100-km-Wanderung (2010)

Ich wandere die 100 km, weil mir ein Taxi einfach zu teuer ist!
                                                                                      
Wieder waren die „Spezialisten“ des  Weitwanderns unterwegs. Nach einem langen und schneereichen Winter trafen sich am 15. Mai die  Freunde der heißen Socke (der Spruch ist nicht von mir, sondern von unserem allseits geschätzten Initiator, Wegbereiter und Wanderfreund Heinrich Simon) in Gülzow nahe Schwarzenbek zur diesjährigen 100-km-Wanderung.

Bis die genaue Wanderstrecke festgelegt war, bedurfte es im Vorfeld nicht nur des intensiven Studierens der Wanderkarte, sondern auch diverser Testwanderungen, um herauszufinden, welcher Weg begehbar ist.
Heinrich Simon hatte wieder eine tolle Strecke für uns ausgesucht und zusammen mit Susanne Timm, Jürgen Lockhausen und anderen Wanderfreunden in vielen Stunden und insgesamt 405 Testkilometern diese Tour erwandert. Danke an alle, die für den reibungslosen Ablauf und den Erfolg dieser 100-km-Wanderung in einer landschaftlich schönen und reizvollen Gegend beigetragen haben.

Pünktlich um 6 Uhr starteten 12 motivierte Wanderfreunde (9 Männer und 3 Frauen) bei bedecktem Himmel, trockenem Wetter und erfrischenden 6 °C zur 1. Etappe. Es ging von Gülzow über Neu Gülzow - Gut Hasenthal - Geestacht, nördlicher Waldrand – Heidbergring - Bistal quer durch den Sachsenwald. (Der Sachsenwald stellt mit knapp 70 km² Schleswig-Holsteins größtes zusammenhängendes Waldgebiet dar und hat einen reichen Baumbestand von Buchen und Eichen). Um 09:10 Uhr machten wir nach 15 km unsere 1. Pause, die sich dann ca. alle 3Std. wiederholen sollte.

Gegen10 Uhr verschwand der graue Himmel und zu unser aller Freude trat die Sonne hervor und wärmte mit ihren zaghaften Strahlen unsere Gesichter, was uns beim Wandern sehr gut tat. Um 12:00 Uhr erreichten wir Friedrichsruh mit dem Bismarck Mausoleum. (Jürgen rettete am Bahnsteig Friedrichsruh einem Maikäfer das Leben, der sich auf dem Gehweg sonnte, indem er Ihn in ein Blätterwerk setzte und so der Gefahr zertreten zu werden entkam).
Heinrich Simon und Susanne Timm sorgten unermüdlich dafür, dass wir auf dem rechten Weg blieben und überprüften dies auf der Karte.

Es ging weiter durch den schönen Sachsenwald nach Aumühle, wo uns ab 12:30 Uhr nach 29,5 km die Wanderin Regine Landwehr für den Rest der 1. Etappe begleitete. Alle waren bestens gelaunt, man spürte die Freude der Teilnehmer am Wandern. Ab Aumühle  ging es weiter durch das Tal  (Naturschutzgebiet) der  Bille (sie hat eine Länge von 65 km, wovon 42 km durch Schleswig-Holstein verlaufen, der Rest durch Hamburg) Richtung Grande, dann durch den nordöstlichen Sachsenwald bis Schwarzenbek über Gülzower Holz, Fasanenhaus, zurück nach Gülzow  das wir nach 63,5 km um 20:45 Uhr erreichten. In Gülzow versperrte ein unfreundlicher Herr unserer Nachhut (Jürgen und Sönke waren schon vorausgegangen) den Weg durch den Gutshof mit dem Hinweis auf seine Hunde, die aber zu unserem Glück gerade gefüttert wurden. Er sollte lieber ein Schild am Zugang seines Grundstückes anbringen:„Privat, Zutritt verboten!“ Am Ende der 1. Etappe schloss sich uns ein Wanderpärchen an, das nur für diese Nachtwanderung angetreten war.

