Auf dem Stubaier Höhenweg vom 17.07. - 01.08.2010

Freitag, 16. 07.2010
Anreise nach Kampl bei Neustift im Stubaital

Ein Frauentaxi, ein Männerauto, alles schön separat, wir wissen, was sich gehört. Tief im Bayrischen sehen wir den Säuling (s. 2009) mal von unten. Vor Füssen lässt uns Holgers Navi off-road über grünliches Niemandsland fahren, obwohl wir uns auf einer nagelneuen Autobahn befinden. In Füssen Treffen mit Rita und Heike (s. auch 2009), Hermann besucht grad das Spital. Kampl sieht uns bald beim Kaffeeklatsch mit Uwe, dem Wahlbayern aus HH, wir sehen, dass durch dieses Tal die oder der Ruetz fließt, nicht der Stubach. Abends geht’s dann schon mit Damen, die inzwischen eingetroffen sind, zum Waldhauswirt, wo man unsere Gruppe nach drei Jahren sofort wiedererkennt: Damals hatte die Wandergruppe N ja den Stubaier Höhenweg auskundschaftet, heuer befinden wir uns sozusagen auf einer Revival-Tour. Zum Dessert serviert uns die resolute Wirtin noch eine eindringliche Unwetterwarnung mit ernstem Ton: Radio Österreich möchte, dass morgen alle Stubaier spätestens ab vierzehn Uhr auf einer Hütte angekommen sind.

Sonnabend, 17. 07. 2010    
Kampl – Kreuzjochbahn – Hoher Burgstall – Starkenburger Hütte

Draußen ist noch Hitzewelle, Schlafen bei offener Balkontür. Alle sind morgens rechtzeitig, das Thema „pünktlich sein“ wird grundsatzphilosophisch auf nur niedrigem Niveau angesprochen, da waren wir schon mal weiter. Der Bus fährt zeitlich genau wie vor drei Jahren nach Fulpmes zur Talstation der Kreuzjochbahn. Aus der Gondel sehen wir bald nicht mehr viel, weil wir schnell in den Wolken sind, landen in Watte auf dem Kreuzjoch, die Sonne markiert aber schon einzelne helle Flecken auf umliegende Felswände, Gipfel gibt es um diese Stunde noch nicht.

Eine Gruppe kommt uns entgegen, die vermutlich sehr früh auf unserer Zielhütte losgegangen ist. Weil man sonst noch nichts sieht, wurde hier für uns ein Alpenblumen-Lehrpfad angelegt, solche Pracht hat uns im Norden doch gefehlt; beim Weitergehen gewöhnen wir uns leider zu schnell an diese Schönheiten am Weg.

Anstieg durch felsige Wiesenhänge, die Sicht bleibt beschränkt. Der Niedere Burgstall lockt uns nah am Weg, bietet aber nur ein kurzes Vergnügen ohne Rucksack. Sein Hoher Namensbruder sieht von seinem Felsturm auf uns herab, die wir unterhalb auf dem Serpentinenweg mit dem sehr lockeren Schotter kämpfen. Über eine kurze, Metall bestückte Kletterstrecke erreichen wir das Gipfelkreuz, das vom Designer mehr als Sonne denn als Kreuz entworfen wurde. Blick ins inzwischen besonnte Oberbergtal, die umliegenden Gipfel halten sich weiterhin bedeckt.

Und Blick auch auf die Starkenburger Hütte, die sich rund 400 m unter uns mit vielen freien Tischen und Bänken auf der Terrasse präsentiert. Wir mühen uns über größere Strecken auf schotterbestreuten Wegen nach unten und sind pünktlich vor dem angesagten Gewittereintreff in der Hütte.

Nicht pünktlich ist das Unwetter, es will nachmittags nicht recht zu Potte kommen, grummelt aber schon mit viel Imponiergehabe rundum. In der Hütte dann der erste „Notfall“ auf dieser Tour, als Günther beim Schachspiel den Läufer unter den Tisch kegelt, und dieser – der Läufer – nur unter Einsatz einer Stirnlampe wieder auf die rechte Bahn gebracht werden kann.

Zwei Hunde haben ihre beiden Führerinnen in der Hütte abgegeben, liegen selbst vor der Tür und sind weder durch aufdringliche Alpinisten noch durch das Donnergrollen aus der Ruhe zu bringen.

Sonntag, 18. 07. 2010 
Starkenburger Hütte - Schlicker Seespitze – Starkenburger Hütte

Nachts tobt sich das angesagte Unwetter über uns aus, die Tür rüttelt heftig an ihrem Rahmen, wir fühlen uns fast wie an Bord eines Schiffes. Uwe schlägt von sich aus vor, doch mal das Fenster zu schließen. Das hatten wir noch nie!

Morgens Nebel rundum, diskretes Nieseln, aber – Gipfel muss sein: Heute ist die offenbar nicht so häufig begangene Schlicker Seespitze dran; der Wirt hat vor gefährlichen Abstürzen gewarnt, grad auch bei Nässe. Unsere Leitung will trotzdem hoch, wir sind dabei, lassen allerdings Roswitha im Lazarett.

Auf diesem Weg gehen heute alle, lassen den Gipfel aber aus und wollen direkt zur Franz-Senn-Hütte. Die Starkenburger Hütte verschwindet rasch im Nebel, auf dem Saumpfad unterhalb der beiden Burgställe von gestern sehen wir wenig, aber immerhin tropfnasse Blumenkissen als Farbtupfer im Grau. Tief unter uns auf den Bergwiesen über dem Oberbergtal tauchen zwischen den Nebelschwaden viele Schafe auf, die rund um ihren aus Feldsteinen errichteten Korral (für die Nächte?) das Gras bearbeiten. Ein Hund macht da unten ein wenig Ärger; wir halten auf dem etwas einsilbigen Weg nach Gämsen Ausschau, aber heute am Sonntag ist in der Hinsicht nichts los. Wir werden überholt von den beiden Hundewanderinnen, die schwer bepackt von ihren eifrig ziehenden Tieren vorwärts getrieben werden, eine Art Huskytrip ohne Schnee und Schlitten.

Auf dem Seejöchl – immer noch auf dem Weg zur FS-Hütte – Abschied von einer größeren Familiengruppe, deren Hauptträger nachfolgt mit seinem 30 kg-Rucksack; in seiner Last soll sich u. a. auch eine kapitale Melone befinden. Er outet sich als Marathonist, also braucht er's so.

