Sternfahrt aus ganz Deutschland
Nein, nicht was Sie jetzt denken, so lange haben wir nicht da oben drauf gestanden, es wäre einfach zu kalt geworden. Aber alles in allem waren es doch so viele Jahre, die unsere Wandergruppe N da hochgebracht hat. Unsere Sommertour 2009 vom 17. bis 31. Juli hat uns immerhin 13 Aktivisten auf einige Allgäuer Gipfel über den Heilbronner Höhenweg bis in die Lechtaler Alpen geführt.
Am Freitag, 17.07. (Sternfahrt aus ganz Deutschland)
treffen abends alle in unserem Startlokal in Altstätten bei Sonthofen ein; die Teilnehmer kommen diesmal aus fünf Bundesländern und erkennen z. T. erst beim gemeinsamen Abendessen in der Sonne, mit wem sie es in den nächsten 14 Tagen zu tun haben werden. Aber nun ist es zu spät! Denn draußen braut sich schon das erste Gewitter zusammen, was sich bisher noch immer aktiv auf die Gruppendynamik ausgewirkt hat. Es schüttet in den Nachtstunden gewaltig, aber leider nicht erschöpfend, so dass am
Samstag, 18.07. (per Bus ins Kleine Walsertal, Kanzelwandbahn, Mindelheimer Hütte)
alles, was sich nachts noch nicht ergossen hat, einfach nachgeliefert wird. An der Bergstation haben wir uns schon winterfest gekleidet. Ja, auch die Handschuhe mussten aus dem Rucksack, denn zunächst laufen wir im Schnee, der im Tagesverlauf reichlich nachgereicht und bei den Plustemperaturen rasch zu Wasser wird. Unser Weg steigt erst mal ab; er ist selbst zum Rinnsal geworden. Die geplante Rast auf der Fiderepasshütte fällt ersatzlos aus, weil alle, durchnässt wie sie sind, die Abendhütte mit ihrem hoffentlich leistungsfähigen Trockenraum möglichst rasch anpeilen.
Als wir wieder Höhe gewinnen, hat der Schnee schon eine ansehnliche Decke über alles gebreitet und macht die Orientierung bei wenigen Metern Sicht sehr spannend, weil Wegkonturen und Markierungen vollständig unter 20 cm Neuschnee verschwunden sind. Geduldig pult Holger jeden gefundenen Rotklecks frei, für den Fall, wie er später erst erzählt, dass wir hier noch mal wieder zurück müssen. Zu sehen gibt es hier nichts, die Welt ist komplett schwarz-weiß, aus dem Off lassen allerdings mal einige Kühe ihre Glocken tönen: Wie die dieses Hundewetter aushalten, unglaublich!
Später beim Anstieg zur Rossgundscharte ist dann doch mal wieder etwas zu sehen, nämlich ein unglaublich kaputt gehauenes Steinfeld, durch das wir mit hängenden Köpfen im Zickzack bergauf stapfen, immer unterhalb eines Riesenbrockens, der ganz oben am Ende unseres Anstiegs drohend irgendwann mal über die Kante in unsere Richtung absteigen will. Aber bitte nicht heute, wo das Wetter uns so übel mitspielt, wo sich alle einig sind, dass es noch nie auf einer Tour so ungemütlich nass war, und wo die sonst übliche Berglust in totalen Alpinfrust umgeschlagen ist.
In der Mindelheimer Hütte - wir mussten also nicht zurück - quillt der Trockenraum über vor nassen Klamotten und genervten Leuten, die drunter rumkriechen in der heißen Trockenluft, und wir mischen uns halbnackt darunter. Netterweise werden wir im Nebenhaus, wohl dem Winterraum, untergebracht, der erst einmal vom Hüttenheizer und vor allem von Roswitha mit Hilfe eines Bollerofens geheizt werden muss. Der Wind drückt den Rauch aber immer wieder erfolgreich in den kleinen Raum, sodass wir uns entscheiden müssen zwischen baldigem Ersticken oder lausigem Erfrieren in der Unterhose bei voll geöffneten Fenstern. Roswitha löst das Problem durch persönlichen Einsatz mit Insiderwissen und souveränes Ofenmanagement. Auch ein Hüttenofen hat wohl eine Seele und möchte eben als Individuum behandelt werden. Zur Abrundung der gemütlicher werdenden Stimmung spannt Uwe die rettende Wäscheleine für all die nassen Sachen, die im völlig überfüllten Trockenraum auch nicht mehr als dritte Schicht auf einem Kleiderbügel unterzubringen sind: Allmählich taut der Norden wieder auf, auch die noch fast Nackten bedecken weitgehend ihre Blößen und finden wieder Gefallen an mitteleuropäischer, wenn auch alpiner Zivilisation. Irgendwann sitzen alle einigermaßen trocken vor einem warmen Essen, wo allerdings immer wieder Hiobsbotschaften aus unserem Nebenhaus eintreffen, weil Späteinkehrer dort versuchen, unsere mühsam errichtete Trockenordnung hinterrücks zu ihren Gunsten zu optimieren. Diese finsteren Gestalten haben dann aber Roswitha kennen gelernt.
Übergang zur Rappenseehütte
Sonntag, 19.07. (Übergang Mindelheimer Hütte zur Rappenseehütte)
Morgens schon vor dem Frühstück und eigentlich auch schon vor dem Aufstehen dringen eigenartige Geräusche einer Raschelorgie an das gern noch schlafende Ohr: Nun, wo alles ziemlich trocken ist, müssen die entsprechenden Plastiktüten wieder aufgefüllt werden, und zwar entsprechend der hochindividuellen inneren Rucksacklogik, oder besser -logistik. Günther hätte jetzt triumphiert, denn nur er hat hierin eine Perfektion entwickelt, die zwischen Hindukusch und Anden ihresgleichen sucht. Aber leider raschelt er in diesem Sommer nicht mit. Jedenfalls ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Stattdessen füllen sich langsam die Rucksäcke. Erstaunlich, wie wir aus dem Trockenraumgewusel alles wieder rauspulen.
Das Frühstück fällt eher karg aus. Beim Verlassen der Hütte in völliger Trockenheit ist deutlich zu sehen, dass das gestrige Durchnässungs-Trauma tief im Mark jedes Einzelnen sitzt, denn so nass möchte niemand wieder werden. Alle sind irgendwie regennah angezogen: Man sieht viele Regenhosen, die großen Capes sitzen locker unterm Rucksackdeckel, verkniffene meteorologische Blicke wandern unruhig gen Himmel. Dabei treffen wir vor der Hütte eigentlich auf ideales Wanderwetter. Christa hat ein ganz anderes Problem: Sie musste fußbandagiert werden, weil sie sich gestern beim Hin- und Her-Irren zwischen den Hüttengebäuden ohne ihre nassen Stiefel gewaltig den Fuß verstaucht hat.
Eigentlich soll der heutige Tourentag sehr übersichtlich ablaufen: Wir müssen nur auf die gegenüberliegende Talseite, wo sich hinter zwei grasbewachsenen Vorgipfeln die Rappenseehütte verbirgt, überragt von einigen Köpfen. Die Schneegrenze sieht wie abgeschnitten aus, der gestern gefallene Neuschnee wirkt aber doch sehr schütter. Unter der Mindelheimer Hütte geht es flott bergab, allerdings flott bis auf Christa, die sich tapfer humpelnd am Gruppenende rumplagt, immer in Direktbetreuung durch Holger oder Daniel. Ein Mini-Regenschauer lässt uns regenhautmäßig gewaltig aufrüsten, war aber gar nicht nötig. Der Abstieg zum Rappenalpenbach ist bald geschafft, auf den letzten Metern sehen wir schon eine aufsteigende Bikergruppe, die ihr Alu fleißig bergan schiebt.
