entgegen, geht nur im kurzen Hemd, trieft von oben bis unten vor Nässe, fragt aber etwas scheinheilig, warum einige von uns so regenmäßig overdressed seien.
Beim Wiederanstieg auf der anderen Bachseite geben wir ihm an sich Recht, weil es hier sehr mühsam über große Felsstufen die gerade verlorenen 300 Meter wieder hochgeht. Oben kocht alles an uns, Gerhard packt schon wieder was ein und meint, es solle erst mal ungemütlich werden, aber so wäre das noch nichts fürs Regenzeug.
Wir warten auf einer kleinen Hochebene neben der gelben Markierung für den Fürther Weg auf Günther mit Christa und Uwe, die drei gehen traditionsgemäß wieder als letzte ihr eigenes Tempo und tauchen auch bald aus dem Bachtal auf. Uwe geht als letzter, ich denke noch, dass er mit seinem olivgrünen Poncho von hier oben ein wenig wie ein wandelnder Fels aussieht, der das regnerische Wetter an sich abprallen lässt. Kurze Rast mit hastigem Abbeißen vom wenigen Brot, das einige dem Hüttenwirt doch noch ablisten konnten.
Dann müssen wir aber weiter, das Wetter ist sowieso zum Rasten viel zu ungemütlich. Immer noch ist es recht warm, die Sicht unter aufgewühltem Himmel gut. Weit vorn sehen wir Elke und unseren Spitzen-Uwe, der immer vorn geht und überhaupt - diese Bezeichnung „passt scho“. Es geht jetzt auf 2400 m Höhe lange und fast eben geradeaus nach Osten, immer unterhalb des fast 600 m höheren Grates zwischen Seekogel und Tauernkogel, den wir dann aber nicht mehr erkennen können, weil wir plötzlich im Nebel stehen. Silke findet nach einer kleinen, aber notwendigen Extratour nur durch Zuruf zur Gruppe zurück. Leichte Hagelschauer ärgern uns, die aber dann sehr bald begleitet werden von Blitz und Donner, und wir sehen erst jetzt, wenn der Nebel mal kurz aufreißt, dass die schwarzen Wolken, die sehr plötzlich drohend über den Kamm schwappen, ein Gewitter unmittelbar auf uns zusteuern. Die Sicht geht rasch unter 50 m, dann steigert sich der schon ungemütliche Hagel zu einem Inferno, das wir so alle noch nie erlebt haben. Wer jetzt nicht schon seine Schutzkleidung trägt, ist schnell bis auf die Haut nass, wer jetzt in seinem Rucksack nach warmer Kleidung oder Handschuhen suchen muss, darf zusehen, wie dieser wie aus einer riesigen Streudose mit Hagelkörnern gefüllt wird. Die Stiefel stehen auf dem schmalen Weg im Nu in einer schmelzenden Hagelschicht im zentimetertiefen Wasser. Als sich die Intensität der niederprasselnden Eisgeschosse noch einmal steigert, müssen wir unter einer wenig schützenden Felswand zusammen gekrümmt wie Schafe kurz stehen bleiben, weil die Hagelkörner durch den peitschenden Wind unerträglich im Gesicht schmerzen. Die Temperatur stürzt vermutlich um 15, vielleicht sogar 20° und wird jetzt um Null liegen.
Die Hände sind in den durchnässten Handschuhen sofort eiskalt, aus den Wasserstiefeln wird ebenfalls ungemütliche Kälte gemeldet: Hier kann man so nicht lange stehen bleiben oder man friert fest bzw. erstarrt. Unser Sprechen wird durch die eiskalten Lippen und Wangen kloßig und unverständlicher, ich merke, wie ich mich nur mühsam artikulieren kann.
Holger sammelt die Frierenden zum Weitermarsch in Richtung St. Pöltener Hütte, zieht mit der Hauptgruppe los, ich sehe sie schräg den Hang hinauf steigen, alle schwer kämpfend, jeder mit sich selbst vollauf beschäftigt, keiner blickt zurück.
Hanna – völlig nass – hat es doch geschafft, fünfzig Meter hinter Gundula und mir, sich trockene Sachen und Regenzeug anzuziehen, kann dann zügig an uns vorbei gehen und nähert sich rasch dem Haupttrupp. Sie biegt als letzte um einen Felsbuckel, dann sind wir allein, allerdings gut unterhalten durch ein rasendes Gewitter, das offenbar vor Energie nicht recht weiß, wohin es zuerst seine Blitze schleudern soll. Gundula gelingt es mit Mühe, ihre Fleecejacke einigermaßen trocken unter den Regenanzug zu ziehen, sie sagt aber, sie sei kräftemäßig völlig am Ende und immer noch sehr nass. Das verspricht nichts Gutes.
In dem Gewitter, das weiterhin mit ungebremster Heftigkeit unmittelbar über unseren Köpfen tobt, hat Holger jedenfalls noch mitbekommen, dass wir hier zu Zweit zusammen bleiben, von unseren drei Nachzüglern können wir allerdings nichts sehen, die Sicht liegt weiterhin eher unter 50 m, aus dem Hagelschütten ist unmerklich ein peitschender Schneesturm geworden.