Für uns fängt jetzt eine sehr anstrengende Strecke an, dieser Berg ist unglaublich zerschottert, entsprechend sind die „Wege“ im Anstieg, rutschig wg. des feinen Schotters, dabei steil -  wir schätzen um 50 °C - , sodass wir viele Schritte doppelt gehen müssen. Kletterstellen, die durch Brüchigkeit und Kippeln auch recht großer Brocken auf sich aufmerksam machen, dieser Berg hat seine besten zehntausend Jahre hinter sich und baut ab. Hier kann man klettertechnisch seriös aussehende  Felsteile zwischen den Händen zerbrechen, auch ohne Karatekenntnisse. Entsprechend vorsichtig arbeiten wir uns nach oben. Trotz aller Vorsicht lässt sich das Lostreten von Geröll nicht immer vermeiden, und wir müssen unsere Technik, in der Gruppe zu klettern, entsprechend anpassen. Das Klettern wird auch nicht einfacher, je höher wir kommen, wir denken an die Warnung des Wirtes, ganz Unrecht hatte er nicht. Kurz unter dem Gipfel hat dann noch mal der Schlosser mit Steighaken nachgeholfen, sonst hätten wir wohl doch ein Problem bekommen.

Alfonsa hat wie immer einen passenden Gipfelspruch bereit, wir überlegen währenddessen, wie lange solche Gipfelbücher von den Sektionen eigentlich aufbewahrt werden. Unsere Meinungen darüber schwanken zwischen sofortiger Verbrennung und der Aufbewahrung über zumindest 1000 Jahre. Was für Ewigkeitsfragen doch so am Berg aufkommen!

Das Gipfel“massiv“ ist wie der gesamte Berg in Zerfall begriffen, das Kreuz so mit Beton eingemauert, dass dadurch gleichzeitig die obersten Gipfelbrocken zusammengehalten werden. Wie lange geht das noch gut ? Ganz geheuer ist es uns hier oben nicht, da steht ein Umbruch bevor; jedenfalls verzichten wir lieber auf  weitere „Materialprüfungen“.

Nur kurze Rast wg. des kühlen Windes, Aussicht gleich Null, aber es soll hier sehr schöne Ausblicke geben. Die rote Markierung ist wieder sehr hilfreich, um heil aus diesem Steinbruch herauszukommen. Noch einmal gibt es Probleme mit selbst ausgelöstem Steinschlag, zum Glück sind wir heute an diesem Berg die einzige Gruppe, die hier herumbröselt.

Bald sind wir zurück auf dem Seejöchl, gehen diskret benieselt zur Hütte und widmen uns dem Angebot der Woche: Spinatknödel. Leider bringen diese unsere Kranke auch nicht wieder zu Kräften, sie muss absteigen.

Ganz frühes Wecken

Montag, 19. 07. 2010
Starkenburger Hütte – Schlicker Seespitze – Seduckeralm – Franz-Senn-Hütte

Ganz frühes Wecken, trotzdem sind schon die Gegenüber-Stubaier im rötlichen Sonnenaufgangslicht in Agfacolor angetreten: Ein umwerfender Blick aus dem Hüttenbett. Kaum Dunst, letzte Wolkenstreifen, jedenfalls reißt es alle aus den Betten. Kühle Morgenluft – so um 6° - im Anstieg zum Seejöchl, die Blumen und Gräser tragen schwer an ihrem Tauschleier. Wir gehen wieder unter den Burgstallern durch, mehrere Gruppen sind vom Anblick begeistert wie wir, und trotz der Kühle kann Günther im Kurzarmhemd weitersteigen.

Kurze Rast  unter der Marchsäule. Im Gegensatz zu gestern stehen hier heute überall Schafe rum inclusive dem berühmten Schwarzen, wilderes Berggetier will sich aber nicht zeigen; dazu ist aber auch zu viel los auf diesem Weg, den fast alle heute zur Franz-Senn-Hütte gehen.

Allmählich hat sich mit dem Morgenrot auch die gute Sicht verflüchtigt, wir gehen lange in den Wolken, stehen dann etwas überrascht vor der Seduckalm. Der Tisch draußen unter dem Fenster ist frei, die heiße Suppe wird hier heraus gereicht, das Radler auch. Bei der Klosuche umrunden wir die Hütte und sehen zu unserem Erstaunen, dass man hier auch übernachten kann. Angenehme Erinnerungen an die Ganalm und ihre Besonderheiten oberhalb des Vomper Lochs im Karwendel werden geweckt (s. 2008).

Der Weg zieht sich gut 500 m über derTalsohle am Südhang des Oberbergtales durch die Almwiesen. Je tiefer wir ins Tal vordringen, desto vielfältiger werden die Blumen, wir beschließen wieder einmal, endlich ein Alpenblumenbuch mit zu schleppen. An Wasser fehlt es den Pflanzen nicht, wir queren mehrere kleine, aber tief eingeschnittene Bachbetten.

Die FSH sehen wir ab dem frühen Nachmittag bei aufklarender Sicht schnell näher kommen; wir finden sie dann unmittelbar an einem sehr reißenden Bach, dem Alpeiner Bach, der sich mit  erdreichem grauen Wasser direkt neben der Hütte eine Art Canyon gegraben hat. Wer da hinein gerät . . .

Die Hütte ist groß, unterm Schrägdach können allein einhundert Leute lagern, überall eifrige, fröhliche  Kinder, Klettern übende Kleingruppen im Haus, vor der Tür und in den nahen Felsen, hier ist echt was los. Die jüngeren Kinder sind mit „Fotografieren“ beschäftigt, haben allein heute schon über 100 Webcambilder von sich selbst vor der Hütte geschossen, die sie sich dann begeistert im Haus am Computer ansehen. Was für eine gediegene alpine Aktivität, die werden wir auch nutzen!

Dienstag, 20. 07. 2010   
Franz-Senn-Hütte – Rinnenspitze – Franz-Senn-Hütte

Heute wollen wir mit kleinem Gepäck auf die Rinnenspitze, das Wetter ist ideal, die Besatzung vollständig. Von der Hütte geht der Anstieg steil über die Wiesen von gestern, die Blumen stehen immer noch da. Die Rundumsicht ist völlig klar, unser Gipfel schaut nur mit seiner Spitze über den Anstiegshang. Von oben blicken wir auf den Bach, der in vielen Verzweigungen durchs Tal und an der Hütte vorbei fließt, immer noch mit reichlich Wasser gefüllt vom offensichtlich sterbenden Alpeiner Ferner unterhalb der talbegrenzenden Gipfelkette.

Wir erreichen hinter einem Absatz eine kleine steinübersäte Hochebene, der Blick auf die Rinnenspitze ist endlich ganz frei. Diese scheint sehr beliebt zu sein und wird offenbar gern besucht, weit verstreut über den Anstiegsweg sehen wir paarweise Wanderer, unterhalb des Gipfels wird eine absteigende Gruppe gesichtet, wir mögen es kaum glauben, dass jetzt um halb Zehn schon die ersten Leute oben waren. Später merken wir, dass diese Gruppe nicht recht voran kommt, und noch später, dass es sich nur um eine Einbildung handelte, diese „Gruppe“ wurde von Farbphänomenen im Fels vorgetäuscht (zum Frühstück gab es übrigens nur den normalen Kaffee und auch nichts „im Tee“).