Der Bach steht hier unten fast schuhtief mit seinem Wasser auf unserem Weg, aber was ist das gegen gestern! Wir kreuzen den Weg nach Lechleiten. Die Aufstiegsstrecke ist offenbar besonders bikerfreundlich ausgebaut mit kleinen Alubrücken, an anderen eigentlich problemlosen Wegstellen mit einzelnen, irgendwie unmotiviert im Fels steckenden Metallstufen. Die Biker vor uns, vorbildlich in tragender Rolle, kommen gut voran, melden sich ab am Schrofenpass, der wenig beeindruckt als solcher, sondern eher als Wegweiser-Schwerpunkt. Hier hätten wir um ein Haar Gerda als Totalverlust abbuchen müssen, die - weit hinter uns - sich fast unbeobachtet in Richtung Süden auf die Socken macht, da, wo die Biker auch hin wollen, nach Italien. Daniels wachsamen Augen war dieser Verlust aber nicht ganz entgangen, jedenfalls war da jemand im Gebüsch verschwunden, ohne die entsprechenden Zeichen nicht aufschiebbarer menschlicher Notdurft von sich zu geben, der/die auf Rufen nicht reagierte. Hier endlich waren die Biker mal zu etwas Nützlichem zu gebrauchen: Sie holten die Abtrünnige noch vor Italien ein und schickten sie zu ihrem angestammten Wanderhaufen zurück.
Rast unter der Schlosswand mit Blick zurück Richtung Mindelheimer Hütte und zu unserem gestrigen Übergang über die Gundkopfkette. Wir sehen heute alles völlig klar, was gestern noch in Regen, Nebel und Wolken lag. Unser weiterer Weg macht einen Abstecher ins Österreichische, die Grenzsteine sagen aber, dass sie zwischen T und B stehen, was offenbar Tirol und Bayern bedeutet. Von D oder Ö ist hier am Berg nicht mehr die Rede, und man ahnt, dass das E es nie bis hierherauf schaffen wird.
Kurz vor dem Einstieg in den Mutzentobel werden Steingemsen gesichtet, jedenfalls können die Entdecker sich nicht recht auf die Spezies einigen. Der Tobel bzw. das beeindruckende Schneefeld, das ihn bedeckt oder auch ausfüllt, kämpft zwar mit der Sommertemperatur, aber bei der Menge und der Härte des Schnees traut man ihm das Durchhalten bis zur Wintersaison durchaus zu. Eindrucksvoll auch die kleinen Gletschertore und -höhlen; auf der Randmoräne trauen sich doch tatsächlich jetzt noch, nachdem der Schnee sich dort endlich zurückgezogen hat, ein paar Huflattiche schnell ein wenig zu blühen, satte vier Monate später als bei uns im Norden.
Tobelauswärts geht es dann um das Rappenköpfle herum zum Endanstieg bis zur Rappenseehütte, wo der steile, treppenartige Weg es aber noch mal von uns wissen will. Die wenig ängstlichen Murmeltiere zwingen uns zum Pausieren, Manfreds Pfiffe werden wohl als die eines Möchtegernalpennagers eingeordnet, dabei bleiben die Tiere aber wachsam, weil in großer Höhe bald auch ein Adler auftaucht, und der Spaß also aufhört. Unterbringung im Zwölfbettzimmer, zwei Damen dürfen separat nächtigen. Große Hütte, mit Mühe und Stehvermögen gelingt es uns, im Gastraum einen standesgemäßen Großgruppentisch zu erobern. Beeindruckend, besonders im Kontrast zu gestern, ist der Trockenraum: Modern, licht, übersichtlich, vor allem (wer hatte die tolle Idee?) mit fest installierten Kleiderbügeln. Wir würden hier zu gern noch mal klatschnass ankommen.
Gipfeltouren um die Rappenseehütte
Montag, 20.07.
Wir bleiben auf der Rappenseehütte, um von hier aus einige Gipfel zu besteigen. Der Biberkopf ist als erster dran. Aufbruch etwas schleppend, Christa bleibt zu Hause, Fußgelenke pflegen. Der Rest macht dann flott bergan unterhalb des Hochrappkopfes, den wir rechts liegen lassen. Schon bald sehen wir den Biberkopf, der aber leider noch hinter einer tiefen Senke liegt. Wir steigen rechts neben dem Grat ab auf sehr schmalem, gerölligem Pfad und müssen, für unseren Geschmack, sehr weit runter.
Nach der Senke wird es dann ernst: Einige sehr rutschige Schneefelder, z. T. sehr steil, müssen gequert werden, schwierige Feingeröllstrecken, auch mal gemischt mit Neuschneeresten, lassen noch nicht so recht Freude aufkommen, bis dazu auch noch steile Hänge gequert werden müssen. An der schwierigsten Stelle hängt Toni, ein einheimischer Bergführer, mit zwei ebenfalls einheimischen Bergdamen fest, weil sie sich nicht über ein steiles, gefrorenes Schneefeld trauen. Bergpalaver, Ratschläge hin und her, wir gehen mit Mühe vorbei. Aber hier erwischt es dann doch Gerda um ein Haar: Sie, offenbar nicht ungern auf Abwegen, beschließt hier, den Ernstfall zu proben und rutscht auf der sehr steilen, vereisten Schneeplatte, über die man rüber muss, ab. Wäre nicht Manfred gewesen als rechter Mann am rechten Platz... Jedenfalls hat er sie irgendwie an den Händen ergreifen können und sie dann wieder auf die Beine gestellt.
Überhaupt Toni: So stellt sich der Norddeutsche den Bergführer vor: Klein, aber sehr drahtig wirkend, sein Gesicht wettergegerbt mit tiefen Falten, dadurch das Alter unschätzbar zwischen 50 und 100 Jahren; entsprechende Erfahrung spricht aus seinen klaren Augen. Der lange Zausebart unterstreicht noch die Ausstrahlung seiner Erscheinung, die eine gediegene, vermutlich schon in den Genen ausgebrütete Bergerfahrung verrät. Er wird uns noch weiter begleiten.
Der Anstieg bleibt durch seine Ausgesetztheit auf schmalem, sehr schneerutschigem Weg spannend. Zwei von uns kehren um, der Rest schlägt sich wacker bis zum Gipfelkegel durch, der aus großen, aufgetürmten, schräg senkrechten Granitplatten besteht. Hier gibt es viele Sicherungen, man kann flott steigen, um zwölf sind wir oben. Alfonsa singt eine Gipfelarie, die Dohlen ergreifen die Flucht, immerhin acht von uns haben den Gipfel geschafft, zwei warten noch auf uns am Fuß des Gipfelkegels. Rundum sehen wir alle Berge mit Rang und Namen: Hoher Ifen, Hohes Licht, die Gruppe hinter der Mindelheimer Hütte, nah bei uns den Hochrappenkopf. Holger zeigt noch mehr: Die Höfats mit ihren vier Erhebungen. Toni nebst Damen kommt auch, freut sich, dass wir Nordlichter so südlich rumlaufen, leider ist er rein dialektisch kaum zu verstehen.
So eine Gipfelrast ist ja eigentlich der Grund, warum man überhaupt losgeht, entsprechend ausgedehnt ist unsere Vesper. Fotos, Blick auf den für morgen vor uns liegenden Heilbronner Höhenweg, und noch ein Blick zurück auf den Weg von gestern, als wir den langgestreckten Weg unterhalb der Schlosswand mit Panoramaaussicht Richtung Mindelheimer Hütte unter den Füßen hatten: Völlig eben, immer parallel zu den Bergen, von denen mehrere kleine Flüsschen Richtung Rappenalpenbach fließen, die in ihrem flacheren Verlauf jeweils ein kleines Delta bilden mit angeschwemmtem Erdreich, auf dem sich kleine Wildnisse aus riesigen Sauerampferpflanzen gebildet haben. Von oben sind diese Zusammenhänge sehr gut zu sehen, man fragt sich nur, wieso da unten etwas unmotiviert Riesenkarrees aus sattem Grün rumstehen. Da unten liegt auch der kleine Weiher Lechleiten nahe dem Lech, Holger zeigt uns, wo die Verbindungsstraße dieser kleinen Ortschaft lawinensicher überbaut wurde, weil der Ort in der Lawinensaison immer wieder abgeschnitten wurde. Keiner hat Lust, hier fort zu gehen. Die Dohlen haben sich von Alfonsas Arie nicht wieder erholt und bleiben in sicherer Entfernung; entweder hilft Kreide oder einfach ein Pianissimo am nächsten Berg.