Warten im eiskalten Wind geht nicht, wir ziehen also los in der Hoffnung, dass wir die Hütte noch mit unseren verbleibenden Kräften erreichen. Nach der kurzen Pause im Stehen kommen wir im tiefen Hagelmatsch ein wenig vorwärts, ich bin aber doch erschrocken, als ich mir klar mache, dass wir bei dem langsamen Tempo die anderen nicht mehr einholen werden, und dass wir sie bei dem jetzt tobenden Schneesturm auch nicht mehr sehen werden. Das bedeutet, hier laufen wir zwei allein auf uns gestellt, und hinter uns sind die drei ebenso auf sich selbst angewiesen. Ich gehe vor, um das Tempo etwas zu beschleunigen, meine Begleiterin kann aber nicht mithalten, hat Angst, ich würde ihr weglaufen. Wenn sie dann vorgeht, treten wir fast auf der Stelle. Der Stockeinsatz fällt ihr auf den verschneiten schrägen Steinplatten sehr schwer, immer wieder rutschen die Spitzen ab, und sie wird einige Male zu Boden geschleudert. Dann wieder verfängt sich ein Stock in einer Steinspalte, überhaupt nicht kompliziert, aber sie kann wegen ihrer allgemeinen Erschöpfung nicht mehr richtig reagieren, so dass ich den Stock befreien muss. Ich gehe jetzt direkt hinter ihr, lenke den Stockeinsatz manchmal mit meinen Händen, damit sie auf den Beinen bleibt und nicht wieder hinfällt. Einige Male kann ich sie auch an ihrem Rucksack festhalten und so vorm Hinstürzen bewahren. Ihre Sprache wird immer langsamer und kloßiger, sie meint, sie könne mich schlecht sehen und hören, und auch meine Sprache ist nur noch ein mühsames Formen von Silben. Lippen und Wangen kann ich nicht mehr gut spüren: Fangen so Gesichtserfrierungen an ? Ich prüfe meine Füße: Trotz der Nässe, da ist noch alles gefühlvoll.
Zum Glück sind die Markierungen auf diesen Felsblöcken trotz des heftigen Schneefalls noch zu finden, Gundula beteiligt sich zeitweilig sogar am Suchen, wir kratzen auch rotweiße Flecken frei, für die drei hinter uns oder für uns selbst, falls wir hierher zurückmüssen. Auf dem Weg sehen wir von unserer vorangegangenen Gruppe keine Spuren mehr, diese werden fast augenblicklich vom Schnee bedeckt.
Auf dem auslaufenden Grat des Fechtebenkogels ist der Weg durch mehrere kleine Obeliske markiert, hier sind wir sehr hoch im Gelände - und dem Gewitter dadurch besonders ausgeliefert. Nach hinten sehen wir weiterhin keine Dreiergruppe, obwohl wir nur ganz langsam vorankommen, und die drei doch vielleicht aufholen und uns helfen können. Und von vorn packt uns der Wind unglaublich unbarmherzig, der offenbar hier ganz oben im Tauernbachtal so richtig Anlauf nehmen kann. Ich wundere mich, dass Gundula nicht einfach umgeblasen wird. Aber sie steht, muss hinter der Kurve sogar im Zickzack leicht absteigen, rutscht aber auf glatten Steinen aus, rappelt sich wieder auf, klagt nicht, lässt mich vorgehen, hat aber wieder die Angst, ich würde weglaufen, auch weil sie jetzt offenbar nur noch wenige Meter weit sehen kann.
So kommen wir nicht mehr weit, bis zur Hütte wird es nicht reichen. Der Wind tut ein Übriges, ist hier etwas tiefer im Gelände auch immer noch äußerst unangenehm. Ich suche jedenfalls nach einem Windschutz, wo Gundula bleiben kann, die zunehmend wegen der Anstrengung über Luftnot klagt. Ich sage ihr Bescheid, dass ich jetzt laut rufen werde, falls uns jemand sucht. Nach meinem ersten lauten „Hallo“ ihre Frage: Warum rufst Du so laut ? Ich denke noch, dass ich hier ungefragt für zwei entscheiden muss, sie kann mir bei Überlegungen, wo und wie überhaupt wir hier rauskommen sollen, nicht mehr helfen.
Auf alle Rufe kommt kein Echo, ich hatte das allerdings auch nicht wirklich erwartet und höre damit auf, auch weil Gundula immer wieder nach dem Sinn meines Hallotri fragt. Der eisige Wind macht mir allmählich doch zu schaffen, weil wir uns nicht entsprechend heftig bewegen können, obwohl ich mit Gundula schon von Anfang an verabredet habe, dass wir auf der Stelle trampeln müssten, auch wenn wir uns mal ausruhen. Das hat sie dann sehr konsequent gemacht oder jedenfalls versucht. Mehrfach erinnert sie mich durch ihre schwachen Trampler wieder daran, dass ich mitmachen muss.