Der Anstieg bringt uns in die Felsregion, es geht hier ganz locker und schnell voran, die Atmung klingt allerdings auch entsprechend forciert. Wir sind schon auf der Höhe der Gletscher, die unserem reißenden Hüttenbach so viel Power geben, die aber doch recht grau und zerschunden in der brennenden Sonne von kühleren Zeiten träumen. Zweimal werden wir von Schnellwanderern überholt, die gepäckfrei auf der Suche nach ihrer Kondition vorbei dürfen; trotzdem, auch solche Leute haben noch Luft für einen kleinen Wortwechsel.

Ernst wird es am Beginn der Gipfelversicherung, hier in Form ganz neuer, noch nicht splitternder Stahlseile, die einen enorm Vertrauen erweckenden Eindruck machen. Die alten Knotenseile sind noch nicht abgeräumt worden, liegen auf Abruf. Mit dieser Hilfe lässt es sich lustvoll steigen, ausgesetzte Stellen verlieren ihre Schrecken, trotzdem muss jeder die für seinen Geschmack und seine Fähigkeit entsprechende Technik herausfinden, um Kraft sparend und flott Höhe zu gewinnen. Dabei kommt der Blick auf die Landschaft da unten, die immer grandioser wird, je höher wir steigen, natürlich zu kurz, aber aufpassen sollte man schon. Trotzdem - dieser Berg ist, verglichen mit der Schlicker Seespitze, voller Stabilität, nichts bricht ab, nichts will herabkullern, so wünscht man sich den Idealgipfel.

Und wir schaffen es alle nach oben, wieder mit dem schicken Gipfeldurchschnittsalter von ganz knapp unter Siebzig. Ich denke, dass dieser Umstand den jüngeren Bergleuten, die uns gern mal überholen, vor Augen führt, dass – wenn sie denn wollen – noch ziemlich lange da oben rumkraxeln können. Trotzdem sind wir hier rundum, auch auf den Hütten, eine absolute Seniorenfraktion im Vergleich zu den viel Jüngeren, die sich durchaus interessiert zeigen an den Aktivitäten dieses unseres Altenvereins.

Aber wir sind ja noch nicht mal auf dem Gipfel! An den Seilen Einzelwanderer von oben, von unten, dann ist es geschafft. Alfonsa weiß schon wieder einen Gipfelspruch und ist allein schon darum unverzichtbar für die Gruppe. Wir finden ganz oben für alle einen Spitzenplatz, Günther macht sich allerdings zu breit und erklärt, um davon abzulenken, die Landschaft. Die Gletscher sehen einfach traurig aus, dabei ist noch nicht einmal September, also Ende der Abschmelzsaison. Graue aufgeplatzte Oberflächen mit tiefen Rinnen, wohl durch abgefahrene Riesengesteinsbrocken entstanden, gehen in Gletscherwasserauffangbäche über; man sieht an den Schmirgelflächen der seitlichen Felswände, wie mächtig und viel tiefer talwärts reibend die Gletscherzungen früher gewesen sein müssen.

Im Moment können wir das allerdings kaum ändern, außerdem quälen uns Hunger und Durst. Kleine Fotostrecke, auch mit einem Pärchen, das bald absteigen muss. Sonnendösen, Wege-für-morgen-Suchen mit einem gebürtigen Stubajenser – beim Rundblick grüßt sogar unsere Hütte von allerdings sehr tief unten. Wieder scheint niemand Lust zum Abstieg zu haben, das hatten wir doch schon auf einigen Gipfeln, jedenfalls wenn die Sonne so freundlich war wie hier.

Erst als zwei „Neue“ im Gipfelclub auftauchen, wollen wir Platz machen. Einer der beiden kommt voller Enthusiasmus und mit letzter Luft aus dem Seil gekrochen, unverkennbar als Sachse auf dieser Höhe, unterwegs und erzählt – wieder bei Luft – wie sehr er sich das gewünscht hat: Einmal im Leben über 3000 m hoch zu sein. Die Rinnenspitze ist gerade mal drei Meter höher, aber jetzt hat er das geschafft. Wir gratulieren, steigen aber doch endlich mal ab. Und auch in dieser Richtung ist die Verseilung Spitze, nimmt einem nicht die Lust am Trittsuchen und Ausprobieren, wie man am besten wieder runter kommt.

Noch eine ausgiebige Rast wg. unglaublicher Sonne mit entsprechendem Himmel am Rinnensee, ein grünes Eiskaltgewässer mit Halbinsel, der Rinnsel. Sonnenbaden, Fußbaden, ein geschwollener Knöchel empfängt dadurch entscheidende Besserungsimpulse.

Der Abstieg sieht uns bald wieder weit oberhalb der FSH, dann geht es mit Hüttenvorfreude durch die Wiesen an den Tresen. Wir versuchen vor der Webcam unser Glück mit einer Gratulation zu einem fernen Geburtstag, hoffentlich kommt's an. Abends Lektüre in einem hütteneigenen Buch über Franz Senn, offenbar ein visionärer Wegbereiter für Alpinismus und Tourismus, um seinen Landsleuten das materielle Überleben zu ermöglichen.

Mittwoch, 21. 07. 2010 
Franz-Senn-Hütte – Schrimmennieder – Bassler – Neue Regensburger Hütte

Je länger man sich hier im Haus umsieht, desto größer wird es. Frühstück heute mal in der Dr. Krall-Stube.

Wir gehen lange durch Wiesen quer zum Hang, die Sonne gewinnt rasch an Stärke, und wir freuen uns, als sie endlich hinterm Berg verschwindet. In großen Abständen laufen hier kleine Gruppen, ein paar Leute davon lernen wir näher kennen, weil sie ein Stück weit mit uns gehen, um auf eine Nachzüglerin zu warten. Wir rasten, sie gehen weiter; auf dieser Höhe liegen nah beieinander mehrere flache Tümpel, und an wiederum denen hat sich gerade die Nachzüglerin, die später Elke heißt, etwas einsam zum Frühstück gesetzt. Es stellt sich heraus, dass sie nicht besonders glücklich ist über das Tempo, das ihre Mitwanderer vorlegen und ihr, die sie zum ersten Mal in den Alpen ist, einfach weglaufen. Das finden wir auch nicht gerade angemessen in dieser Umgebung. Jedenfalls mag sie mit uns weitergehen, über Strecken mit Felsbrocken im Wechsel mit regelrecht klingendem Schotter, der offenbar beim Drübergehen in hörbare Schwingungen versetzt wird.