Der Abstieg über die steilen Platten erfordert eine Technikumkehr: Viele von uns gehen jetzt rückwärts, bald sind wir bei den beiden Zurückgelassenen am Fuß des Gipfelkegels. Langsamer Rückzug über alle gefährlich rutschigen Stellen, aber alle passen höllisch auf, weil uns beim Abstieg die ausgesetzten Strecken erst so richtig bewusst werden. Wieder schlaucht der Abstieg durch die Senke sehr, aber wir müssen da durch. Wieder oben entdeckt Daniel ein Schneehuhn, das man wegen seiner graubraunen Sommertarnung jetzt eigentlich Sommerhuhn nennen müsste. Wenn das Tier sich nicht bewegen würde, könnte man es unmöglich entdecken. Aber wir entdecken bald den Grund der Flucht: Ganz nah laufen zwei Junghühner herum, von denen die Alte wohl ablenken will.
Alfonsa hat noch zu viel Energien und sucht Mittäter beim Besteigen des Hochrappenkopfes, an dem wir gleich linkerhand vorbeikommen: Ihre Gipfelargumente sind für fünf von uns so zwingend, dass der Rest allein absteigen muss.
Wir sind schnell oben, sehen kurz unterhalb des Gipfels Toni Selbdritt auf einer Abkürzung anrücken: Die Drei sind unverwüstlich, obwohl sie ganz früh morgens aus dem Tal (!) aufgestiegen sind. Der Gipfelblick bringt, wie Uwe uns schon vorher gesagt hat, nichts echt Neues, aber trotzdem... Eintrag ins Gipfelbuch, in das sich gerade eine andere Hamburgerin eingeschrieben hat. Geplänkel mit Toni, dessen Begeisterung über uns Flachländler, die sich so hoch trauen, nicht enden will. Wir verweisen auf unsere doch immerhin sehr hohen Kirchen in der Hansestadt; höflich, wie er ist, lässt er diesen Vergleich erst mal gelten. Aber welcher Allgäuer würde auch etwas gegen die Bedeutung der Kirchen sagen. Manfred hat inzwischen etwas entdeckt: Toni arbeitet hier am Berg offenbar mit einem Sicherheitssystem der besonderen Art, er hat nämlich seinen knopflosen Hosenschlitz entgegen den DAV-Vorschriften mit einer großen Sicherheitsnadel verriegelt. Von Manfred darauf hingewiesen, und ob das denn sicher genug sei, wenn man mit zwei Frauen am Berg unterwegs, meint er nur, die Sicherheitsmaßnahmen würden ausreichen. Tja, wenn das so ist! Fotos von allen, dann wollen wir aber doch zurück in die RSH. Toni wird noch Stunden brauchen, bis sein Tal ihn zurück hat.
Kurz vor der Hütte werden wir wieder von den Murmels angepfiffen, sie bleiben ganz in unserer Nähe und zeigen in Beobachtungspose, wie aufrecht und durchgestrafft sie stehen können, wenn sie im Dienst sind. Die Nachmittagssonne strahlt auf die Hütte, der Trockenraum wird von der Wäscheleine ersetzt, daneben geht der Blick weit nach unten ins Illertal Richtung Oberstdorf. Nach dem Abendessen beobachten wir noch den letzten Bergsteiger des Tages kurz unter dem Gipfel des Hausbergs gegen den tiefblauen Himmel. Oder war es doch Alfonsa?
Auf dem Weg zur Kemptner Hütte
Dienstag, 21.07. (Rappenseehütte – Heilbronner Weg – Mädelegabel – Kemptner Hütte)
Sehr früher Aufbruch, das Frühstücksgitter ist noch nicht mal hochgezogen. Abmarsch um 7:25 Uhr, ich finde, eine echte Leistung bei einer Gruppe, bestehend aus 13 Individualisten. Rascher Anstieg inmitten mehrerer weiterer Trupps Richtung Hohes Licht, den wir uns als Gipfel dann aber doch schenken, weil der Anstieg nicht ohne Mühe ist. Die Invalidengruppe ist um Daniels schlimmen Finger angeschwollen (aber nicht der Finger), er klettert nicht mehr mit (der Finger, Daniel schon noch). Mehrere kleine Klettereinlagen, einzelne Schneereste, bald sehen wir die große Einstiegsleiter zum Heilbronner Weg. Sie verschafft uns den ersten richtigen Überblick über unsere weitere Tour auf dem Kamm. Es folgt die Brücke – für die Naturbelassenheit der Alpen ein echter Stilbruch – und die folgenden kleinen Versicherungen, stetig arbeiten wir uns, diesmal sehr weit auseinander gezogen wg. der Lazarettabteilung, über den historischen Steig. Steinschartenkopf, Wilder Mann, schließlich Bockkarkopf, wo wir in bestem Sonnenschein und bei weiter Rundumsicht rasten, freundlich „betreut“ von einer Dohle, die sich im Laufe unserer Vesper einen umfangreichen Mischimbiss einverleibt. Darwin hätte seine helle Freude gehabt über diese Art evolutionärer Anpassung an moderne Alpenverhältnisse. Im Weitergehen sehen wir links unten idyllisch gelegen das Waltenberger Haus, mit seinen davor verlaufenden Wegen zum Spielzeugformat geschrumpft.
Dann ein völlig neuer Ausblick am oberen Rand des Schwarzmilzferners, der uns in diesem strahlenden Sonnenschein ein wenig fehl am Platz erscheint: Eine Riesenfläche aus blendendem Weiß mit links zum Fels hin ziehendem Trampelpfad durch diese kleine Schneewüste, in der die vor uns laufenden Bergkollegen sehr verloren wirken.
Wieder gehen wir weit auseinander gezogen, versuchen wartend, unsere einzelnen Leute von Weitem schon an ihrem Gangbild zu erkennen.
Nach Überwindung des Ferners rasten wir auf einem kleinen, von Schnee umgebenen Inselfelsen, wo nach kurzem Verschnaufen die unbändige Gipfellust ausbricht, diesmal in Richtung Mädelegabel. Zuerst vier, dann doch nur zwei, machen sich als Gipfelkommando auf, die anderen warten beim Gepäck. Der Mädelegabel-Anstieg ist tatsächlich etwas ganz anderes als der Höhenweg: Der Einstieg etwas schwierig, da griff- und trittlos, dann geht es aber durch viele fast senkrechte Risse sehr rasch aufwärts über den komfortabel breiten Grat. Oben grüßt das Gipfelkreuz mit „Im Kreuz ist Heil“, Eintrag in das Gipfelbuch, Alfonsa fotografiert schnell noch ein Pärchen, dann wieder runter nach gehabtem Rundblick. Leider kennen wir nur wenige Gipfel mit Namen.
Abwärts wieder streng an den roten Markierungspunkten entlang, weil der „Weg“ dort am ehesten zu bewältigen ist. Sehr weit unter uns sehen wir unsere treuen Gepäckbewacher und hören Uwes Alpentenor, das stärkt doch sehr und motiviert für solche Extratouren.
