Mustagh Ata - von 7 auf 7000 Meter
Als Norddeutscher aus dem flachen Stade auf einen Siebentausender, das wäre doch was. Nach Sechstausendern in Südamerika reifte schon in den Neunzigern der Wunsch nach einem noch größeren Wurf. Der Pik Lenin (7134 m) von Kirgisien aus oder der Mustagh Ata ganz im Westen Chinas (7546 m), das ließe sich mit dem Beruf vereinbaren.
Während ich 2004 noch auf 6900 m am „Vater der Eisgebirge“ in China scheiterte, glückte mir am 26. Juli 2009 der Gipfelerfolg. 2004 über den berühmten Karakorum-Highway und Pakistan mit Blick auf den Nanga Parbat angereist, ging es 2009 über Kirgisien und den 4300 m hohen Torugart-Pass nach China, genauer gesagt in die muslimische Provinz Sinkiang, in der die Chinesen die einheimischen Uiguren unterdrücken, vergleiche Tibet, nur dass die Uiguren als Moslems im Westen wenig Freunde haben.
Aber das ist ein eigenes Thema... Veranstalter beide Male Amical alpin, geleitet vom ersten deutschen Bergsteiger, der alle vierzehn Achttausender bestiegen hat.
Am siebten Tag der Reise kamen wir im Basislager (4425 m) an. Sechzehn Tage standen nun zur Verfügung. Drei Aufstiege in die Hochlager waren notwendig, um die Lasten zu transportieren, aber natürlich auch zur Akklimatisation.
Lager 1 stand auf 5400 m, Lager 2 auf 6100 m und Lager 3 auf 6700 m.
Am elften der sechzehn Bergtage standen wir fünf Schneeschuhgeher, eine Skitourengeherin plus unser österreichischer Bergführer Herbert Rainer aus dem Pinzgau auf dem 7546 m hohen kleinen Felsgipfel, der nach Osten steil zur Taklamakan-Wüste abbricht.
Ich war gerührt, ein paar Tränchen kullerten, aber die Emotionen waren geringer als erwartet. Ich hätte – der Leser verzeihe mir dieses Selbstlob – auch noch weiter laufen können, wie bei einem Marathon an einem guten Tag.
Was braucht man für solch einen Gipfel? Ganz sicher gute Bedingungen, also wenig Wind und wenig Neuschnee. Zweitens natürlich Höhenerfahrung. Das Schlafen in den Hochlagern mit endlosem Schneeschmelzen gehört sicher nicht immer zu den Glücksmomenten. Drittens eine gute Taktik: Nicht zu viele Nächte in den Hochlagern verbringen, wir hatten nur sechs, inklusive Abstieg. Viertens natürlich Fitness. Sechzig bis neunzig Minuten sollte man schon am Stück beim Joggen durchhalten, auch mit Steigungen. Und fünftens – auch wenn es theatralisch klingt – eine gewisse Leidensfähigkeit. Man sollte Durchfall, Übelkeit oder Kopfweh ertragen können, ohne gleich aufzugeben.
Ist der Mustagh Ata nun ein „leichter Gipfel“? Technisch ist er in der Tat nicht schwieriger als der Mont Blanc oder der Dom in der Schweiz. Ihn zu unterschätzen hat aber schon viele gereut. Gerade die vermeintlich leichten Gipfel wie der Aconcagua in Argentinien oder eben der Mustagh Ata haben eine verblüffend geringe Erfolgsquote von weit unter 50 Prozent. Es soll nicht schulmeisterlich klingen, aber vor Hochmut sei beim Höhenbergsteigen ausdrücklich gewarnt!
Vier ereignisreiche Wochen in Kirgisien und China liegen hinter mir. Vieles kann hier nur angerissen werden, die endlosen Grenzkontrollen, die chinesische Militärpräsenz, die alte Stadt Kashgar an der Seidenstraße, viele freundliche Menschen...All dies hat sich mir tief eingeprägt – über allem thront der 7546 m hohe Mustagh Ata im fernen Sinkiang.
Der 26. Juli 2009 wird mir unvergessen bleiben. Wer sich näher informieren möchte, kann sich gern an mich wenden.
Klaus Grade, Gruppe Stade, berge_stade@gmx.de