Der Weg zieht nach rechts hoch zur Schrimmennieder; ein Teil von uns geht auf den Bassler, wo wir uns freuen, dass wir zwar unsere Rucksäcke unten gelassen, dafür aber unsere Trittsicherheit und  die  Schwindelfreiheit mitgenommen haben: Der  Anstieg ist so schräg und rutschig am Ausgesetzten, dass man gerade noch ohne Sicherung gehen mag. Die Sicht ist hier unglaublich, Günther zeigt uns das Zuckerhütl, das über einen beeindruckenden Gletscher aufragt, und der Habicht lockt natürlich auch mal wieder.

Quer über die Breite der Schrimmennieder liegt eine Schneewechte, dahinter hockt eine spielende Kindergruppe wie hinter einer großen Wasserwelle.

Vorm Abstieg haben wir die Neue Regensburger Hütte schon kurz gesehen, auch den Falbesonbach. Dann steigen wir unterhalb der Kinderwechte in einer breiten Rinne ab,  sehen die Hütte wieder nach Überquerung eines lang gezogenen, flach ansteigenden Erdwalls, über dem in dem plötzlich ganz heftigen Aufwind ein Dohlenclub sehenswerte Segelmanöver zeigt. In der Hütte sehen wir einige bekannte Gesichter, die in diesen Tagen wie wir auf dem Stubaier Höhenweg unterwegs sind, Elke sieht ebenfalls bekannte Leute, die sich mit ihr zusammen wohl eine Gruppe nennen wollten. . .

Die NRH überfällt uns schon beim Eintritt mit ihrer Atmosphäre, zeigt viel Holz, das Interieur ist alt, unsere Zimmer puppenklein, eine Minileine ergänzt die Kleiderhaken, im Keller lädt die Dusche zum Zweikampf ein, jedenfalls Joachim. Wir hocken träge auf der Sonnenterrasse, sie, die Sonne, sticht zunehmend, abends geht wohl ein heftiges Gewitter nieder, das wir aber wg. einer sehr fröhlichen italienischen Gruppe im Hüttenraum nicht recht hören. Ach ja, die Küchenorganisation und das Personal überhaupt empfinden wir als sehr angenehm, ausgesprochen flott, auch mit der Zunge, freundlich, flexibel, immer gut aufgelegt, später sogar ausgelassen.

Der Weg führt durch die Wiesen

Donnerstag, 22. 07. 2010
Neue Regensburger Hütte - Kreuzspitze – Neue Regensburger Hütte

Der Weg führt durch die Wiesen oberhalb der Hütte, wir blicken auf die üppigen Mäander des Falbesonbaches, und nach oben haben wir zunächst den falschen Gipfel mit seinem Kreuz im Visier. Nach hinten übersehen wir beim Aufstieg allmählich den Talabschluss, sind dann mit Beginn der seilversicherten Strecke auf Höhe der Grabagrubennieder, wo aber unser Weg für morgen nicht zu erkennen ist. Unser Gipfelteil sieht von unten sehr abweisend aus, zeigt steile gezackte Blöcke, aber es geht. Für Elke, die „Neue“, die heute mit uns aufgestiegen ist, überhaupt kein Problem, dann sieht man auch schon das Gipfelkreuz, das richtige, das hier wieder in Sonnenform gestaltet ist. Der Gipfel unmittelbar dahinter, den wir kurz antesten, erscheint auch kletterbar, aber doch steil und noch etwas höher, mit Kreuz und Dohle. Der wartet dann auf uns bei der nächsten Revivaltour.

Günther macht wieder die Gipfelauskunft mit Blick auf die Gletscher im Westen und Süden. Beim Abstieg entdecken wir in Rissen Edelweiß und knallblaue Enzianflecken. Unseren einzigen beiden Begegnern an diesem Berg erzählen wir von diesem Fund, weil sie nicht wie Edelweißabpflücker aussehen, die beiden denken aber, wir würden vom Alpenveilchen sprechen. Erst als wir auf das DAV-Logo verweisen, fällt der Groschen. Ja, gibt’s denn so was?

Der Himmel bezieht sich etwas, wir rasten noch mal kurz. Hier laufen viele Schafe herum; Elke konzentriert sich wie wir alle auf ihr Butterbrot; währenddessen schleicht sich von hinten ein Schafsbock bei ihr an und beleckt ihr den Nacken, ohne dass sie die freundliche Annäherung bemerkt: Wahrscheinlich hätte sie, die begeisterte Fotografin, in diesem Moment zu gern ihr eigenes Gesicht fotografiert.

Freitag, 23. 07. 2010    
Neue Regensburger Hütte – Grabagrubennieder – Dresdner Hütte

Hinter der Hütte gibt es einen kleinen See mit Ruderboot, und ebenfalls in unmittelbarer Nähe einen Wasserfall, den man bei Umrundung der Hütte eher hört als sieht: Es donnert hier durch die Wassermassen geradezu aus dem Erdboden heraus. Der Blick von der Felsterrasse, auf der die Hütte steht, geht unter der Materialseilbahn hindurch ins Falbesonbachtal, das eintausend Meter tiefer kaum noch erkennbar in das Ruetztal übergeht.

Die Tour heute ist als lang angekündigt, auch Gewitter wurde versprochen, also geht es früh los. Wir verfolgen den Falbesoner Bach, der sich heute Morgen in den Wolken versteckt, bergauf. Vorbei an seinen fantastischen Mäandern, die er in sein hier üppig breites Bett gewunden hat und seinen Uferregionen, die er mit ansehnlichen Binsenfeldern begrünt hat. Alfonsa hat vor dem Gewitter dort noch einen Besuch gemacht und kam beeindruckt wieder zurück. Aber nun tropft hier überall Nässe, wo sich nur eine Gelegenheit zum Tropfen bietet, die Steine sind glatt, der Weg so nah am Fluss sehr matschig; um das Maß voll zu machen, muss es natürlich auch noch anfangen zu regnen.

Das ist nicht schön, denn die Überquerung der Grabagrubennieder soll nicht ganz ohne sein. Rechts vom Weg ziehen die weiten Flanken der Gipfel über dem Falbesoner Bach in die Höhe, die in der Ruderhofspitze ihren höchsten Punkt finden, aber bei dem heutigen Wetter nur zu ahnen sind.

Der Übergang zur Dresdner Hütte wird hier unterhalb der Ruderhofspitze mit Überschreiten der tiefsten Ausläufer des Hochmoosferners erreicht, nur bemerkt man das Gehen übers Eis erst, wenn man tief zwischen das Geröll und die Felsbrocken blickt, die hier den Gletscher bedecken,  und wenn man sich über die vielen gurgelnden Gewässer unter den Füßen wundert. Allerdings weist auch eine Gletscherspalte bzw. das, was wohl von ihr übrig geblieben ist, am Anfang des Weges auf die neue Lage hin. Die Markierungen, hier überwiegend durch Stangen, sind in der Wolke, die nicht weichen will, gerade noch zu erkennen. Man hatte uns in der Hütte vorgewarnt, dass auf diesem mobilen Gletscheruntergrund der Weg seinen Verlauf immer wieder ändern würde.