Der weitere Weg bleibt im Österreichischen unterhalb des Kammes durch die „Schwarze Milz“. Wir umwandern eine Art Talrund um den Karlesbach, der tief unten seine Rinne gräbt und nur zu ahnen ist. Die spitzen, abweisenden Zacken des „Kratzer“ ragen hoch über uns in den blauen Himmel. Und dort oben erscheint etwas unwirklich hinter einem großen Felsblock ein Steinbockgehörn, aber auch nur dieses. Kein Tier, kaum Kopf, eigentlich nur die völlig unbeweglichen Hörner, so dass wir uns fragen, ob sich hoch da oben jemand einen Scherz gemacht und den tierischen Kopfschmuck da hin gepflanzt hat Ja, gibts denn so was ? Im Weitergehen bei strenger Beobachtung des Phänomens: Keine Änderung, aber schließlich – endlich! - sehen wir das Gehörn doch mal von der Seite. Also wohl doch kein Alpenscherzartikel. Dann läuft plötzlich über eine ganze Strecke vor uns ein Murmeltier auf unserem Weg, macht keine Anstalten, den markierten Pfad zu verlassen und will offenbar auch zur Kemptner Hütte, lässt uns für Touristenfotos ganz nah ran, völlig angstfrei. Was ist hier eigentlich los?
Mit Blick auf Mutterkopf und Oberes Mädelejoch nähern wir uns der Hütte, die sich plötzlich links tief unten im Sonnenschein zeigt. Der letzte Abstieg schon im Angesicht der Hütte ist noch mal etwas nervig, weil wir noch ein vorgelagertes Felsplateau umgehen müssen. Aber dann schmeckt der Rumkuchen auf der vollbesetzten Sonnenterrasse doch doppelt lecker. Wir schlafen im 2. Stock, u.a. im Adlerhorst.
Zur Hermann-von-Barth-Hütte
Mittwoch, 22.07. (Kemptner Hütte – Übergang Großer Krottenkopf – Hermann-von Barth-Hütte)
Wir verlassen die Kemptner Hütte ungern: Guter Service, Schuhraum im Keller mit Lokalkolorit, eine hochinteressante Schranke als Strömungshilfe mitten im Treppenhaus, die den Verkehr regelt und alle Aufsteiger einen kurzen Schlenker durch den Schankraum machen lässt. Die Behandlung von Daniels schlimmem Finger mit Hilfe hütteneigener Zugsalbe zeigt erste Erfolge, er kann den Berg wieder beidhändig angehen. Heute morgen lassen wir uns etwas Zeit mit dem Aufbruch, obwohl es draußen offenbar warm werden will.
Dann aber heftiger Aufstieg fast im Stück bis in die Krottenkopfscharte, wo es etwas zieht und sehr abschüssig ist. Trotzdem legen wir die Rucksäcke ab in leicht Absturz gefährdetem Gebiet:Als Ergebnis des Gruppenpalavers ergibt sich, dass fünf von uns den Großen Krottenkopf persönlich heimsuchen, Holger bewacht die Rucksäcke, so dass die Aufsteiger unbeschwert losklettern können.
Anfangs steiler Schotterweg, bald über breite Bänder, die immer wieder in Kletterstrecken übergehen. Wieder strenge Orientierung an den roten Punkten; wenn wir es mal nicht machen, bestraft uns schnell eine nicht bezwingbare Wegstrecke. Unterhalb des Gipfels überschreiten wir eine recht schräge größere Felsplatte, die wir bei diesem trockenen Wetter direkt als Profilwanderer begehen können. Hier erst merkt Manfred, welche Power in seinen Sohlen steckt. Es macht bis ganz oben zunehmend mehr Spaß, weil wir uns alle an der Grenze unserer bescheidenen Kletterfähigkeiten bewegen, und wir beschließen einstimmig, dass wir uns diesen Gipfel echt erarbeitet haben, weil es Tiefpunkte gab, an denen wir eigentlich schon resigniert umkehren wollten. Von oben Blick zurück auf die Krottenkopfscharte, Einblick in das gesamte Hermannskar, durch das unser weiterer Weg zur Hermann-von-Barth-Hütte führt, vorbei am Hermannskarsee, der von oben bläulich-weiß gefärbt ist durch seine Eisreste, die jetzt mit Neuschnee belegt sind. Der Abstieg vom Krottenkopf geht schon wesentlich routinierter als der doch etwas zögerliche Aufstieg und wieder mit strenger Orientierung an den roten Punkten,.
In der Scharte werden die Rucksäcke inzwischen von Manfred bewacht, der den Krottenkopf etwas schneller bezwungen hatte. Der Abstieg Richtung HVB-Hütte führt fast senkrecht durch eine Rinne, ein wenig versichert durch Seil und ein zartes Kettchen, gleich darunter auf schwierigem Pfad um einen kleinen Felsturm herum, aber dann liegt das Halbrund des Hermannskars vor uns. Wir entdecken gegenüber am anderen Karrand unsere Vorhut, die aus dieser Entfernung fast nicht voranzukommen scheint. Im Kar, das wie ein riesiges, halbes Sportstadion nach Süden ausgerichtet ist, wird es jetzt kurz nach der Mittagszeit sehr heiß, jeder feine Windhauch wird freudig begrüßt. Der Karsee trägt tatsächlich noch ein Eisgewand, bei der Hitze kaum vorstellbar.
Kurze Kletterstrecken fordern immer wieder Konzentration, aber dazwischen umrunden wir auf fast ebenem Weg das Kar und genießen den Stadionblick. In unsichtbarer Tiefe ahnen wir einen Bach, der sich lt. Karte hier im Kar aus mehreren Quellen sein Wasser sammelt, um damit den Lech zu erfreuen. Unfreundlich wird dann noch mal der Aufstieg zur Hermannskarspitze, oben gewinnen wir den Überblick über das Birgerkar, und wieder sehen wir weit vor uns schon am Ausgang des Kars unsere Voraustruppe, die gerade von der letzten Anhöhe zur HVB-Hütte absteigt. Aber so weit sind wir wohl noch lange nicht. Wir müssen zunächst auf dem Schotterweg unter dem Hermannsturm weit bergab rutschen und haben dann doch ziemlich rasch die Anhöhe oberhalb der Hütte zu fassen. Vorher vereint sich der Düsseldorfer Weg noch mit unserer Strecke, der am Ostrand des Birgerkars entlang nach großem Umweg auch zur Kemptner Hütte führt.
Die Hermann-von-Barth-Hütte ist sehr alt und vor allem urgemütlich, wir sind sehr angenehm überrascht im Kontrast zu den vorherigen Hütten, die eher „funktional“ ausgestattet und geführt sind. Geschlafen wird auf großem Matratzenlager, es ist etwas dunkel dort, mäßig eng, aber anheimelnd. Der Abendschnaps wird auf armlangem Holzbrett mit zig Vertiefungen fürs Stamperl gereicht; heute darf es Vogelbeere mit ziemlich heftigem Aroma sein.
Donnerstag, 23.07. (HVB-Hütte – Enzensberger Weg – Schönecker Scharte/Schwärzenscharte – Hinterhornbach)
Aufbruch wieder recht früh, nämlich kurz vor Acht, rasch verschwindet die Hütte hinter einer Felsnase. Genau hier liegt auf rund 2000 m Höhe ein waschechter Golfball, sicherlich ein Hinweis auf die weltweite Verbreitung dieser Sportart. Aber wo ist das nächste Loch ? Wir umwandern das erste Kar bei leicht diesigem Wetter, ahnen aber schon, dass die Sonne es heute gut mit uns meinen wird. Nach einer guten Stunde taucht für die Gruppe die Frage der Trennung auf, weil es nach Hinterhornbach einen weiten, etwas schwierigeren Weg gibt, und andererseits dazu die auch nicht einfache Variante über die Schönecker Scharte. Vier von uns, die MUMM-Gruppe, so benannt nach den Anfangsbuchstaben, will weit gehen; rasch verlieren wir uns aus dem Blickfeld. Umwanderung des Balschtekars auf einer Art Galerieweg, Ausblicke sehr tief nach unten bis ins Lechtal, das dort aber nur zu ahnen ist. Über den Balschtesattel kommen wir rasch voran, was in Anbetracht der kilometermäßig längeren Tour ganz günstig ist. Das nächste, ebenfalls sehr ausladende Kar oberhalb des Scheidbaches, der in der Tiefe in den Lech fließt, wird etwas quer durchwandert, oben am Fels sehen wir einen einsamen Gamsbock, der sich vor uns in der aufziehenden Mittagshitze in eine Felshöhle verzieht. Ach ja, und vorher im Balschtekar, erblickten wir ganz in der Tiefe eine einsame Gämse, die zunächst bewegungslos auf einem kleinen Schneefeld weit unter uns steht, sich dann hinlegt oder auch im Schnee einsinkt, das war aus der Entfernung nicht sicher zu unterscheiden. Was hat das zu bedeuten ? Im weiteren Verlauf sehen wir das Tier immer noch als schwarzen Fleck an gleicher Stelle und überlegen ernsthaft, ob wir da rettend eingreifen müssen. Manfred meint, zur Not werde der Adler die Angelegenheit schon richten. Abends erzählt Uwe, dass Gämsen sich auf diese Weise manchmal Kühlung verschaffen. Hoffentlich war das das Problem !