Wir können immer leicht den Weg finden, die Markierungen freilegen, sehen aber vor uns, neben uns, hinter uns nur Schneetreiben. Das Gewitter ist zum vergessenen Problem geworden, es tobt jetzt schon seit vielleicht mehr als zwei Stunden über uns, wir haben aber anderes zu tun und sind tatsächlich durch unser mühsames Vorwärtstapern voll abgelenkt. Einmal sehe ich an Gundulas rechtem Stock unten am Teller einen kleinen Feuerschein, dann eine Flamme, die sich züngelnd im Schnee verliert und denke: Jetzt fällt sie um. Aber nichts dergleichen, sie hat nichts bemerkt, nichts gesehen. Ich zweifle an meiner Wahrnehmung. Sicherlich sind wir hier auf 2400 m Höhe Teil des Gewitters und irgendwie aufgeladen, aber die Blitze verschonen uns. Gundula wird später erzählen, sie hätte ganz sicher gewusst, dass uns beiden bei dem Ganzen nichts passieren würde. Aber wie konnte sie das ahnen ?
Wir sind an einem Felsen
fünf Meter über uns am Steilhang vorbei gelaufen, dem einzig erreichbaren Schutz weit und breit, wo sie aus dem Wind heraus sein könnte. Ich zweifle, ob Gundula dort noch hochsteigen kann, aber wir müssen es versuchen. Und es geht: Mit Schieben, Fragen: Warum soll ich denn da hoch ?, Anfeuern und schwer atmend kommen wir beide oben an, auch hier kann man sich auf der Schräge kaum halten, aber ein großer Stein und der Rucksack stützen die Füße gegen das Abrutschen, sie wird in den Biwaksack verpackt, fragt auch hier trotz Erklärung, warum sie da hinein soll, manchmal ist es mit ihr nicht ohne Komik. Aber, endlich im Sack, fühlt sie sich besser, der Wind ist hier hinter dem Felsen fast weg, und sie ist einverstanden, dass ich losgehe, um die Hütte zu suchen.
Wir hören später, dass Günther, Christa und Uwe offenbar ganz gut aufgeholt haben und nicht weit von uns entfernt waren, als Christa plötzlich im Blickwinkel hinter sich etwas den Hang runter kullern sah, und das ging wohl sehr rasch vor sich. Uwe ist offenbar, ohne einen Laut von sich zu geben, vom Weg abgerutscht und einfach in der Tiefe verschwunden. Die beiden versuchten noch, von einem anderen Punkt des Weges mit einem Blick in die Tiefe nach ihm zu sehen, vergeblich, Uwe war auch von dort aus nicht zu entdecken. Günther rief daraufhin die Bergwacht an, die offenbar sofort einen Rettungstrupp organisierte und den St. Pöltener Hüttenwirt bat, Günther und Christa, und damit auch uns entgegen zu kommen.
Er habe sich sehr beeilt, sagt er mir, als er etwa 500m von Gundula entfernt plötzlich im dichten Schneetreiben vor mir auftaucht. Mein Gefühl bei dieser Begegnung kann man sich vielleicht vorstellen. Ich wusste allerdings noch nichts von Uwes Absturz.
Zunächst wurde der Hubschrauber für Gundula organisiert, dann sollte auch ich ausgeflogen werden, Günther und Christa waren die nächsten. Günther bezeichnete den Rettern unten im Matreier Tauernhaus noch einmal genau die Stelle, wo Uwe uns verlassen hatte. Er konnte nur tot geborgen werden.
Bleibt noch zu berichten, dass unsere Hauptgruppe von neun Leuten die Hütte ohne große Probleme erreichen konnte, alle aber reichlich erschöpft waren. Nach der Erstbeschimpfung zur Begrüßung durch den Hüttenwirt wurde jeder mühsam aus seinen nassen Sachen befreit, die Hüttengastronomie half dann rasch bei der Wiedererweckung der Lebensgeister.
Nach Günthers Alarmruf an die Bergwacht ging der Wirt sofort los und verpflichtete alle, die die Hütte glücklich erreicht hatten, diese auf keinen Fall wieder zu verlassen, um bei der Rettung der noch Fehlenden mit zu helfen. Er traf uns nach einem Schnellabstieg in unsere Richtung etwa eine halbe Stunde später und wollte zunächst wissen, ob wir die Abgestürzten seien.
Es war für die Hubschrauberbesatzung nicht einfach, uns im Schneesturm zu sehen. Wie der Pilot mir später sagte, war der rote Poncho und auch das Orange des Biwaksackes das Einzige, was er nach einem ersten vergeblichen Anflug der bezeichneten Stelle als Auffälligkeit im schwarzweißen Gelände entdecken konnte.
Ein Dank sei hier noch mal an alle Beteiligten gerichtet, die sich im Gewitter und vor allem bei völlig eingeschränkter Sicht zu Fuß und per Hubschrauber um unsere Rettung bemüht haben.
Matthias Rink