Der Einstieg in den Fels mit Seilversicherung ist nicht ganz einfach zu erklimmen, dann kommt aber schon steil über uns das Schartenkreuz in Sicht. Auf der Grabagrubennieder selbst ist kaum etwas zu sehen. Nur eine kurze Rast ist drin, zwischendurch kurzer Sonnenkontakt, dann wieder dicke Wolken. Den Abstieg hatten wir, die wir noch nicht hier waren, uns einfacher und kürzer vorgestellt, aber es zog sich oberhalb der Nockgrube, dann kleine Kletterei unter der Schafspitze, durch Ruderhof, Hohe Grube zum Mutterberger See, der unter uns, aber irgendwie schräg in der Landschaft liegt. Der Versuch einer Rast wird durch Regen verwässert, inzwischen ist es am Himmel recht dunkel geworden, der erste Donner klärt die Wetterlage, wir ziehen möglichst flott weiter.

Am Rand der Wilden Grube erreichen wir die Schotterstraße, die zum Restaurant Gamsgarten führt und der Versorgung und Unterhaltung eines gewaltigen Skizirkus dient, landschaftsmäßig nicht gerade ein Gewinner

Der Regen hat inzwischen seine Trockenpausen komplett gestrichen, er strömt über unsere Ponchos, während wir innerlich wg. des dauernden Anstiegs eine gewisse Betriebstemperatur entwickeln. Allmählich kommt eine leicht gereizte Stimmung auf: Dem einen ist der Regen nun allmählich aber doch zu nass, die andere beschwert sich, weil sie vor einem kibbeligen Stein nicht entsprechend gewarnt wurde.

Nach Verlassen der Schotterstrecke gehen wir noch ein wenig neben und in einem kleinen Flussbett, das uns auf den breiten Rasenweg zur Dresdner Hütte führt, wo ein Restaurantbetrieb der besonderen Art über uns hereinbricht.

Der Trockenraum kann unsere Nässe nicht verkraften, im Zimmer an unseren Betten ist auch schnell alles behangen. Einziger Lichtblick heute: Elke will bleiben und den Höhenweg mit uns zu Ende gehen.

Sonnabend, 24. 07. 2010  
Dresdner Hütte – Peiljoch – Sulzenauhütte

Morgens ist alles getrocknet, aber trotzdem: Diese Hütte mit ihrem speziellen Flair, und obwohl wir den Extratisch am Kamin bekommen haben: Nur weg hier. Draußen umgehen wir die Seilbahn im Schneeregen, der beim Anstieg auch liegen bleibt. Der Weg zickzackt im Fels, dann der Wegabzweig zum Trögler, den wir uns wg. des Wetters verkneifen; streckenweise gehen wir auf Felsplattenstufen. Oben markieren einzelne Stangen den Weg, kurze Seilstrecken, aber bei der Glätte passen wir sowieso auf. Engländer in kurzen Hosen, die Beine etwas rotgefroren, kommen uns entgegen. Auf Passhöhe bezaubert uns ein wunderschön verschneites Wäldchen aus Steinmandln, große, kleine, mit Hohlraum, wie Tannenbäumchen im dicken Schneekleid, die Illusion ist perfekt.

Noch beim  Abstieg vom Joch rollen plötzlich von sehr weit oben schwere Steinschlagbrocken in unsere Richtung, die uns einholen wollen, zum Glück aber etwas seitlich abgelenkt werden. Beim näheren Hinsehen erkennen wir einen, dann ein ganzes Rudel Steinböcke, die sich an einem sehr steilen Felshang das Gras aus dem Schnee wühlen, auch zwei Jungtiere sind dabei. Bei dem Wetter sind die nicht zu beneiden.

Hinter dem Peiljoch fällt der Blick auf einen schnurgerade gezogenen „Deich“, den wir schräg hinaufsteigen. Oben stehen wir auf der riesigen Seitenmoräne des Sulzenauferners, der weit unten vor uns in einem bläulich schimmernden Gewässer endet.

Der Abstieg von der Moräne führt uns parallel zum unteren Gletscherabbruch, der sich über einen sulzig wirkenden kleinen Naturstausee erhebt, dann zum Abfluss dieses Speichers in Form des Sulzenaubaches, der rauschend und mit vielen beeindruckenden Fontänen hier beginnt. Gegenüber begrenzen ihn abschüssige, völlig glatt geschliffene Steinplatten, die den tosenden Bach in sein Bett zwingen. Wir stellen uns vor, dass wir uns jetzt bis zur Hütte auf dem Boden bewegen, über dem sich einst Tonnen von Gletschereis türmten. Wo die Talränder etwas steiler werden, ist sofort der Fels geschliffen. Eine flache Auslaufstrecke des Baches nutzt dieser gleich zum mäandern, umfließt Geröllinseln mittendrin, bevor der werdende Fluss nahe der Hütte wieder Fahrt aufnimmt und sich direkt hier in eine Felsschlucht stürzt.

In der Hütte treibt uns die Nässe erst einmal in den bescheidenen Trockenraum, wo ein paar Wanderstiefel Größe 26 auffällt, später zeigt sich auch die noch recht „unterirdische“ Besitzerin. Große Wäsche bei vielen von uns, aber wo trocknen? Wir bleiben aber ja zwei Nächte, auch um Daniel einzugliedern, und lassen uns vom Wetter erstmal überraschen.

Sonntag, 25. 07. 2010   
Sulzenauhütte – Wilder Freiger – Sulzenauhütte

„Überraschen lassen“ war die richtige Erwartungshaltung in mehrfacher Hinsicht. Schon vorm Frühstück zeigt der Hüttenwirt durch's Fenster auf eine unmittelbar vor der Hütte vorbei springende Gämse, dann sitzt Daniel schon seit sechs Uhr nach einer Abenteuer-Blitzfahrt aus München in der Gaststube, das Wetter sehen wir als letztes: Wie gestern stehen die Wolken vor der Tür. Berge ? Sind auch heute Glücksache, wenn wir sie denn sehen.

Jedenfalls geht es los, zu Acht, Gerda macht etwas Reha. In diesem hochinteressanten Sulzenautal über den Fluss auf schmaler Brücke, die sicherlich den Winter nicht übersteht, auf die andere Sulzseite, durch ein Steinmandl-Kunstgebiet (wir bauen auf dem Rückweg noch ein wenig mit) auf die imponierende Seitenmoräne : Bis zu 100 m hoch über dem Flussdelta des Sulzbaches führt der Weg, immer wieder unterbrochen durch Abstürze des brüchigen Randes dieses riesigen Erdwalls, vorbei an der blauen Lacke, einem im Nebenfluss gefangenen Wasserreservoir, und zwingt uns zum Nachdenken über diese Landschaft, die so offensichtlich über lange Zeiträume hinweg von Wasser, Gletscher & Co gestaltet wurde. Nebenmoränen, dazwischen Lücken, durch die wohl mal Wasser floss, geben in Zeitlupe wieder, was hier mal als dramatische Aktion ablief.