Auf dem Galerieweg am Rand des Kars werden immer wieder kleine Klettereinlagen geboten, Versicherungen gibt es hier kaum. Wir erreichen den Luxnacher Sattel und treffen hier den einzigen Menschen des Tages, der von Häselgehr am Lech aufgestiegen ist. Kurzer steiler Abstieg für uns, in zunehmender Hitze durch das Gliegerkar, wieder mit Gämsen, bis zur Griesscharte.
Die nächste Sorge bereitet uns dann ein Wegweiser aus Metall, der offenbar von Gesteinsbrocken gefällt wurde, und der aber doch versucht, liegend seine Arbeit fortzusetzen. In mühsamer Kleinarbeit bauen wir ihm eine Gesteinspyramide, in dessen Mitte er hoffentlich immer noch anzeigt, wo es langgeht, denn nur hier geht es zur Schwärzer Scharte.
Ab jetzt müssen wir steil bergan, und zwar heftig: In sehr kurzen Serpentinen geht es mit extrem steil aufwärts gestellter Schuhsohle auf schmalem Schotterweg nach oben, rutschen darf man hier kein Stück. Weiter oben wird es eher noch heftiger, jetzt aber mit Seilversicherungen über weite Strecken, auch über recht flach liegende Felsplatten, aber bei der Ausgesetztheit bleibt es ungemütlich, und die Seile sind sehr willkommen. Der Fels sieht hier aus wie in Stahlseile verpackt. Natürlich gewinnen wir schnell an Höhe, sehen hinter uns neben der Balschtescharte einen bis oben grasbewachsenen, steilwandigen, dachartigen Berg, unnahbar, aber mit Kreuz, unter uns einen kleinen, tiefblauen See. Schließlich, wir glauben schon, ganz oben zu sein, grüßt uns - noch wieder viel höher - der ultimative gelbe Wegweiser auf der Scharte gegen den blauen Himmel. Warum ist Bergsteigen manchmal so gemein ?
Also, noch mal in die Hände gespuckt und zum Schluss dann pikanterweise ohne Seilsicherung, die Wegebauer mögen sich gedacht haben , dass, wer bis hierher gekommen ist, nun ebenso gut ohne Sicherung auskommt, obwohl die Felswände am Wegrand neben uns weiterhin ins Uferlose führen. Kurz und gut, man kann nicht alles haben, aber mit einem Kletterstil, den wir als breitbeinig und vollhosig umschreiben, gelangen wir doch noch heil auf die Schwärzer Scharte, 2500 m hoch. Die Welt da unten ist noch da, aber so klein, wie sie so daliegt, erscheint sie doch nicht mehr so wichtig, wie sie immer tut. Rast, die Urbeleskarspitze mit ihren Schroffen imponiert aus unmittelbarer Nähe, den links liegenden Gipfel der Bretterspitze schenken wir uns, beobachten lieber den kleinen Grüngoldkäfer, der sich zu uns gesellt. Was will der hier oben ? Das fragt er sich offenbar auch, denn irgendwann wird ihm unser Geglotze zu viel, und er hebt einfach ab. Einfach so, ohne Seil, vermutlich ohne Herzklopfen und ohne eine Hütte in der Nähe.
Der Abstieg von hier oben möchte 1400 Höhenmeter von uns sehen, na gut, wir haben es vorher gewusst. Unsere beiden Rostocker, die gentechnisch eigentlich eher echte Sachsen sind, drücken das ganz anders aus, irgendwie dynamischer, nämlich dass es „runter zu“ jetzt 1400 Höhenmeter sind; das klingt doch schon mal nicht mehr so heftig. Und beim Anstieg – aber das erst wieder morgen - heißt es dann also „rauf zu“, ganz einfach. Also, nach unten oder auch runter zu geht es anfangs über kleinkalibrigen Schotter, dann folgen für unsere Verhältnisse einige größerkalibrige Klettereien, ein sehr abschüssiges Schneefeld im Urbeleskar, das etwas Kopfzerbrechen bereitet, dann sind wir aber auch schon am geschlossenen Kaufbeurer Haus. Zum Glück sprudelt vor der Haustür eine ergiebige Quelle, wir staunen, was wir heute an Flüssigkeit zu uns nehmen müssen, aber hier sind wir erst einmal in dieser Hinsicht gerettet. Weiterer Abstieg auf anmutig gerundeten Wegen durch Blumenwiesen, vor dem Felsrücken linkerhand tauchen wir durch Latschen-Föhren-Kieferngestrüpp am Wegrand in den rasch erwachsen werdenden Wald, und das ist auch gut so, denn ohne Schatten diese „letzten“ fast tausend Höhenmeter abzusteigen, hätte uns doch arg zugesetzt.
Die Waldzone ist schier endlos, es ist sehr still, die Luft steht in der Nachmittagssonne, Blumen ohne Ende, ein Rebhuhn versucht kurz, uns zu erschrecken, aber das schafft dann erst Manfred, als er im Abstiegstrott einfach mal platt nach vorn stolpert und mit viel Glück unverletzt unter seinem Rucksack hervor kriecht. Seit dem Verlassen der Schwärzer Scharte kommt zuverlässig vom anderen Manfred die Wieder-100 Höhenmeter-Geschafft-Ansage, so dass wir nicht ganz einschlummern bei diesem endlosen Abstieg. Dabei – eigentlich gibt es genug zu sehen, der Hochvogel grüßt schon mal herüber, aber den lernen wir ja erst morgen kennen, und es ist auch reizvoll zu beobachten, wie aus dem Spielzeugdorf Hinterhornbach allmählich doch noch etwas Menschenwürdiges wird. Allein diese Mikrokirche, jeder Märklineisenbahner würde sie sofort in seine Berglandschaft stellen, vielleicht sogar mit Bahnhof. Aber im Dorf selbst ist eher Tote Hose, hier begegnet uns in der Nachmittagsschwüle die träge Erwartung eines Abendgewitters, nachdem das Heu noch gerade rechtzeitig eingefahren wurde.
Hinter der grünen Brücke über den Hinterhornbach zeigt uns die Urbevölkerung den Weg zum „Adler“, das Gros unserer Truppe will allerdings im „Hochvogel“ nächtigen.
Pünktlich zum Abendessen bricht dann das Gewitter los, das in der Nacht offenbar noch viel Regen bringt, aber im „Adler“ ist davon wenig zu merken. Jedenfalls werden wir kulinarisch echt verwöhnt, der Chef kocht persönlich und hat im ersten Stock eine sehenswerte Sammlung von Kochbüchern mit exotischen Rezepten, Pilzgerichten, Erlesenem aus wirklich aller Welt in großen Vitrinen untergebracht, die er in seiner siebenjährigen Zeit als Schiffskoch zusammengetragen hat; und wir haben es geschmeckt.