Hier entschied sich nun, wer noch Fit genug für die Nachtwanderung war!
Erfreulicherweise fanden sich 6 Wagemutige (das waren Susanne Timm, Heinrich Simon, Sönke Griem, Jürgen Lockhausen, Toralf Kröplin und meine Person, sowie die 2 neu eingetroffenen Wanderer. Nachdem wir uns „etwas frisch gemacht“ und einen Happen gegessen hatten starteten wir um 21:10 Uhr auf in die Nacht. Es ging von Gülzow über Wiershop, Alte Ziegelei, Avendorfer Forst bis zum Elbufer nach Lauenburg, das wir um 02:00 Uhr erreichten.
Nachdem sich in Lauenburg Susanne, Toralf und Heinrich bei km 82,5 verabschiedet hatten, übernahm nach gründlicher Einweisung von Heinrich, Jürgen die Verantwortung für die Reststrecke durch die Nacht. Das Wetter – bis dahin schon 3 Stunden Regen – wurde immer nasser. Am Elbe-Lübeck-Kanal war es so stürmisch, dass der inzwischen sehr starke Regen waagerecht von der linken Seite auf uns traf und wir aufpassen mussten nicht im Kanal zu landen.

Die von Heinrich anlässlich der Testwanderungen gesetzten Doppelpunkte (Duftmarken!) waren bei der Orientierung vor allem in der Dunkelheit sehr hilfreich; wir bogen daher richtig vom Elbe-Lübeck-Kanal nach Basedow ab. Hier überprüften wir bei einer kleinen Verschnaufpause die Wanderkarte, die uns Heinrich überlassen hatte. Leider wurde die eingetragene Route mit allen Markierungen durch den starken Regen so verwischt, dass der weitere Verlauf der Strecke nicht mehr zu erkennen war. Daher entschieden wir auf der Hauptstraße über Lütau, nach Gülzow zu laufen. Der Sturm und auch der Regen ließen erst kurz vor dem Ziel in Gülzow etwas nach, das wir am Morgen nach einem strammen Marsch nach 36,5 km aber bei bester Laune und etwas müde um 05:25 Uhr erreichten.

Anmerkung zur Wanderung: Sönke, Jürgen und Horst schafften die nachträglich errechneten 100 km. Beide Teilstrecken sind landschaftlich sehr anspruchsvoll und ziemlich kraftraubend, und sie erforderten auf Wegen und Pfaden z. T. große Trittsicherheit. Heinrich und Hieronymus sind sicher, dass am Bille-Hochufer wegen der vielen kleinen Kurven der auf der Kante gemessenen Strecke mindestens 2 km zugeschlagen werden müssen. Daher für die 1. Teilstrecke 63,5 km. Auch beim flotten Vorbeimarschieren fielen uns die verwunschenen, völlig überrankten Hexenhäuser auf, auch einige total ruinös verfallene Gebäude, z. B. der „Fasanenhof“ nördlich von Gülzow. Heinrich überlegt, die zweite Etappe tagsüber als Bußtags-Wanderung im Herbst anzubieten, allerdings bei hoffentlich besserem Wetter.

Zu meiner Person: ich bin 57 Jahre alt, wohne in Berlin und bin in diesem Jahr zu meiner fünften, aber - so Gott will - nicht meiner letzten 100-km-Wanderung gestartet. Wenn mich wieder einmal Freunde oder Bekannte fragen: Warum machst Du das? Was hast Du davon? Warum tust Du dir das an? Was soll ich ihnen antworten? Soll ich sagen, es ist die Herausforderung so etwas zu schaffen, ausprobieren was geht, leiden lernen ohne zu klagen? Oder ist es das Gefühl mit Gleichgesinnten und inzwischen lieb gewordenen Wanderfreunden, einen Tag und eine Nacht gemeinsam Fuß an Fuß, Schulter an Schulter und in Gedanken versunken durch den Tag und auch durch die Nacht bei Sonne, Wind und manchmal auch Regen zu ziehen, dann in der Morgendämmerung das erwachen der Vögel zu erleben, dem Sonnenaufgang und damit dem Ziel entgegen, dann das Gefühl es wieder geschafft zu haben? Würden sie mich verstehen...? Ich weiß es nicht, also antworte ich, wenn ich wieder einmal gefragt werde „Warum machst Du das?“  „Ich wandere, weil mir ein Taxi einfach zu teuer ist“, aber halt, es gibt eine Antwort.

Du könntest es verstehen: Mach einfach mit, wenn Heinrich wieder aufruft „wir starten zur 100-km-Wanderung“! Also bis zum nächsten Mal, ich hoffe wir sehen uns.

Euer Wanderfreund  Horst Strunk

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