Dabei steigen wir langsam in die Felsregion an. Es wird stufig und im beginnenden Schneetreiben auch zunehmend glatt. Ganz oben sehen wir filigran gegen den Himmel einen einsamen Wegweiser, dahin müssen wir über den vorgelagerten Grat, der nach links ansteigt. In der ersten Stunde schaffen wir so gut 300 Höhenmeter, kommen dann in eine Region mit schneebedeckten großen Felsplatten, die unfreundlich zu begehen sind. Durch brüchiges, aber wenig steiles Gelände geht es weiter hoch, hier in den Wolken wäre es ohne Markierung schwierig mit der Orientierung, weil man so weitläufig in alle Richtungen irren kann. Ein Hase hat sich hier offenbar auch schon mal verlaufen, wie wir an seinen Spuren sehen, die er uns auf über 2500 m Höhe an mehreren Stellen zeigt. Was wollte der hier? Dann liegen auf dem Weg über etwa 100 m Länge in Straßenbreite Gesteinsplatten in Erde (!), völlig eben, eine echte Fahrbahn. Außerirdische? Ganz zarte blaue Himmelsflecken tauchen immer mal auf, trauen sich aber nicht, sich zu vergrößern. Noch ist die Markierung zu sehen, aber die Schneehöhe nimmt mit unserem fortschreitenden Anstieg zu. Und es schneit weiter. Kurze Rast, noch kürzeres Nachdenken: Wir müssen umkehren, wir sehen nichts, und wir werden, wenn es so weiter schneit, große Mühe mit der Orientierung bekommen. Elke, am weitesten vorn, baut schnell noch einen Schneemann als Beweis unseres Daseins, dann noch eine Kraftstulle für den Abstieg.

Hierbei merken wir erst so richtig, wie glatt es auf den Steinplatten ist, alle erwischt es mal mit dem Abrutschen. Unten im Steinmandl-Weltkulturerbe werden nicht aufgebrauchte Energien in wahre Kunst umgesetzt.

Nach dem Abendessen wird mit Inbrunst von der Nachbargruppe  schwäbisch gesungen.

Aufstieg am rechten Ufer

Montag, 26. 07. 2010
Sulzenauhütte – Mairspitze – Nürnberger Hütte

Aufstieg am rechten Ufer des Sulzenaubaches, durch die Wiesenhänge gegenüber der Hütte gelangen wir an den Grünausee, der von oben im Nebel sehr unwirklich erscheint. Er spiegelt die Schneefelder des Gegenüber-Hangs, was bei dieser trüben Belichtung nur schwer in das Landschaftsbild einzuordnen ist. Gegenüber steigen einzelne Gestalten auf zum Niederl, eine andere Gruppe sichten wir im Steilabstieg auf einem Schneefeld. Wir wollen trotz Unsicht auf die Mairspitze, die wir über teils versicherte Felskletterei und durch etwas Schnee in Wolken gehüllt erreichen. Die durchaus vorhandene Gipfelbank ist unter diesen Umständen nicht so einladend, am Gipfelkreuz hängen Eiszapfen an einer Leine mit tibetischen Gebetsfahnen, die durch das Gipfelwetter „bis auf die Knochen“ abgewettert sind.

Auf dem Rückweg nehmen wir die Rucksäcke wieder auf, sehr steiler Einstieg in den Murmentlehner, dann Querung von ebenfalls sehr steilen Geröllfeldern. Wir blicken hier sorgenvoll nach oben auf eindrucksvolle Gesteinsbrocken, die durchaus mal auf die schiefe Bahn geraten könnten. Aber so ein Unglück war uns nicht beschert; stattdessen . . .

Unterm letzten felsigen Steilabstieg sehen wir graue huschende Schatten zwischen den Felsen – Murmeltiere, die hier offenbar ein unterhaltsames Stückchen aus ihrer Kinderstube aufführen wollen: Zwei Jungtiere stehen sich immer wieder aufrecht in Boxerhaltung gegenüber, bearbeiten sich „unter Brüdern“, ein Drittes amüsiert sich allein, hält wohl nichts von diesem Kinderkram. Viele Fotos aus ziemlicher Nähe,

Die Hütte rückt auch heran, schon von ganz oben war sie – mit Mühe – in der grauen Geröllhalde zu entdecken, verschwand aber immer wieder im Gewölk.

Ja, und schon in Bratkartoffelgeruchsnähe der Hütte passiert es: Günther betritt den falschen Stein im falschen Winkel, versucht den Sturz abzufangen, landet aber trotzdem drei Meter tiefer abrollend an einem klaviergroßen Felsblock. Er kommt wieder auf die Beine, ein Notverband an der Hand, der schützt aber nicht vor unschönen Knochenbrüchen, die beim vorsichtigen Weitergehen langsam, aber deutlich ihre schmerzhafte Wirkung entfalten. Dagegen kommt man auch mit der größten Zähigkeit nicht an. Schließlich kann er nur noch sitzen und  beschließt zusammen mit Holger, dass nur ein Hubschrauberflug ins Spital helfen kann. Zum Glück ist der Himmel seit einer halben Stunde wieder übersichtlich, sodass die Rettung aus der Luft auch erfolgen kann.

Eigentlich geht alles schnell, wenn man bedenkt, wo am Ende der Welt – jedenfalls des Tales – wir hier sind. Der Hubi kann sogar in der Nähe landen, Günther wird in eine überdimensionale Tasche verpackt und diese durch Stäbe und Luft stabilisiert. Zum Schluss sehen wir nur noch zwei wache Augen unter der Schirmmütze von ihm, bevor das Hochhüsern beginnt. Erneute Verpackung, jetzt sicher in den Hubschrauber hinein, und zum Abendessen ruft er schon aus dem Spital in Hall an, Stimme wie immer, Stimmung auch wie immer, so scheint es, und zählt seine gesammelten Frakturen auf.

Dafür ist unsere Stimmung ziemlich tief unten.

Dienstag, 27. 07. 2010   
Nürnberger Hütte – Niederl – Nürnberger Hütte

Schnee, Regen, Nebel, Wolken, wie oft habe ich diese Worte nun eigentlich schon in diesem Bericht geschrieben? Aber es ist so, und trotzdem, wäre gestern das mit Günther nicht passiert, wir wären alle sehr zufrieden mit unseren bisherigen Tagen im Stubai.