Zum Prinz-Luitpold-Haus
Freitag, 24.07. (Hinterhornbach – Hochvogelüberquerung – Prinz-Luitpold-Haus)
Das Frühstück dürfen wir im „Privat“ einnehmen mit allem, was es auf der Hütte nicht gab, dann werden wir auch schon abgeholt von Jürgen aus „bei München“, der uns heute zusammen mit Heike aus Füssen über den Hochvogel führen soll. Die anderen kriechen sehr mühsam aus ihrem Quartier, dann Aufstieg durch die noch dampfenden Wiesen auf 1100m, auch der Wald ist noch sehr mit dem nächtlichen Gewitter beschäftigt, Daniel hängt etwas durch, Heike zieht netterweise alle Waldbremsen auf sich, so eine hatte uns gerade noch gefehlt. Erste Pause an der Onkel-Toni-Hütte, zur Zeit gerade bewohnt von einer jungen Frau, die hier wohl eine Auszeit nimmt. Daniel bleibt hier wg. lahm, schade, aber später erfahren wir, was ihn umhaute, jedenfalls nicht der Finger.
Die Ausblicke auf den Hochvogel sind schon jetzt überwältigend, überhaupt: Was für ein Berg ! In den nächsten Tagen sehen wir ihn immer wieder auch noch von fern: Imponierend, kantig, einfach unverkennbar, ein wenig wie eine Pyramide, deren abgerundete Steinstufen deutlich mehr Jahrtausende gesehen haben als die bei der Verwandschaft in Ägypten.
Aber – wir sind noch lange nicht oben. Das merken wir schon, als wir unterhalb des Gipfels einmal komplett queren müssen auf dem Bäumenheimer Weg. Tief unter uns grasen auf der Jochalpe einige Gämsen, auch eine sehr junge. Dann, im Kontrast zum bisherigen Weg, erfolgt der Gipfelangriff im Steilanstieg von der Westseite her, wo es doch heftig zur Sache geht: Mühsame Kletterei, recht schmale Tritte, wenig Versicherungen, eine Gruppe aus dem Schwarzwald teilt sich mit uns die Mühe und die Begeisterung, als endlich das Gipfelkreuz in Sicht kommt hinter einer „Gipfelmoräne“, die lt. Holger im Laufe der Zeit schon viel kleiner wurde. Etwas windige Gipfelrast, wir sehen nordwestlich den Bodensee, nein, den Atlantik noch nicht, aber noch sehr hohe schneebedeckte Berge offenbar in der Schweiz.
Abstieg nach Norden in ganz anderem, aber auch sehr brüchigem Gestein. Als wir später die Nordflanke von unten sehen, wundern wir uns über diesen schuttbedeckten ,Pyramidengipfel und darüber, dass man dort mit so wenigen Seilsicherungen herunter kommen kann. Zwischen Hochvogel und Kreuzspitze trennen wir uns dann von Heike und Jürgen, die durch das Fuchskar und über den Fuchsensattel absteigen, Daniel bei Onkel Toni abholen wollen, um dann von Hinterhornbach nach Füssen zurück zu fahren.
Die beiden steigen im „Kalten Winkel“ über den dort sehr steilen Restschnee ab, unter dem hier oben mehrere dicke Sicherungsseile verschwinden, die sicher sehr hilfreich wären, wenn man sie denn „greifbar“ hätte. Jedenfalls – vor fünf Jahren sollen sie noch obenauf gelegen haben. Die Absteiger werden schnell kleiner und sind beim letzten Juhu von der Kreuzspitze aus, die wir an sehr vielen Seilsicherungen umgehen, kaum noch zu hören. Diese Spitze gibt uns noch ein paar Aufgaben auf: Schmale Tritte auch hier, sehr enge Durchgänge, wo wir mit den Rucksäcken anstoßen, aber alle kommen heil durch. Wir sehen inzwischen das Prinz-Luitpold-Haus, viel weiter nördlich und sehr tief unten auch das Giebelhaus. Unterhalb der Kreuzspitze warten auf uns fast senkrecht abfallende Felswände, durch die irgend jemand eine Abstiegsroute „geseilt“ hat:Trotz vieler Versicherungen ist es eine schwierige Strecke, weil oft die passenden Tritte fehlen, und wir dann nur an den Armen hängen (das darf Günther aber nicht erfahren). Bis zum PLH zieht der Weg sich, dicke Wolken kommen über den Grat links und vor uns, wir machen etwas Dampf, trotzdem erwischt der Regen uns noch in der letzten Viertelstunde. Große Hütte, altes Gehäuse im Blockhausstil, leider innen neu vertäfelt, so dass der Anblick fast weh tut, wenn nicht Hunger und Durst den Blick in die Speisekarte gezwungen hätten. Ob PL das so gewollt hätte ? Wir schlafen später trotzdem gut in fast puppenstubenartigen Etagenbetten in Minizimmern.
Samstag, 25.07. (Prinz-Luitpold-Haus - Landsberger Hütte)
Es hat die ganze Nacht über geschüttet; direkt neben unserem sehr engen und entsprechend nachtwarmen Zimmer hat es auf ein volltönendes Blechdach getrommelt. Morgens soll es also erstmal langsam angehen, falls wir bei dem andauernden Regen hier auf der Hütte bleiben; trotzdem machen die Frühaufsteher die übliche Hektik: Daran müssen wir noch arbeiten. Jedenfalls - weiter schlafen is nich. Immer wieder zweifelnde Blicke vor die Tür, wo man aber nur beobachten kann, wie aus Schwachregen Starkregen wird – und umgekehrt. Dann aber, hoffnungsschwangere Schüttpause, und siehe, es gefällt der Reiseleitung, sofort aufzubrechen. Und das war auch gut so. Auf dem Jubiläumsweg geht es hoch zur Bockkarscharte. Begrüßung durch eine große Gamskommune mit einigen Jungtieren. Sie kommen sehr nah an uns vorbei, als sie zusätzlich durch unsere Störung noch vom Rettungshubschrauber aufgescheucht werden, der sehr geräuschvoll und aufwändig das PLH hinter uns anfliegt. Später steht die Herde gegenüber im Talgrund oberhalb des Fuchskarbachs.
Inzwischen fängt es wieder an zu regnen; der ganze Tag und Weg bleibt schauerdurchtränkt, man weiß gar nicht, wie man sein Regenkeep tragen soll, draußen drüber oder innen drin.
Beim Weitergehen jagen sich die Kare: Sattelkar, dann das Schänzlekar. Der Weg bietet immer wieder kurze Kletterstrecken dort, wo der schräge Grashang, an dem wir entlang gehen, zu steil wird, und er über seinen darunter liegenden Felsbrocken aufbricht. Zusätzlich wird es auf dem Gestein glatt, als wir durch ein eingeschnittenes steiles Bachbett größere Steinstufen überwinden müssen.
Der Saalfelder Höhenweg führt uns über das Kastenjoch, von wo aus die Gruppe MAU noch mal eben auf die Rote Spitze steigt, von wo sie aber auch – kaum oben – sofort wieder durch eine Regenwolke vertrieben wird. Unterbringung im Landsberger Nebenhaus, ein relatives Paradies der Stille, wohingegen es im Gastraum grässlich voll ist, und vor allem laut. Wir ziehen uns schließlich nach dem Essen genervt in unseren Matratzenraum im 1. Stock zurück, wo wir auch ganz gut unter dem Holzgebälk zu Füßen unserer Schlaflager sitzen können und entdecken beim Blick aus dem kleinen Fenster wieder die große Pferdeherde – wohl aus Haflinger Pferden bestehend – weit unterhalb der Hütte auf einem flachen Grashang, die wir vorhin schon beim Übersteigen des Kastenjochs gesichtet hatten. Was für eine Augenweide, diese sattbraunen Tiere mit der hellen Mähne auf dem dunklen Grasgrün vor dem Hintergrund der Felsgipfel ! Aber
Sonntag, 26. 07. (Landsberger Hütte - Kastenjoch – Schrecksee - Hinterstein/Neunerköpflebahn – Tannheim – Altstädten)
die Landsberger Hütte ist ungenießbar und völlig überlaufen, jedenfalls wohl am Wochenende: So ein Gewusel und Chaos, diese Lautstärke; die Besonderheit der Hüttenatmosphäre, die wir auf den anderen Hütten wie selbstverständlich genossen, ist völlig dahin dank Seilbahnnähe mit jeder Menge Tagesgästen und Verrohung aller alpiner Sitten durch Massentourismus: Hier handelt es sich um ein Ausflugslokal, das aus Versehen in den Bergen steht.
An sich ergreifen wir die Flucht, heute auf zwei getrennten Wegen: Die Gruppe MAUGUM macht die lange Tour, zunächst zurück auf das Kastenjoch, jetzt mit Ausblick über den kleinen Alplsee zur Rechten mit seinen kleinen Zuflüssen und über zig Schafe, die frühmorgens über die Scharte eingewandert sind, und natürlich auch wieder über die Marlboro-Pferde, die farblich unglaublich passend tief unten im satten Grün bei der Kastenalpe grasen, fast noch im morgendlichen Schatten der Gipfel. Was für ein friedliches Bild, die LH ist schnell vergessen, wir gehen auf dem Kastenjoch über den Kirchendachsattel zum Schrecksee, der sich völlig unschrecklich gut 100 m unter uns idyllisch mit grüner Insel, kleinem Sandstrand und sich spiegelnden Felsgipfeln und Karen entfaltet, der Blick von hier wirkt fast gebührenpflichtig. Der große Reiseschriftsteller Goethe hätte hier Stunden gehockt und mindestens Gedichte für die Nachwelt verfasst: Wir widmen uns stattdessen unserer Butterstulle. Alfonsa erzählt dabei, dass der See auch ganz anders kann, nämlich bei wildem Wetter wirklich schrecklich aussehen.
Der Abstieg geht rasch, wir kreuzen den Jubiläumsweg Richtung Rauhhorn, den wir heute nicht gehen wollen, ein Schild warnt vor der Staatsgrenze, ein anderes vor alpinen Gefahren. Wir sehen den letzteren mutig entgegen, sie bleiben uns aber bis hinunter nach Hinterstein erspart. Auch hier immer mal kleine Klettereien, zum Teil auf angenässtem Fels, dann wieder durch Wiesen mit schmatzendem Lehmboden. Unter der Materialseilbahn steigen wir in das Taufersbachtal ein, während sich hoch über uns gegen den stahlblauen Himmel klar abgehoben das Rauhhorn zeigt, wo wir ja eigentlich rüber wollten. Der Blick voraus geht schon lange auf die Vorläufer von Hinterstein. Auf der Höhe der Taufersalpe passieren wir ein großes Wasserbecken mit drei kräftigen Zuflüssen, das hier unten schon von Nadelwald umgeben ist. Der Abfluss zeigt sich erst beim Absteigen, als wir auf das Wasserkraft-E-Werk bei der Auelesbrücke stoßen, wo wir die im Prinzip autofreie Straße im Hintersteiner Tal erreichen. Die Bushaltestelle liegt direkt beim „Konstanzer Jägerhaus“, wo noch Zeit für eine Durstlösche bleibt.
Dann sehr flotte Verbindung zurück in die große Welt von Sonthofen-Altstädten, die „Sonne“ hat uns wieder, noch weit vor unserer Restgruppe, deren Bericht von Roswitha hier folgt:
Sonntag 26.7. (Landsberger Hütte)
Abstieg zum Neunerköpfle 8:30 Uhr
Holger, Uwe, Joachim, Manfred, Christa und Roswitha
Nach einer entspannten Wanderung hatten wir einen HARTEN Abstieg mit der Seilbahn nach Tannheim. Wir gehen ins Hotel Ritter, dem besten Haus am Platze, und setzen uns unter die schattenspendenden Bäume im Restaurantgarten.
13:40 Uhr ab mit dem Bus zum Oberjoch
KULINARISCHES ZWISCHENSPIEL: Pizzeria/Gelateria IL POMODORE, Rieseneisbecher für Alle!
Roswitha: "Was machen wir in der nächsten Pause, vielleicht einen Wein trinken? Ich bin so satt, ich kann nichts mehr essen."
Danach Manfred: "Ich könnte jetzt noch alle Eissorten durchprobieren, ich hatte noch nichts gegessen."
Roswitha: "Du hast doch im Hotel Ritter schon was gegessen."
Joachim: "Ja das war ja nur ein Apfelstrudel mit Sahne, das zählt nicht."
Manfred würde sich am liebsten in die Sonne legen, ein kleines Schläfchen machen und vorher bezahlen, falls er einen Hitzeschlag kriegt.
Legt sich dann ins Gras – ohne zu bezahlen – und schläft.
Holger: "Muß ein Holländer oder Belgier sein, die machen so was immer, schlafen an der Straße."
14:35 Uhr
Jetzt heißt es warten auf den Bus nach Hindelang, der 15:40 Uhr abfährt.
Holger: "Das schönste wäre, wenn wir runterkommen (mit dem Bus) und die anderen stehen da und steigen in ihn ein."
Joachim: "Das kann passieren."
Abschließender Kommentar von Roswitha: "Wir hatten einen schönen Abstieg, viel Freude miteinander und eine Menge Spaß!"
Die Geister scheiden sich
Am Montag, 27.07. (scheiden sich die Geister – Nesselwängle – Rote Flüh – Ehenbichl/Reutte)
nach dem Aufwachen in der „Sonne“ wird alles anders, denn ein Teil von uns muss abfahren, aber für die Gipfeljahresbilanz verbleiben noch gut 500 Jahre. Nachdem alle Abschiedstränen getrocknet sind, reisen die verbliebenen Acht über das Oberjoch vorbei am Haldensee nach Nesselwängle. Hier müssen unsere PKWs warten, weil wir die Rote Flüh angehen wollen, die wir von unten steil über uns blau umrahmt gegen den Sommerhimmel sehen. Wir gehen im Wald neben der Materialseilbahn; hier ist es zum Glück noch etwas kühler, aber trotzdem wird es uns jetzt am späten Vormittag beim Anstieg schnell warm. Kurze Rast am Gimpelhaus, das von unten gesehen wie ein Schiffsbug aus dem steil ansteigenden Wald ragt. Oberhalb der Baumgrenze haben wir dann wieder vollen Blick auf die Rote Flüh und vor allem den Gimpel direkt rechts daneben, mit dem Holger klettermäßig schon seine Erfahrungen gemacht hat. Der Weg quert am Fuß des Gimpel einmal komplett in Richtung Westen, unterhalb der Nessselwängler Scharte besteht für den Gimpelanstieg bereits ab hier Helmpflicht. Von der Judenscharte aus blicken wir in Richtung Norden ins „Flachland“, das eigentlich überhaupt nicht flach ist, aber von hier oben wirkt alles eingeebnet. Im Gimpelwestgrat, also direkt neben uns, hängt auch gerade jetzt wieder eine Seilschaft, offenbar im Abstieg.
Dann erfolgt unser Gipfel“angriff“, völlig unspektakulär über eine hier voll in den Granit gehauene Treppe mit Verseilung an beiden Seiten, man wähnt sich in Blankenese im Anstieg auf der Süllbergs Treppe. Zwei Hektiker rasen vorbei, rauf wie nachher auch runter, aber sie tragen Helme im Gepäck, das verpflichtet wohl zu mehr Tempo. Mit dem Anstieg wird der Blick in den flacheren Norden immer großartiger, ebenso auch nach Süden, von wo unser alter Freund, der Hochvogel, herüber grüßt. Die Gimpel-Westseite mit ihrer aktiven Seilschaft bleibt sehr nahe und übersichtlich, wir sitzen sozusagen als Passivkletterer in der ersten Reihe. Bei der Gipfelrast werden wir heftig umschwärmt von Myriaden kleiner Insekten, es sind wohl hochzeitende Ameisen. Abstieg in der Mittagshitze, der Schweiß rinnt jetzt heftig, sehr bald haben wir die 1000 Höhenmeter hinter uns.