Wir wollen aber jetzt nicht den ganzen Tag vor uns hinbrüten, schauen aus dem Fenster, sehen mal die Sonne, danach das Zollhaus hoch oben auf dem Weg zur Bremer Hütte. Und um zehn Uhr brechen wir auf zum Niederl, sehen uns noch mal Günthers Sturzstelle an. Auch jetzt ist es wieder nicht ohne auf dem Weg, alles ist glatt. Oben auf dem Niederl wenig Aussicht trotz klitschnasser Bank. Unter uns läuft ein kleines Murmeltier über den Schnee. Entgegenkommer werden von Uwe schwer verwirrt, seine Frage an sie klingt schon fast nach Höhenkrankheit. Mit Mühe können wir verhindern, dass die beiden Fremden sich fürchten oder womöglich bekreuzigen. Auf dem Rückweg schaut von ganz oben ein einzelner Steinbock auf uns herab, wirft aber diesmal nicht mit Steinen.

Zurück in der Hütte genießen wir die sehr angenehme Atmosphäre, auch hier eine sehr freundliche und aufmerksame Bedienung, noch ein paar Tage, und man möchte wahrscheinlich zur Familie gehören, die wir so nach und nach kennen lernen: Hüttenwirt und -wirtin machen die Küche im Keller, ein kleiner Speisenaufzug befördert alles auf Gaststubenhöhe. Die drei Hüttenkinder sind mit anderen Kindern unterwegs, der Jüngste heißt Serafino - und ist auch so. Abends singt und spielt das Hüttenquartett: Der Hüttenwirt an der Harfe, ein Akkordeonspieler und zwei Sänger.

Wir hören von ihnen Volksmusik, aber auch leichte Muse mehrstimmig, z. B. das Badewasserlied aus den 20iger Jahren.

Darüber haben wir Günther aber nicht ganz vergessen: Er hat wieder angerufen, es geht ihm gut, und er wird schon wieder auf die Beine gestellt, was wir kaum glauben mögen. Wahrscheinlich haben die Haller Ärzte ein eigenes Behandlungsregime für Bergsteiger, das sie aus Indianerbüchern abgekupfert haben.

Mittwoch, 28. 07. 2010   
Nürnberger Hütte – Simmingjöchl Zollhaus – Bremer Hütte

Schon wieder hat Gerda Geburtstag, die Hütte kramt eine Minikerze aus der letzten Schublade hervor, das Wetter aber blauen Himmel, noch nicht ganz aufgehende Sonne und entsprechende Aufbruchstimmung.

Diese Hütte verlassen wir besonders ungern, mit ihren gemütlichen Zimmern, Teppich auf den langen Fluren, zwei Treppenhäusern und ohne Handyempfang, und nicht zuletzt wg. der hier arbeitenden Menschen ist sie eine Oase der Freundlichkeit.

Draußen allerdings ist es noch recht kühl. Nach leichtem Anstieg geht es auf einem schrägen Brett über einen Fluss, dann über glatte, feuchte Felsen, manchmal mit Versicherungen. Rückblick zur Hütte, zum Niederl, zum Wilden Freiger, alles ist heute zu sehen. Langsam wird es warm, Aufstieg über eine Leiter, diese Stelle hatten wir am Vortag schon aus der Hütte beobachtet, als eine größere Gruppe darüber ging, und sich hier alles staute. Abstieg in ein größeres Bachbett, wir gehen immer noch unter dem Niveau der Nürnberger Hütte, die uns von weit drüben her zuschaut. Eine stabile Brücke führt uns über den Bach, ein Stahlseil, wohl des Vorgängermodells, liegt im Wasser, das hier direkt aus dem Paradies herunter fließt.

Die Kenner aus unserer Gruppe hatten schon von diesem verborgenen Stückchen Erde im Stubai erzählt, und es trägt den Namen zu Recht. Aber – man sollte es sich mal selbst ansehen, am besten bei Sonnenschein und blauem Himmel an einem frischen Sommermorgen, so wie wir es heute tun. Wahrscheinlich ist das ganze Szenario eine kleine Wiedergutmachung für all die Schlechtwettertouren, die wir in diesem Jahr hier gehen mussten.

In kurzen Worten: Hochebene, umgeben von steilen Felswänden, trotzdem sonnig, kleiner Fluss, der sich hier mäandernd auch lieber etwas länger aufhält, grüner Uferbewuchs, Wollgras überall, also Idyll pur, zwingt zur Rast.

Richtung Talabschluss empfängt uns nüchterner Fels, es geht im Geröll gewaltig hoch, und von oben wirft auch noch jemand mit Steinen. Tatsächlich, wir sehen es genau, und die Steinewerfer dürfen das sogar ! Oben wird der Weg restauriert, oder wie soll man das nennen, mit Hacke, Schaufel und Besen, jedenfalls sind Gemeindearbeiter dabei, den Weg in einen besseren Zustand zu bringen. Na gut, aber lasst die Steine doch trotzdem da oben, die kann man sowieso nicht alle runter werfen!

Durch steile Schneefelder, auf denen wir lieber nicht abfahren, kommen wir zum Zollhaus, aus diesem Feldsteingebäude heraus hat man wohl mal ein Auge auf tollkühne Schmuggler gehabt, die auf diesem „Ab“weg verbotene Sachen verschieben wollten.

Wir haben hier oben ein anderes Problem: Wohin zuerst blicken? In der prallen Sonne liegen alle Stubaier Gipfel um uns herum, hier hätte Günthers Gipfel-Auskunftei eine glatte Stunde gebraucht. Auch die Nürnberger Hütte ist noch da, ganz oben imitiert ein Düsenflieger die alte Stuyvesant-Werbung. Rast auf sonnig vorgewärmten Felsen, andere Gruppen lagern sich dazu, vor allem Engländer. Wir bleiben lange.

Der Abstieg ist sehr steil, voll verseilt: Dass man da überhaupt runter kommt ! Die Bremer Hütte war von oben schon mal zu sehen. Wir blicken von unserem Wiesenhangweg immer auf die Gipfelkette zur Rechten mit ihren Gletschern, dann wieder auf junge Murmeltiere direkt am Weg und in der Hütte auf frischgebackenen Geburtstagskuchen, als es draußen schon wieder eingetrübt ist, damit wir schlechtwettermäßig nicht aus der Übung kommen. Von Günther hören wir, dass sein Wiederaufbau-Trainingsprogramm schon die ersten Höhenmeter vorsieht. Wenn das der Große Manitou erfährt!

Eines zeichnet diese Hütte aus: In den Zimmern scheinen alle Räume eine Art „Feuertreppe“ zu haben in Form eines ziemlich dicken, langen Taues, jeweils innen unterhalb des Fensters befestigt, in das in regelmäßigen Abständen als Festhaltepunkte fast faustgroße Knoten eingelassen sind. Damit müsste auch der nicht so weit fortgeschrittene Kletterfreak  im Ernstfall den Erdboden erreichen können.