Uwe hat uns Quartier besorgt in Ehenbichel bei Reutte in der Pension „Hohenrainer“, zum Essen gehen wir kurz durch den Ort nach unten zum Drei-Sterne-Hotel „Maximilian“, ein Familienbetrieb mit besonderem Reiz, der uns sehr zusagt, nicht zuletzt wg. seiner Kulinarien.
Dienstag, 28.07. (Sightseeing: Schloss Linderhof – Kloster Ettal - Füssen für Anfänger und Fortgeschrittene)
Heute ist Gerdas Geburtstag, was erst sehr zögerlich ans Tageslicht dringt, aber unsere Gipfel-Jahre-Statistik natürlich sofort weiter bringt. Geplant ist für diesen Tag eine Führung durch die Stadt Füssen ohne Gipfelambitionen, aber unter der gediegenen Betreuung von Heikes Eltern, die sozusagen Berufsfüssener sind. Dichter Regen unterstützt diese für eine Bergfahrt ja etwas ungewöhnliche Touristik-Einlage, am Berg hätten wir aber heute eh nur alt ausgesehen. Aber in Linderhof ist es schon wieder trocken, so dass wir eine sehenswerte Runde ablaufen und dabei einen überzeugenden Einblick in den damaligen Geisteszustand von Ludwig II. erhalten. Ettal, das wir danach anfahren, ist immer noch völlig überladen, auch von Touristen.
Und Füssen? Wunderbare Führung oder eher Familienspaziergang mit Rita und Hermann durch eine auf Anhieb sehr gemütlich wirkende kleine Stadt mit vielen Besonderheiten im Detail, ich glaube, wir kommen alle sehr gern wieder hier her. Abendessen in der Füssener „Krone“, mit Haxen und anderen bayrischen Schweinereien, unterlegt mit deftiger Musik. Bei der Rückkehr haben wir in Ehenbichel dann vom Balkon einen direkten Blick auf die romantisch beleuchtete Ehrenberg-Burg etwa 400 m über uns.
Mittwoch, 29. 07. (Säuling über Säulinghaus)
Anfahrt wieder bis zum Wald am Fuß des Säuling, auch heute ideale Wetterbedingungen wie vor zwei Tagen an der Roten Flüh mit morgendlicher Kühle im Schatten am Westhang. Stille im Wald, aber im Hintergrund, wohl von einem gegenüberliegenden Hang herüber, rumort klickend mit regelmäßigem Rhythmus eine Art Ramme, wie man sie aus dem Hamburger Hafen kennt. Vielleicht wird dort Gestein bearbeitet, aber mit einer Ausdauer, am Nachmittag nämlich immer noch. Sehr stetiger Anstieg, sechs gehen mit, unser Zweier-Voraustrupp ist AU , nach zwei Stunden erreichen wir das Säulinghaus. Kurze Einkehr, Rundblick, der hier noch vom Wald begrenzt wird.
Fünf steigen weiter auf dem plötzlich ganz andersartigen Weg: Er ist jetzt steil, felsig, der Wald kann hier im Gestein nicht mehr folgen, ohne Klettern geht es nicht mehr, aber viele Seile helfen sehr, weil der Anstieg in sehr ausgesetztem Terrain erfolgen muss, und ein Fehltritt mal wieder nicht drin ist über die nächsten 250 Höhenmeter. Offenbar waren hier vor uns schon sehr viele Aspiranten, die Trittsteine und Griffe sind z. T. unangenehm glatt geschliffen und sogar glänzend poliert. Aber wir kommen gut voran.
Oben auf der Scharte hat sich auf einer winzigen Ebene ein Stückchen Wiese ausgebreitet, das uns an den Gipfelkegel heranführt. Hier ist menschenmäßig allerhand los, man sieht überall Leute auf allen vieren über die großen, übereinander getürmten Felsbrocken klettern, auf dem Gipfel ist aber noch Platz für uns. Der Blick erfasst den Forggensee, Reutte und den Lech über eine ganze Strecke, Neuschwanstein und Hohenschwangau über dem flacheren Tannheimer Land mit seinen kleinen Dörfern, dazwischen einige Seen mit ihrer unterschiedlichen Tiefengrüne, eine Zwergenwelt da unten. Weit weg jetzt schon der Hochvogel, die Zugspitze ist erkennbar, weit im Süden zeigen sich schneebedeckte Riesen, vermutlich im Ötztal oder im Stubai. Die Gipfeldohlen stauben wieder reichlich bei der Vesper ab, Alfonsa versieht den Gipfelservice gewissenhaft wie immer. Runter zu – um es mal wieder etwas sächsischer auszudrücken – ist es nicht gerade einfacher, weil man nicht nur auf den Tritt achten, sondern auch noch mal in die wie auf einem Teller vor uns liegende Landschaft blicken muss, ein bedenklicher Vorgang. Es wird in der Sonne unerträglich heiß, wir schenken uns die ursprünglich angedachte Umwanderung des ganzen Felsareals zu Gunsten einer viel schnelleren Rückkehr an die Erfrischungsquellen im Säulinghaus. Übrigens ist in diesem Jahr die Johannisbeerschorle gegen den gemeinen Bergdurst in unserer Gruppe absolut Trumpf. Unterhalb des Säulinghauses nur Hitze und wenig Schatten. Die Bergramme hat tatsächlich seit heute Morgen durchgehalten und ist weiter unten als Krachmacher im Einsatz, Feierabend gibt es da wohl nicht.
Abends kulinarisches Aufbautraining im „Maximilian“; diesmal zeigt uns der Ober, wie man auch in einem feineren Haus eine wacklige Sitzbank mit gezielten Schlägen eines Holzscheites im Nu wieder stabil machen kann.
Donnerstag, 30. 07. (Burgenwelt Ehrenberg – Festung Schlosskopf)
An diesem letzten Tag wollen wir noch einmal Tourist sein und wandern durch die Wiesen von Ehenbichel und den angrenzenden Wald in Richtung Mittelalter und folgende Jahrhunderte. Von den umfangreichen Burganlagen ist vieles erhalten geblieben, in Schaubildern sieht man, wie hier von Berg zu Berg gekämpft wurde, man mag es sich in dieser stillen, waldreichen Bergregion gar nicht vorstellen. Vor ein paar Tagen gab es hier noch Ritterspiele in Anspielung an alte Zeiten.
Das Abendessen sieht uns schon wieder im „Maximilian“, ein Grillmeister zelebriert Tierisches im Innenhof, wir verzichten, weil wir uns lieber noch einmal mit den Köstlichkeiten der Speisekarte beschäftigen wollen. Heute geht alles ein bisschen daneben, worüber unser Ober herzlich mit uns zusammen lachen kann. Ein Haus mit besonderem Charme!
Freitag, 31. 07. (sieht uns auf der Rückreise)
Der Vollständigkeit halber sind hier noch einmal alle Teilnehmer dieser Tour aufgeführt, die jeder für sich mit geholfen haben, ihre insgesamt 750 Jahre auf die Gipfel zu tragen: Holger und Daniel, Uwe und Christa und Uwe aus Rottach, Gerda, Roswitha, Manfred und Ulrike aus Rostock und Manfred aus Hamburg, Alfonsa, Joachim, Mathias, ja, und eigentlich auch Günther, aber der hat entschuldigt gefehlt.
Mathias Rink






