Donnerstag, 29. 07. 2010  
Bremer Hütte – Trauljöchl – Pramarnspitze – Innsbrucker Hütte

Wir wissen in etwa, was uns blüht: Ein Acht-Stunden-Unterwegs-Tag, wobei wir gern etwas länger gehen, als die einschlägigen Wanderführer so vorgeben. Also, sehr frühes Wecken, um sieben Uhr dreizehn verlassen wir diese Hütte, wo das Duschen sensationelle vier Euro kostet. Dafür war aber der Blick um sechs Uhr durch das Küchenfenster nach Osten ebenso sensationell: Die fernen Gipfel (Zillertaler?),  noch als scharf gezackte graue Silhouette vor dem aufsteigenden Sonnenlicht, das gibt es umsonst.

Der Weg fordert schon hinter der ersten Ecke unsere volle Konzentration in einem etwa 50 m abwärts führenden Kamin. Alles ist gut verseilt, trotzdem dauert es bei sieben Leuten, und ist ein schönes Stück Arbeit. Weit unterhalb der Steilhänge, die den Wetterspitzen vorgelagert sind, gehen wir auf einem Weg, der offenbar voll den Schafen gehört. Wir hatten es schon von oben gesehen: Viele Schafe standen sehr ordentlich aufgereiht genau auf dem Weg, wir hatten uns gefragt, was die da so machen. Nun sehen wir es: Sie machen auf den Weg, und wie ! Und in allen Varianten. Jeder von uns kennt es, wenn wir hier im Norden auf unseren Deichen rum laufen: Schafe haben im Enddarm offenbar einen Portionierer eingebaut, der für das charakteristische, manchmal sogar leicht glänzende Endprodukt verantwortlich ist, welches sich aber auch gern mal in die Tiefen des Wanderstiefelsohlenprofils einklebt mit dem Ergebnis der beschränkten Haftung am Boden. Wir gehen gefühlte Kilometer weit über die Aussaat dieser Schafsrosinen, auf Schotter laufen ist doch angenehmer.

Der erste große Anstieg führt uns zum Trauljöchl, wo wir von einer Vierergruppe überholt werden.  Beim Abstieg steil unter der Felswand kommen wir zu Zweit vom rechten Weg ab, was natürlich nicht so gruppenfreundlich ist an diesem Tag, und es gibt Schimpfe. Dann langer Schräganstieg am Hang, zwischendurch eingestreute Seilstrecken, nach vier Stunden die erste Rast.

Nach Süden zu Richtung Italien werden eifrig dunkle Wolken verschoben, über der Gipfelkette links neben uns zieht es sich ebenfalls feucht zusammen; wir ziehen zur Gegenwehr unsere Regenponchos aus dem Rucksack. Und dann geht es auch schon los mit diesmal richtig kaltem Regen, der erst kurz vor der Innsbrucker Hütte nachlässt, nicht ohne sich zwischendurch immer mal vom auffrischenden Wind sponsern zu lassen.

Der Weg führt in einer Art Binnental mit vielen An- und Abstiegen über die Traulalm, von der kaum etwas zu erkennen ist, vorbei an der Pramarnspitze, zeitweilig gehen wir ausgesetzt auf sehr schmalem Wiesenpfad hoch über dem Gschnitztal. Auch der Habicht ist nahe der Hütte nicht mehr weit weg, allerdings irgendwo hoch über uns, sehen können wir ihn nicht.

Wir gehen alle stumm vornübergebeugt, die Ponchos flattern ihr Lied im Wind, jeder versucht, sich vor der Kälte zu schützen, so gut es geht. Holger läuft ganz  vorn und führt unerschütterlich mit einem sehr verträglichen Tempo, es ist einfach trübe, bei so einem Wetter in einer so grandiosen Umgebung ohne Sicht zu laufen. Immer wieder Schafe und ihre nicht so beliebten Produkte. Sie schauen ungläubig auf uns und fragen sich wohl, wie wir so ticken, lassen jedenfalls verdutzt das Fressen sein, wenn wir als sicherlich sehr fotogene Gruppe vorbeiziehen.

Dann der letzte (wirklich?) Anstieg, nur noch große Steinplatten, oben steht angeblich immer ein Steinbock, steile Felszacken stochern in rasch vorbeiziehenden Wolken, düstere Stimmung wie bei „Herr der Ringe“. Aber kein Steinbock, der ist doch nicht blöd, bei so einem Wetter! Dann die letzte Talumrundung, wir sehen den Weg weit vor uns,  Rufe von tief unten, sanfter Abstieg über Steinplatten, dann auf einem Felsen die Inschrift „Noch 500 m“, und alle wissen, was damit gemeint ist.

Durch den Nebel sehen wir kurz schon mal die Hütte, wir denken jetzt wohl alle daran, wie es Günther, ebenfalls ganz kurz vor der Hütte, ergangen ist und passen noch mal besonders auf.

Endlich im Tockenen werden wir aber durch das Personal schnell wieder aufgebaut, auch der Trockenraum empfängt uns warmherzig. Zum Abendessen wird der Kaminofen angeworfen, man serviert im Dirndl, wir tauen wieder auf.

Trotzdem werden wir die Tour hier beenden, obwohl der Habicht noch unter „dringend“ auf der Liste steht. Bei dem Wetter – und es soll zumindest morgen so bleiben – muss man auf diesen Berg verzichten.

Freitag, 30. 07. - 01. 08. 2010 
Abstieg von der Innsbrucker Hütte.

vor dem Haus treffen wir auf einen Wanderer, der gerade von einem Habichtbesteigungsversuch zurückkehrt: Da oben könne man jetzt nicht drauf, neben Neuschnee seien auch schon unten die Seile vereist gewesen, er sei daraufhin umgekehrt.

Uns fällt beim Abstieg noch auf, dass wir über zwei Wochen keinen Baum aus der Nähe gesehen haben, plötzlich ist eine Baumgruppe ein ungewohnter Anblick. Von Gschnitz nimmt uns das Bergtaxi mit nach Kampl. Nach kurzem Rekreationsschlaf Kulturschock in Neustift: Warum haben die Leute hier ihr Dorf so schön modern verschandelt?

Abends wieder Besuch beim Waldhauswirt, die Wirtin, ja, die mit der Unwetterwarnung, erzählt später über Tourismus im Tal und damit verbundene Logistikprobleme.  

Sonnabend holen wir tatsächlich Günther im Spital ab, er ist teilmobil und autofähig dank des Indianerprogramms. Übernachtung bei Uwe am Tegernsee, am Sonntag im Vorbeifahren Kohlehydratmast in Döhle, natürlich nur, damit Günther schneller wieder auf die Beine kommt.

Und die waren dabei: Roswitha, Gerda, Alfonsa, Elke, Uwe, Günther, Joachim, Holger, Mathias, und ganz kurz auch Daniel.

Mathias Rink

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